Hauptschulen – da waren’s nur noch vier

Nur neun neu angemeldete Kinder – das sei, so Schuldezernent Peter Renzel, „nicht tragfähig“ für den Aufbau einer Eingangsklasse an der Hauptschule Bischoffstraße im Norden Altenessens
Nur neun neu angemeldete Kinder – das sei, so Schuldezernent Peter Renzel, „nicht tragfähig“ für den Aufbau einer Eingangsklasse an der Hauptschule Bischoffstraße im Norden Altenessens
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Standort an der Bischoffstraße in Altenessen wird auf Sicht aufgegeben. Bilanz der Schulanmeldungen offenbart starken Stand der Gymnasien – und neuen Schub für Realschulen.

Essen..  „Sich wohl fühlen und lernen“ – so lautet das Schulmotto in der Hauptschule an der Bischoffstraße. Aber was nützt das schönste Versprechen, wenn der Ruf einer ganzen Schulform im Eimer ist? Zum Ende der Anmeldefrist für stadtweit 4.676 künftige Fünftklässler zählte die Stadt für den Standort Bischoffstraße gerade mal neun angemeldete Kinder – eindeutig zu wenig, um zum Schuljahr 2015/16 eine neue Eingangsklasse zu bilden, selbst wenn noch zwei, drei Kinder mit besonderem sonderpädagogischem Förderprogramm hinzukommen sollten.

Und so verkündete Schul- und Sozialdezernent Peter Renzel am vergangenen Samstag die einzige „Hiobsbotschaft“ des diesjährigen Anmeldeverfahrens für die weiterführenden Schulen: Die Hauptschule Bischoffstraße wird mittelfristig aufgegeben.

Die neun angemeldeten Kinder werde man dieser Tage in „handverlesenen Gesprächen“ an andere Standorte vermitteln, und natürlich sollen die 363 jungen Leute, die nach den Sommerferien hier noch Unterricht haben, nicht unter dem geordneten Rückzug leiden. Doch umkehrbar ist da nichts mehr.

Sehr zum Bedauern Renzels, der als einstiger Hauptschüler persönlich als gutes Beispiel dafür dienen könnte, warum man diese Schulform nicht unterschätzen sollte. „Die Schüler sind dort in guten Händen“, sagt auch Regine Möllenbeck, die Leiterin des städtischen Fachbereichs Schule und verweist darauf, dass vermutlich 49 junge Leute die Bischoffstraße mit der Fachoberschulreife verlassen werden.

2.124 neue „Pennäler“

Doch was helfen all die Beteuerungen, „der Trend ist anscheinend unaufhaltsam – die Hauptschule wird letztlich abgewählt“, sagt der Schuldezernent mit Blick auf stadtweit insgesamt 89 Anmeldungen (= 1,9 Prozent der Viertklässler) achselzuckend. Die Hauptschule ist längst zur Nebensache geworden, seit 2008 schrumpfte der Bestand an den Standorten um zwei Drittel, übrig bleiben nach dem Sommer nur noch die vier Standorte Katernberg im Norden, Bochold im Westen, Steele im Osten und an der Wächtlerstraße südlich des Stadtzentrums. Weniger geht wohl kaum, schon wegen der Schulwege: „Dann wird’s eng“, bekennt Renzel, der sich gleichwohl dem Anmeldetrend der Eltern für ihre Sprösslinge nicht verschließen kann: „Wenn’s irgendwie passt, wechseln die lieber zur Realschule – die ist für sie mit anderen Lebensperspektiven verbunden.“

Und das lässt sich auch an den Zahlen ablesen: Nach einem Durchgänger erleben die Realschulen einen neuen Schub und kommen in diesem Sommer auf die höchste Anmeldequote seit 13 Jahren: 1.188 Schülerinnen und Schüler, das sind 25,4 Prozent. Größtenteils stabil die Zahl der angehenden Gymnasiasten: 2.124 neue „Pennäler“ gibt es nach den Sommerferien, das sind 45,2 Prozent der angemeldeten Kinder. Dagegen sacken die Gesamtschulen in der Beliebtheit ab – auf nur noch 1002, eine Quote von 21,4 Prozent – und ein neuer Tiefststand.

Schuldezernent Peter Renzel sieht in der Anmelde-Statistik anno 2015 ein Zeichen von Bestätigung für die Schulstruktur der Stadt. Die werde vorerst wohl auch stabil bleiben: Angesichts wachsender Schüler-Zahlen „werden wir auf viele Jahre hinaus keine Schulschließungen vornehmen müssen“.

So stabil auch das Schulgefüge insgesamt sein mag – mancherorts wird man „umsteuern“ müssen, wie Schulderzernent Peter Renzel das nennt – etwa weil das Gymnasium Überruhr förmlich von Interessenten überrannt wurde: 181 Anmeldungen wurden dort gezählt – 50 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

„Ganztag hat sich etabliert“

Diese Detail-Arbeiten beginnen ab heute – inklusive der Deutungen, warum die Anmeldezahlen für einige Schulen abgerutscht, für andere wiederum sprunghaft gestiegen sind. Das Wagnis etwa, zum Abitur nach neun Jahren zurückzukehren, hat sich für das Gymnasium Borbeck offenbar ausgezahlt – während das Mädchengymnasium wenige hundert Meter weiter etwa arg Federn lassen muste.

Renzel zeigte sich am Wochenende „froh, dass auch der Ganztag sich etabliert“ hat – angeboten derzeit von den Gymnasien Überruhr, Nord-Ost und Maria-Wächtler. Daneben seien die integrativen Gruppen auf einem guten Weg.

Vor besondere Herausforderungen sieht sich die Stadt in schulischer Hinsicht bei der Betreuung von Flüchtlingen gestellt: Gerade mal 20 Tage gibt man sich, um in einer Art „Profiling“ herauszufinden, welches Kind, welcher Jugendliche wo als Seiteneinsteiger in den Unterricht einsteigen kann – gerechnet ab dem Tag, wo die endgültige Unterkunft feststeht, denn in der Phase der Erstaufnahme macht ein solches Verfahren selbstredend keinen Sinn.

Eine solche Zielvorgabe gilt schon deshalb als ambitioniert, weil man es mal mit jungen Leuten zu tun hat, die exzellentes Gymnasial-Niveau aufweisen und bloß die deutsche Sprache nicht kennen. Oder mitunter als Jugendliche aus einem Land mit einer ganz anderen Schriftsprache stammen – und nicht einmal die beherrschen.

Doch Bangemachen gilt nicht: „Wir rennen denen auch hinterher“, sagt Renzel, und zwar ohne zu unterscheiden, ob ein Kind hier eine dauerhafte Lebensperspektive in Deutschland hat oder ob da jemand vor der Tür steht, dessen Herkunft absehbar nicht zu einem genehmigten Asyl-Status führt, wie etwa die Menschen vom Westbalkan.