Grubenfahrt auf Zollverein – „das war ein Heimspiel“

„Glückauf!“: Stefan Thieser (l.), der auf Zeche Pluto die RAG-Wasserhaltung leitet, informierte acht WAZ-Leser bei der Grubenfahrt an Zollverein-Schacht XII. Wasserhaltung bedeutet, salzhaltiges Grubenwasser zu heben und in die Emscher zu leiten.
„Glückauf!“: Stefan Thieser (l.), der auf Zeche Pluto die RAG-Wasserhaltung leitet, informierte acht WAZ-Leser bei der Grubenfahrt an Zollverein-Schacht XII. Wasserhaltung bedeutet, salzhaltiges Grubenwasser zu heben und in die Emscher zu leiten.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Das Weltkulturerbe von unten erleben: Mit dem Förderkorb ging es für acht WAZ-Leser hinab in 950 Meter Tiefe. Einer sagt: „Mein Vater und meine Opa waren Zollvereiner“

Essen.. Es ist halb zwölf, als der schmale Förderkorb von Schacht XII die WAZ-Leser aus 950 Metern Tiefe wieder ans Tageslicht holt. Andreas Doczekala (41) aus Altenessen darf dem Fördermaschinisten oben mit zwei mal drei kräftigen Schlägen signalisieren: „Korb frei“.

Gut anderthalb Stunden dauerte die Grubenfahrt auf Zollverein, ein höchst ungewöhnlicher Ausflug in der einstmals größten Bergbaustadt der Welt: das Weltkulturerbe von unten sehen. Gerührt zückt Doczekala ein Foto. „Das ist mein Opa Felix, er war Anschläger auf Schacht II von Zollverein, auch mein Vater hat hier gearbeitet.“

Kein anderes Event der „WAZ öffnet Pforten“-Aktion ist auf so viel Interesse gestoßen wie die Grubenfahrt. „Sie sind privilegiert, diese Grubenfahrt gemacht zu haben“, bestätigt auch Stefan Thieser, der bei der RAG verantwortlich ist für die Wasserhaltung des gesamten Ruhrbergbaus.

Tropische Hitze unter Tage

„Ich bin beeindruckt, am tiefsten Punkt von Essen gewesen zu sein“, frohlockt Jürgen Divina (60), der mit Zollverein auf besondere Weise verbunden ist. „Ich bin im Schatten des Förderturms aufgewachsen, wir haben da gewohnt, wo jetzt der Netto steht.“ Als kleiner Junge habe er vor der hohen Zechenmauer gestanden und hinübergeblickt – in die verbotene , unerreichbare Welt des Bergbaus. „Meine Mutter hat immer geflucht, weil uns der Kohlenstaub ins Haus wehte.“

WAZ öffnet Pforten Etwa sieben Minuten braucht der Förderkorb für die fast 1000 Meter bis zur 14. Sohle: zwei Meter pro Sekunde. Unten herrscht eine tropisch-feuchte Hitze, das Thermometer zeigt 40 Grad. „Angst hatte ich überhaupt nicht, nur etwas Druck auf dem Trommelfell“, sagt Erika Siebert, die einzige Frau bei der Grubenfahrt. Sie ist 1985 nach Katernberg gezogen, ein Jahr später war auf Zollverein Schicht am Schacht. Sie sagt: „Ich kenne das Weltkulturerbe von oben, habe viele Besichtigungen mitgemacht, aber unter Tage war ich noch nie.“

Emotionale Erinnerungen

Detlef Werdin (53), Finanzbeamter aus Frohnhausen, hat schon Erz- und Silberbergwerke gesehen, aber noch keine Ruhr-Zeche. „Die Seilfahrt war dunkel, aber angenehmer, als ich dachte. Unten hatte ich es mir viel enger vorgestellt.“

Als Maschinenbau-Ingenieur schwärmt Jörg Kohlhagen (49) besonders für die Industrie- und Bergbaukultur. „Das ist ein echter Mehrwert für das Ruhrgebiet.“ Der Altenessener wirbt dafür, selbstbewusst zur Geschichte und zu den Errungenschaften des Ruhrgebiets zu stehen. „Außerdem können wir nach vorne schauen, weil wir gerade im Bereich Bergbautechnik über so viel Knowhow verfügen.“

Mit Zollverein verbindet Jörg Kohlhagen einen der emotionalsten Augenblicke seines Lebens. „Vor vier Jahren habe ich in der Kohlenwäsche meine Frau Andrea geheiratet“, erzählt er, und deutet auf seinen Ehering. Darin ist ein Förderturm aus den Initialen der Eheleute eingraviert: ein sehr originelles „JA“.

Wie die anderen Teilnehmer hat sich auch Jörg Thies (46), der Gärtner aus Steele, einen Urlaubstag genommen für den Trip in die Essener Unterwelt. „Es war einfach klasse“, sagt er. „Grubenfahrt auf Zollverein, das ist wie ein Heimspiel. Danke WAZ!“.