Das aktuelle Wetter Essen 18°C
Trends

Grüner Unternehmergeist - auf Öko-Spurensuche in Essen

31.03.2011 | 06:00 Uhr
Grüner Unternehmergeist - auf Öko-Spurensuche in Essen
Auch wenn die Kleinen „Anti-AKW“ noch nicht schreiben können - in der Boutique Lucy de Luxe an der Rüttenscheider Straße gibt’s diese T-Shirts schon ab Größe 128. Im Bild Mitarbeiterin Claudia Schulz.

Essen.   Nicht erst seit der reanimierten Anti-AKW-Bewegung gilt „öko“ vielmehr als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls denn als Schimpfwort für Idealisten. Auch in Essen besinnen sich immer mehr Menschen auf einen bewussteres Leben. Eine grüne Spurensuche.

Öko - was vor gut 20 Jahren eher als Beleidigung für Birkenstock-tragende Vegetarier mit zotteligen Haaren verschrien war, gilt heute nicht erst seit den jüngsten

Wahlerfolgen der Grünen als massentauglich. Anti-AKW-Bewegung, Bio-Märkte, die wie (ökologisch angebaute) Pilze aus dem Boden sprießen, der Wechsel zu „grünem Strom“: Auch in Essen besinnen sich immer mehr Menschen auf einen bewussteren Lebensstil. Wie öko ist Essen? Eine grüne Spurensuche.

Agraringenieur Christian Goerdt gründete vor 16 Jahren den Bio-Lieferservice „Flotte Karotte“.

Nur mit Maissirup gesüßte Cornflakes haben sich im Regal zu dem „100 Prozent Arabica Schalke-Kaffee“ aus ökologischem Anbau gesellt. Ein paar Meter weiter verpacken Mitarbeiterinnen knallrote Äpfel, frischen Kopfsalat und Kartoffeln, die auf den klangvollen Namen „Ruhrgold“ hören, in grüne Kisten. Chef Christian Goerdt gönnt sich in der Zwischenzeit ein Körnerbrot mit Käse zum Mittag. Der Agrar-Ingenieur und Landwirt hat die Zeichen der Zeit früh erkannt: Vor 16 Jahren gründete er den Bio-Lieferservice „Flotte Karotte“. „Wir sind damals mit einem Computer, einem Drucker und einem Fiat Panda an den Start gegangen“, erinnert sich der 48-Jährige. Heute beschäftigt er 20 Mitarbeiter und plant, seinen Betrieb noch in diesem Jahr im Steeler Industriegebiet Breloher Steig um einen Neubau zu erweitern.

 Mehr als 1000 Kunden beliefert das Bio-Team mittlerweile. Ein Großteil der Aufträge wird inzwischen über das Internet abgewickelt. Dort wählt man seine Wunschprodukte aus, „Flotte Karotte“ liefert die gesunden Kisten in einem Kühlwagen bis vor die Haustür - natürlich saisonspezifisch. Erdbeeren im Dezember? Das kommt bei Christian Goerdt nicht in Frage. Vor allem junge Familien, sagt er, setzen auf den Lieferservice. „Das geht meistens mit dem

ersten Kind los. Generell gilt aber, dass sich die Menschen wieder mehr gönnen.“ Denn die Qualität frei Haus hat ihren Preis. 15 Euro kostet eine gemischte Kiste, „davon kann eine vierköpfige Familie aber auch locker vier Gerichte kochen“, rechnet Coerdt vor. Auch Bio-Fleisch hat er im Angebot. Einen wahren Schub erlebte das Unternehmen beim jüngsten Dioxin-Skandal. “Die Leute haben es sprichwörtlich satt“, sagt Coerdt. Er kennt einen Großteil seiner liefernden Biobauern persönlich. Zudem beobachtet der Experte für Ökolebensmittel einen Trend hin zu fast vergessenen Gemüsesorten. Pastinaken statt Pizza? Viele Kunden würden das wohl unterschreiben.

Bewusstseinswandel im Kleiderschrank?

Klaus Ulrich öffnete Ende 2009 die Bio-Boutique „The Earth Collection“. Foto: Walter Buchholz
Info
Große Nachfrage nach Öko-Strom

Das steigende Interesse an neuen Strom- und Denkmodellen für die Energieversorgung nutzen indes regionale Anbieter. „Sonnige Zeiten für Zukunftsinvestitionen“ wirbt da die Solar-Genossenschaft Essen. Auf den Dächern von Franz-Dinnendahl-Realschule und Handwerkerpark haben die Solar-Genossen bereits Paneele installiert, geplant sind weitere Anlagen auf Dächern öffentlicher Gebäude. „Unsere Zielgruppe sind Menschen, die sich gezielt für den Klimaschutz einsetzen wollen“, sagt Vorstandsmitglied Andrea Kamrath.

Uneigennützig müsse das Interresse nicht sein: Wer Genossenschafts-Mitglied werden will, zahlt 250 Euro. „Unter vorsichtigen Annahmen darf man eine Rendite von mindestens 3,4 Prozent erwarten“, sagt Kamrath. Das Investitionsrisiko sei dabei überschaubar. „Das Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien gibt uns Planungssicherheit.“ Demnach bekämen die Genossen 20 Jahre lang über die Energieeinspeisevergütung einen garantierten Preis für den in Essen produzierten Solarstrom.

Rendite mit Solarstrom

Das Interesse und die Akzeptanz für alternative Beteiligungs-Modelle zu regenerativen Energien seien mit der Reaktor-Havarie in Fuku-shima spürbar gestiegen, glaubt Kamrath. Zumal das Moratorium in Deutschland bei manchem auch Zweifel an der Sicherheit hiesiger Meiler aufkommen lasse. Anders gesagt: Die Katastrophe in Japan beflügelt den ökologischen Sektor hierzulande.

Ortswechsel. Der Essener Süden ist traditionell grün, nicht nur äußerlich. Eine Boutique wie „The Earth Collection“ passt also recht gut an die Klarastraße, nur einen Steinwurf vom Rüttenscheider Markt entfernt. Als Franchise-Nehmer öffnete Klaus Ulrich den Laden Ende 2009. Der gelernte Elektroniker hatte gerade seinen Job verloren, stieß schließlich auf das

Konzept des in Bocholt beheimateten Modeunternehmens: Es garantiert nachhaltige Kleidung aus rein natürlichen Materialien wie Bio-Baumwolle. Zudem vertreibt Ulrich Hosen, T-Shirts und Pullover der Marke „Hemp Age“, die ausschließlich aus Hanf-Fasern genäht werden. „Hanf ist im

Gegensatz zu Baumwolle pflegeleichter und braucht nicht so viel Wasser im Anbau“, erklärt Ulrich. Auch er hat einen Bewusstseinswandel festgestellt: „Viele Kunden fragen nach, woher die Kleidung stammt und aus welchen Materialien sie hergestellt wird.“ Das „grüne Umdenken“ ist jedoch auch hier nicht ganz billig. 40 Euro kostet das Hanf-T-Shirt, die Hose aus dem gleichen Material gibt’s für 100 Euro.

Bei Essener Stadtwerken steht das Telefon seit der AKW-Katastrophe nicht still

Etwas billiger ist es da, seine Steckdose auf Grün zu trimmen. Bei den Essener Stadtwerken jedenfalls steht das Telefon seit der AKW-Katastrophe in Japan nicht still. „Allein in den vergangenen Tagen gingen mehr als 400 Anrufe bei uns ein. Viele wollen sich über ,grünen Strom’ und den Wechsel informieren“, sagt Sprecher Dirk Pomplun. Den beziehen die Stadtwerke aus Wasserkraftwerken in Norwegen. Pro Kilowattstunde koste der grüne Strom einen halben Cent mehr, was beim durchschnittlichen Verbrauch einer Familie etwa 15 Euro Mehrkosten pro Jahr bedeutet. Bei Mitbewerber RWE bleibt der riesige Boom auf die Biostrom-Angebote noch aus - wenngleich auch der Energieriese hundert Prozent Strom aus Wasserkraft anbietet, sogar aus dem benachbarten Werk in Mülheim. „Viele verbinden uns nach den Schlagzeilen der vergangenen Wochen immer mit Atomkraft - dabei macht sie nur 17 Prozent unseres Angebotes aus. 22 Prozent in unserem Stromnetz werden aus regenerativen Quellen gespeist“, sagt Klaus Schultebraucks, Sprecher der RWE-Vertrieb AG.

So oder so - vom grünen Bewusstseinswandel profitiert heute nicht nur die Anfang der 80er Jahre belächelte, gleichnamige Partei, sondern mittlerweile ein ganzer Industriezweig.

Jennifer Schumacher und Claudia Pospieszny

Facebook
 
Kommentare
31.03.2011
12:46
Grüner Unternehmergeist - auf Öko-Spurensuche in Essen
von Pit01 | #2

Bio ist gut und teuer. Die Akzeptanz für normale Dinge würde ja in Ordnung sein, wenn man sicher sein könnte dass es auch ohne Öko-Siegel ohne Schaden für uns ausgeht. Aber leider ist es oft nicht so und wir Verbraucher werden zu oft hinters Licht geführt.

31.03.2011
11:32
Grüner Unternehmergeist - auf Öko-Spurensuche in Essen
von Kajovo | #1

Bio ist für mich vor allem eins: teuer!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/4484552/create

Aktuelle Fotos und Videos
Remis gegen Vizemeister
Bildgalerie
Frauenfußball
Mini Europameisterschaft
Bildgalerie
Fußball
Der FC Kray ist Meister
Bildgalerie
Fußball
30. Pfingst Open Air
Bildgalerie
Festivals
Aus dem Ressort
Jäger und Landwirte retten Rehkitze in Essen vor Heuernte
Rehkitz-Rettung
Für Kitze wird die Heuernte zur Lebensgefahr, wenn die Ricke sie im Gras abgelegt hat. Die tierschutzgerechte Frühmahd, wie Jäger die Kitz-Rettung nennen, ist im Laufe der Jahre mit ständig größer werdenden Landmaschinen und schneller fahrenden Traktoren immer wichtiger geworden.
Ruhrmuseum und Kinemathek zeigen alte Krupp-Filme
Krupp
Im Rahmen der Ausstellung „200 Jahre Krupp“ haben Ruhrmuseum und Kinemathek im Ruhrgebiet sieben Kinoabende auf Zollverein und in der Lichtburg mit Filmen von und über Krupp zusammen gestellt. „In dieser Fülle hat es das bisher nicht mal im Ansatz gegeben“, sagt Museumschef Heinrich Theodor Grütter.
Foto Text