Griechisches Weinen

Gastronom Stavros Papadamakis
Gastronom Stavros Papadamakis
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die in Essen lebenden Griechen verfolgen die Geschehnisse in ihrem Herkunftsland mit gemischten Gefühlen– viele hoffen, dass Griechenland auch nach den Wahlen am 25. Januar in der Euro-Zone bleiben wird, doch es gibt Ausnahmen

Essen..  Eigentlich blickt Papadamakis Stavros dem 25. Januar gelassen entgegen. Dann wird in Griechenland neu gewählt und die Weichen für die Zukunft seines wirtschaftlich gebeutelten Heimatlandes gestellt. Seit über 50 Jahren lebt der Grieche in Essen und betreibt in Steele das „Miló Couzina“, ein gut gehendes Restaurant mit landestypischer Küche. In Deutschland fühlt er sich zu Hause, doch wie es seiner Familie in der Hellenischen Republik ergeht, lässt ihn keineswegs kalt: „Natürlich mache ich mir um einzelne Verwandte Sorgen, viele von ihnen sind arbeitslos. Allerdings kann die griechische Bevölkerung wohl kaum die Verantwortung für die Regierung abstreiten, die sie selbst gewählt hat“, sagt er entschieden. „Die Leute haben von dem Kuchen gegessen, den man ihnen vorgesetzt hat.“

Zurzeit befindet sich der Euro auf dem niedrigsten Stand seit neun Jahren – Händler machen dafür vor allem die wirtschaftlich desaströse Lage in Griechenland verantwortlich. Eines wünscht sich der Gastronom dennoch auf keinen Fall: „Ein Ausstieg aus der Euro-Zone und damit die Rückkehr zur Drachme würden Griechenland schnell zu einem Entwicklungsland machen. Ich halte das aber für unwahrscheinlich, da dies gegen den Lissabon-Vertrag verstoßen würde. Wir müssen im Euro bleiben – so oder so.“

„Die Diskussion hat sich versachlicht.“

Eine Einschätzung, die der griechischstämmige Journalist und ehemalige NRZ-Redakteur Nikolaos Georgakis teilt: „Einen Ausstieg aus dem Euro fordert in Griechenland nicht einmal die Linkspartei“, so Georgakis. Wohl aber störe ihn die Überheblichkeit, mit der auch in Deutschland mitunter auf Stammtisch-Niveau über die vermeintliche griechische Verschwendungssucht geurteilt werde. Zuletzt hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) noch einmal den Druck auf Europas Sorgenkind erhöht: „Wir erwarten von der griechischen Regierung, egal wer sie stellt, dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“, sagte der Minister der Hannoverschen Zeitung – dabei ärgert sich Georgakis weniger über den Inhalt der Forderung als vielmehr über eine allgemeine Kultur des mahnenden Zeigefingers: „Wer erpresst hier eigentlich wen?“ fragt er süffisant. „Der Internationale Währungsfonds und die griechische Regierung haben sehr schlecht kommuniziert, was der harte Konsolidierungskurs für die Bevölkerung konkret bedeutet. Kaum ein Grieche versteht, wofür er so viele Opfer bringen soll.“

Anders als 2012, als ein großes deutsches Boulevard-Blatt mit Begriffen wie „Pleite-Griechen“ Stimmung gegen das Land machte, hätten sich laut Georgakis nun auch hierzulande die Gemüter beruhigt. „Die Diskussion hat sich sehr versachlicht und auch ich persönlich habe im Bekanntenkreis noch nie abfällige Sprüche zu hören bekommen. Inzwischen hat offenbar auch der letzte verstanden, dass den Griechen mit den Hilfsgeldern keine Party finanziert wird.“

Zerrissenheit zwischen Patriotismus und kritischer Distanz

Doch fühlen einige in Deutschland lebende Griechen wohl auch eine gewisse Zerrissenheit zwischen Patriotismus auf der einen Seite und der Erkenntnis, dass in ihrem Herkunftsland etwas grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten ist, auf der anderen Seite. So geht es etwa Anna Korominas aus Altenessen: „Es kostet mich Überwindung, das als Griechin zu sagen, aber ich glaube, dass unser Land nie reif für den Euro war. Beim Eintritt in die Gemeinschaftswährung hat die Regierung diese Probleme aber nicht ehrlich offengelegt – das ist nun die Konsequenz“, ist sie überzeugt und macht ein überraschendes Geständnis: „Ich wäre erleichtert, wenn Griechenland die Euro-Zone verlassen würde.“

Ihre Familie zieht es nicht nach Griechenland zurück, doch schmerzen die harten Einschnitte, die verbliebene Verwandte dort hinnehmen müssen – so etwa Anna Korominas’ Eltern: „Sie haben schon oft bedauert, dass sie nicht bei uns geblieben sind. Jetzt muss man die Situation akzeptieren, wie sie ist.“

Dimitrios Zachos kennt die griechische Szene in Essen gut – der Privatdozent betreibt das Online-Magazin „Ellasnet“, das sich an in Nordrhein-Westfalen lebende Griechen wendet. „Die griechischstämmigen Essener sind sehr wohl in der Lage, Wahlkampfgetöse und Populismus zu erkennen. Da sollte sich Deutschland nicht unbedingt einmischen“, sagt er. „Europa ist ein griechisches Wort. Und Griechenland ein Teil Europas – trotz aller Probleme.“


INFO: Griechische Parlamentswahl am 25. Januar

Etwa 2700 Griechen leben derzeit in Essen (Stand: September 2014) – so gibt es auch einen griechischen Fußballverein namens F.C. Saloniki Essen.

Zurzeit regiert in Griechenland Ministerpräsident Antonis Samaras, der der konservativen Partei Nea Dimokratia (ND) angehört. Herausforderer ist Alexis Tsipras, Chef des linken Parteienbündnisses Syriza, der einen Teilschuldenerlass für Griechenland fordert.

Die Bundesregierung hält einen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone für verkraftbar, falls eine Linksregierung den Sparkurs stoppen sollte.