Hier qualmt die Maus

Kinogeschichte vor dem Kinosaal: J. P. Storm (li.) zeigt seine Micky-Ausstellung in der Lichtburg.
Kinogeschichte vor dem Kinosaal: J. P. Storm (li.) zeigt seine Micky-Ausstellung in der Lichtburg.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Trickfilm-Star, der rauchte, trank und den Nazis nicht gefiel: Eine Ausstellung in der Lichtburg erinnert an die Anfänge von „Micky“ vor 85 Jahren

Essen.. Ihr Name ist Micky, ohne e. Der ist im deutschen Namen von Walt Disneys berühmtester Zeichentrick-Figur irgendwie rausgefallen. Trotzdem hat Micky in Deutschland eine ebensolche Karriere hingelegt wie ihr amerikanisches Pendant. Und dabei noch einige zusätzliche Freiheiten gehabt. Davon erzählt eine Ausstellung in der Lichtburg, die der Zeichenfilmhistoriker J. P. Storm zusammengestellt hat. Storm hat sich jahrzehntelang in diversen Archiven, Museen und Bibliotheken rumgetrieben, um die nötigen Aufzeichnungen für seine Ausstellung „Micky das Tonfilm-Wunder“ zu sammeln.

Das Ergebnis sind 31 Schautafeln, die ab sofort im Foyer der Lichtburg ausgestellt sind – auf den Tag genau 85 Jahre später nachdem die Maus im Zeichentrickfilm „Im Tier-Varieté“ ihren ersten Auftritt in Deutschlands traditionsreichem Kino hatte.

J. P. Storm erinnert mit der Ausstellung an Kinogeschichte, wie sie bislang nur selten dokumentiert wurde. Da hängen unter anderem Zeichnungen, auf denen Mickys Frau Brüste hat oder Bilder auf denen sich Micky prügelte, Alkohol trank, Zigaretten rauchte und alles tat, was dem amerikanischen Pendant mit „e“ nie gestattet wurde. „Micky war damals nicht mehr wegzudenken und die populärste Figur dieser Zeit“, sagt Storm.

Obwohl die Nationalsozialisten die berühmte Maus eigentlich lieber von den Kinoleinwänden und aus den Geschäften verbannt hätten. In einer mahnenden Publikation von 1931 hieß es: „Das gesunde Gefühl sagt eigentlich jedem anständigen Mädchen und jedem ehrlichen Jungen von selbst, dass das schmutzigste und mit Dreck behaftete Ungeziefer, der große Bakterienträger im Tierreich, nicht zum idealen Tiertypus gemacht werden kann...“

Micky setzte sich trotzdem durch – und wie! Anders als in Amerika, wo alles rund um die Maus strengstens von Disney überwacht wurde, nutzten vor allem deutsche Firmen die Figur als Werbeträger. Auf diversen Plakaten wirbt die Kultfigur für Kondome, Schnaps oder Wischmops. Auch die Essener Kaffeefirma Rolfe lockt mit der Maus, wie aus einer Werbeanzeige von 1934 hervorgeht.

Porzellanfigur für zwei Reichsmark

1930 wurde in Deutschland sogar das erste Micky-Spielzeug hergestellt – noch vor den USA. Zunächst allerdings ohne Lizenzen des Erfinders Walt Disney. Die wurden erst später an die Firmen Schildkröt, Schuco, Rosenthal und Steiff vergeben. Schnell kamen die ersten offiziellen Micky-Stofftiere und -Porzellanfiguren auf den Markt, für die Sammler heute ein Vermögen ausgeben würden – vorausgesetzt, die begehrten Stücke sind überhaupt noch aufzufinden.

J. P. Storm zeigt auf ein Bild einer Porzellanfigur, das damals einen Preis von zwei Reichsmark hatte: „Heute würde man für diese Figur 1000 Euro bezahlen“, weiß der Essener, der ebenfalls Merchandise-Produkte rund um die Maus sammelt. Etwa 10 000 Teile haben sich im Laufe der Zeit bei ihm angehäuft. Einige Stücke würde er gerne einmal der Öffentlichkeit präsentieren. „Vielleicht im Rahmen einer Ausstellung im Einkaufszentrum am Limbecker Platz...“, so die Idee. Micky ist schließlich Verkaufs-Experte.