Große Momente auf kleiner Bühne

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Mephisto als Therapeut eines alkoholsüchtigen Faust, der fieberhaft versucht, zu verdrängen und zu verarbeiten – so hat man Goethes Klassiker garantiert noch nicht erlebt. Zumal das Geschehen praktisch zum Greifen nah ist, kaum eine Armlänge von den Zuschauern entfernt. Was außergewöhnlich klingt, ist der Normalzustand in dem kleinen Theater Essen-Süd, das maximal 40 Plätze bietet. Dass in dem äußerlich unscheinbaren Hinterhofgebäude seit vergangenem Herbst regelmäßig Theater gespielt wird, ist bislang noch ein Geheimtipp.

Clown und Ein-Mann-Theater

Die kreativen Köpfe, die dahinterstecken, sind der Essener Schauspieler und Clown Philipp Steimel, der sich deutschlandweit mit seinen „Einmann-Theater-Shows“ einen Namen gemacht hat, und die jungen Schauspieler und Regisseure des Bochumer Mora-Theaters. Und die haben – laut eigener Aussage – „richtig Bock“ auf eine ereignisreiche Spielzeit, zu der die „Faust“-Aufführung erst der Auftakt war. Jeden Samstag wird von nun an auf der kleinen Bühne ein Stück zu sehen sein – Klassiker, aber auch modernere Werke. Dass die Mittel und Möglichkeiten im Theater Süd eher begrenzt sind, sieht das Team dabei nicht als Einschränkung, sondern vielmehr als Anregung der Kreativität. „Wir sind ja praktisch dazu gezwungen, neue Ideen zu entwickeln“, erklärt Raphael Batzik vom Mora-Theater. Einfach einmal die eigenen Visionen auf die Bühne bringen, darauf freut sich auch Moritz Mittelberg-Kind. „Wir machen das, weil das Ganze uns riesigen Spaß macht und wir Lust dazu haben. Wir haben nicht das große Geld vor Augen“, betont er.

Wie auch sein Kollege Raphael Batzik ist er Student und eher zufällig zur Schauspielerei gekommen. „Das geht über viele Stationen, man rutscht dann durch Zufall herein“, so Batzik. Dagegen ist Philipp Steimel das, was man einen Routinier nennen würde. Bei Berufswahl-Veranstaltungen in seiner Schulzeit kam er schon sehr früh zur Schauspielerei, absolvierte nach der Schule zunächst eine Clownausbildung. Mit seinem „Einmanntheater“ gelang ihm der Durchbruch – seine deutschlandweiten Vorstellungen sind stets gut besucht.

Das soll künftig auch für das Theater Essen-Süd gelten. Obwohl es im direkten Umkreis bereits zahlreiche kleine Häuser der freien Szene gibt – von der Rü-Bühne über das Sago-Hinterhoftheater bis hin zu Katakombentheater und dem Courage – hofft Steimel mit dem Programm, eine Nische besetzen zu können: „Wir interpretieren vor allem klassisches Schauspiel neu, das es sonst eher in den großen Häusern zu sehen gibt. Das ist in der freien Szene im Umkreis recht einzigartig.“

Wie das aussehen kann, bewies die ambitionierte Gruppe mit Faust: Wenn Raphael Batzik als Mephisto kongenial mal sanft und freundschaftlich auf Faust einredet, mal diabolisch und beinahe verrückt um ihn herumspringt, wenn Faust selbst, dargestellt von Steimel, sich am Boden windet vor Schuldgefühlen, dann erlebt man große Theatermomente auf einer kleinen Bühne. Gut möglich also, dass der Tipp „Theater Süd“ schon bald gar nicht mehr so geheim ist.