Großrazzia gegen Hehlerbande

Großrazzia in Holsterhausen und Rüttenscheid. Die Polizei durchsuchte allein  in Essen zehn  Wohnungen und eine Autowerkstatt auf der Cranachstraße, um eine Hehlerbande auszuhebeln.  Sieben Verdächtige wurden festgenommen. Gegen drei lag ein Haftbefehl vor. Die Ermittlungen dauern an.
Großrazzia in Holsterhausen und Rüttenscheid. Die Polizei durchsuchte allein in Essen zehn Wohnungen und eine Autowerkstatt auf der Cranachstraße, um eine Hehlerbande auszuhebeln. Sieben Verdächtige wurden festgenommen. Gegen drei lag ein Haftbefehl vor. Die Ermittlungen dauern an.
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Was wir bereits wissen
Die Polizei durchsuchte zwölf Wohnungen und eine Werkstatt. Sieben Verdächtige wurden gestern festgenommen. Der Bande wird vorgeworfen, gestohlene Autos für 500.000 Euro verkauft zu haben

Essen..  Einem Arzt vertraut man doch immer. Auch wenn er keiner ist, sondern ein Betrüger. Hauptsache, er trägt einen Kittel.

Das muss sich eine Essener Hehler-Bande gedacht haben, die tief in die Trickkiste griff, um ihren Opfern gestohlene Nobel-Limousinen anzudrehen. Doch das prickelnde Gefühl, zum Schnäppchenpreis Besitzer eines BMW- X6 oder einer anderen Qualitätsmarke geworden zu sein, zerplatzte spätestens bei der Ummeldung in der Kfz-Zulassungsstelle mit der nüchternen Bemerkung des Sachbearbeiters: „Dieses Auto ist als gestohlen gemeldet.“ Aus der Traum.

Das gilt seit gestern früh auch für die Tatverdächtigen, als vor allem im Stadtteil Holsterhausen die Handschellen klickten – und sieben mutmaßliche Mitglieder der Bande festgenommen wurden – gegen drei von ihnen lag bereits ein Haftbefehl vor. Den Beschuldigten wird zur Last gelegt, seit 2013 insgesamt 27 gestohlene Fahrzeuge für rund eine halbe Million Euro verkauft zu haben.

Sichergestellt wurden auch ein weißer Arztkittel und ein Stethoskop. Damit hatte sich nach den bisherigen Erkenntnissen des zuständigen Kriminalkommissariates KK32 ein 27-jähriger Mann aus Essen getarnt und mit einem Autokäufer auf dem Parkplatz einer Klinik in Münster getroffen. Bei so einem kompetenten Auftreten, konnte er den Wagen problemlos verkaufen. Man trank sogar noch gemeinsam einen Kaffee in der Krankenhaus-Kantine. Wer will da schon Verdacht schöpfen?

Rollentausch. Diesmal in Düsseldorf, unweit der Rezeption des ZDF-Landesstudios in Golzheim. Der Täter gab sich diesmal als Journalist aus. Er würde bald für eine längere Zeit nach Syrien reisen, um dort über den Krieg zu berichten. Deshalb müsse er kurzfristig sein Auto verkaufen. Leuchtet doch ein – oder?

Auch ein Tagesbüro auf der Düsseldorfer Kö sollte angemietet werden, um so seriös zu erscheinen, dass man für 80.000 Euro einen Audi anbieten kann – mit manipulierten KFZ-Papieren eines Schrottautos.

Schnelles Geld brachten ein paar Tränen. Der Täter verabredete sich mit einem interessierten Autokäufer vor einer Klinik und behauptete mit tränenerstickter Stimme, er müsse seinen Wagen verkaufen, weil sein Lebensgefährte schwer verletzt nach einem Motorrad-Unfall im Krankenhaus liege. Als der Kunde schließlich auf den Handel einging, hatte der Täter ihn gleich mehrmals umarmt. Wie rührend.

Auf mindestens 27 solcher Märchengeschichten fielen die Opfer herein. Wie der Chef des KK 32, Bodo Buschhausen, gestern im Polizeipräsidium berichtete, inserierte die Bande in Internet-Portalen. Die Fahrzeuge wurden vorwiegend in Essen gestohlen, aber ausnahmslos in einer anderen Stadt verkauft. So glaubte man, die Spuren besser verwischen zu können.

Die Polizei kam der Bande aber doch auf die Spur. Obwohl das KK 32 dafür einen langen Atem benötigte. Vor sechs Monaten fiel den Fahndern auf, dass in Essen auffällig viele BMW-Autos vor allem der 3-er Reihe gestohlen wurden – am Ende waren es 25 Fahrzeuge des Münchener Herstellers. Die unter Leitung von Stephan Merscheim gebildete Ermittlungskommission „EK Mobile“ konnte schließlich den Hauptverdächtigen mit den Schauspielertalenten identifizieren. Sein Kopf war auf den gefälschten Passkopien abgebildet, die die Käufer erhalten hatten. Die Ermittler mussten schnell handeln. Der 27-Jährige aus Serbien hatte keinen festen Wohnsitz. Zu groß war die Gefahr, dass er sich ins Ausland absetzen würde. Im Januar wurde er verhaftet. Da aber seine Komplizen wohl davon ausgingen, dass er wegen anderer Straftaten hinter Gitter musste, konnten die Fahnder sich weiter auf die Lauer legen.

Bis gestern früh, um sechs Uhr: Da kam die Verstärkung für „EK Mobile“ in Kompaniestärke – eine ganze Einsatzhundertschaft. Die Beamten durchsuchten eine Kfz-Werkstatt an der Cranachstraße, sie nahmen gleich um die Ecke zwei Hauptverdächtige fest: zwei Brüder aus Syrien, 25 und 28 Jahre alt. Gegen sie sowie einen 25-Jährigen aus Essen lag ein Haftbefehl vor. Vorläufig festgenommen wurden gestern vier weitere Tatverdächtige zwischen 25 und 30 Jahren. Allein in Holsterhausen und Rüttenscheid drang die Polizei in zehn Wohnungen ein, in zwei weitere in Mülheim und Bottrop.

Der Zugriff war der Polizei gelungen. Die Festgenommenen, die keinen Widerstand leisteten, machten ein ziemlich überraschtes Gesicht. Die meisten hatten sich in Holsterhausen kennengelernt. Was alle mit einander verband, war „das Interesse an großen Autos“, berichtet Kommissar Merscheim.

Die Vorwürfe: Kfz-Diebstahl, gewerbsmäßige Hehlerei, Urkundenfälschung. Die Männer schweigen. Die Polizei muss weiter ermitteln, Beweismaterial auswerten. Neben zwei Autos wurde auch Bargeld in fünfstelliger Höhe sichergestellt. Das aber dürfte – wenn überhaupt – nur ein kleiner Teil der Beute sein.