Hare Krishna an der Ruhr

Ein friedlicher Ort: Mohanlal (links) und Usha Thakkar in ihrem Gebetsraum. Besonders stolz sind sie auf eine Holzfigur des Philosophen Krishna.
Ein friedlicher Ort: Mohanlal (links) und Usha Thakkar in ihrem Gebetsraum. Besonders stolz sind sie auf eine Holzfigur des Philosophen Krishna.
Foto: FUNKE FotoServices
Was wir bereits wissen
Wie leben eigentlich unsere indischen Mitbürger? Die NRZ war bei Usha Thakkar von der Deutsch-Indischen Gesellschaft bei einem traditionellen Essen zu Gast

Essen.. Wer Usha Thakkar zuhause besucht, lässt das Ruhrgebiet für einen Augenblick hinter sich und fühlt sich in eine andere Sphäre versetzt – eine Welt voller Spiritualität und neuer Sinneseindrücke. Hier, in einer ländlichen Siedlung in Bottrop, lebt die Vorsitzende der Essener Zweigstelle der Deutsch-Indischen Gesellschaft (DIG) mit ihrem Mann Mohanlal. Sie steckt gerade mitten in den Vorbereitungen für den Indientag, der heute in der VHS stattfinden wird. In ihrem Haus erinnert alles an ihre erste Heimat. Heute trägt die 80-Jährige einen Tarsi, ein traditionelles Gewand in leuchtenden Farben, sowie ein Bindi, das Mal auf der Stirn. Dies soll das dritte Auge symbolisieren, das seiner Trägerin die Weisheit schenken möge, auch für die unsichtbaren Dinge des Lebens wachsam zu sein. „Das ist meine Alltagskleidung“, sagt die pensionierte Kinderärztin. „Ich trage fast immer Tarsi.“

Im Wohnzimmer der Thakkars lächelt der Ganesha im Bild oder als Statue überall schelmisch die Besucher an – oft als Kind mit einem Elefantenkopf mit nur einem Stoßzahn dargestellt, steht er im Hinduismus für Güte und unbeschwerte Lebensfreude und zählt zu den beliebtesten Gottheiten. Doch ist Ganesha nicht der höchste Gott, betont Usha Thakkar, denn „das höchste Wesen ist ohne Form, Geschlecht oder Eigenschaften.“ In Indien habe fast jeder Haushalt einen kleinen Altar, doch sei das Land sehr vielschichtig , was schon an der Sprache deutlich werde: „Es gibt in Indien 24 Sprachen mit fast 8.000 Dialekten“, sagt Thakkar. Ein Aspekt, den man in Europa oft vergisst.

Vegetarische Küche

Im Haus duftet es nach verschiedensten Gewürzen, denn die Inderin hat gekocht: Auf dem Tisch dampft ein Reisgericht mit eingelegten Mangos, Kartoffeln und Auberginen – dazu wird Papadam gereicht, ein dünner frittierter Fladen aus Linsenmehl. Fleisch kommt bei den Thakkars nicht auf den Tisch, den auch der Vegetarismus als Ausdruck von Respekt vor allem, was lebt, ist tief in der indischen Kultur verankert. Vor dem Essen wird ein Tischgebet in Sanskrit gesprochen.

Der Hinduismus mutet aus westlicher Perspektive in vielerlei Hinsicht abstrakt an, doch in Zeiten von Fundamentalismus und Glaubenskriegen birgt die tolerante Geisteshaltung der drittgrößten Weltreligion wohl auch eine gewisse Faszination: „Eigentlich ist der Hinduismus weniger ein Glaube als vielmehr die lebenslange Arbeit an sich selbst“, erklärt Usha Thakkar. „Jede Religion wird akzeptiert und als wertvoll anerkannt.“ So feiern die Thakkars auch christliche Feste wie Weihnachten und Ostern – zum Beweis zeigt Mohanlal Thakkar ein liebevoll bemaltes Osterei, ein Geschenk der kleinen Enkeltochter. Beide sind stolze Großeltern und haben zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die beide mit Deutschen verheiratet sind. Diese Offenheit sei typisch für die in Deutschland lebenden Inder, sagen die Thakkars, und mit ein Grund, warum den meisten von ihnen Integrationsprobleme weitgehend fremd sind.

885 ihrer Landsleute sind zurzeit in Essen gemeldet – eine überschaubare Gemeinschaft, in der so ziemlich jeder jeden kennt. „Die meisten Inder in Deutschland sind irgendwann als hochspezialisierte Fachkräfte ausgewandert. Es sind größtenteils Geschäftsleute, Akademiker oder Gastronomen“, sagt Mohanlal Thakkar, der ebenfalls Vorstandsmitglied des Vereins ist. In Essen sind bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) 19 Kleingewerbe-Betriebe und zwei Handelsregisterunternehmen verzeichnet. Mohanlal Thakkar kommt dagegen ebenso wie seine Frau aus der Medizin und war in seiner aktiven Berufszeit als Internist tätig.

Hochspezialisierte Fachkräfte

In Essen kennen die Thakkars fast alle indischen Familien durch ihre Vereinsarbeit, die ihnen auch hilft, ihre kulturelle Identität zu bewahren. „Ich bin hier Mädchen für alles“, witzelt Mohanlal Thakkar mit einem neckischen Seitenblick auf seine Frau, die als Vorstandsvorsitzende stets ebenfalls alle Hände voll zu tun hat. Der Verein fördert die deutsch-indische Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene und organisiert Kulturveranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen, Vorträge und Filmvorführungen. Wer aber bei letzteren vor allem an die grellbunten „Bollywood“-Filme denkt, die ja inzwischen als indischer Exportschlager gelten, sei von Usha Thakkar eines Besseren belehrt: „Diese Filme sind sehr kommerziell und repräsentieren nicht das ganze Spektrum indischer Filmproduktionen.“ So wird in Bollywood-Filmen viel getanzt und gesungen – und am Ende geheiratet, Fans wissen das.

Die Deutsch-Indische Gesellschaft hat ihren Hauptsitz in Stuttgart, 32 Mitglieder sind in der Essener Zweigstelle organisiert. Eine noch größere indische Community gibt es in Düsseldorf, die mit den Essenern eng vernetzt ist. Man kennt sich. Heute feiert die Essener Zweigstelle ihren jährlichen Indientag in der Volkshochschule. Usha Thakkar hat einiges vorbereitet. „Wir erwarten etwa 200 Leute aus ganz Nordrhein-Westfalen. Das ist wie ein Familientreffen.“