Google Street View verschluckt Zollverein
19.11.2010 | 18:20 Uhr 2010-11-19T18:20:00+0100
Essen.Die ganze Stadt ist jetzt beim Panoramadienst „Street View“ zu sehen – nur nicht die berühmte Zeche Zollverein. Auch das Museum Folkwang ist noch im Bau. Dafür hängt Essen voll mit Milchglasscheiben - viele Bürger ließen ihre Häuser verpixeln.
Hier erklärt ein Bürger, warum er Einspruch bei „Street View“ erhoben hat. Sein Haus ist nicht zu erkennen. Der Mann möchte auch hier ungenannt bleiben.
„Ich habe Einspruch bei Google Street View erhoben. Bin ich deswegen ein Ewiggestriger und Spießer? Stemme ich mich unnötig gegen einen Trend, der sowieso nicht aufzuhalten ist? Vielleicht. Aber ich habe gute Gründe für meine Entscheidung.
Meine Privatsphäre und die meiner Familie ist mir wichtig. Dazu gehören für mich auch Fotos meines Hauses. Mir fällt kein überzeugender Grund dafür ein, dass jemand anonym mein Haus im Internet an sehen müsste. Er kann sich ja davorstellen und gucken. Dann müsste er sich aber auch die Frage nach dem Warum gefallen lassen.
Ist es denn okay, dass ab sofort Firmen vor dem nächsten Bewerbungsgespräch oder vor dem nächsten Kredit- oder Versicherungsabschluss erst mal einen Blick auf die Wohnsituation und das Umfeld eines Kandidaten werfen? Ich denke nicht.
Jeder hat das Grundrecht, selbst über die Preisgabe seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen. Dieses Recht darf ruhig öfter in Anspruch genommen werden. Ich sehe das Bedürfnis vieler Menschen sehr skeptisch, sich in den sozialen Netzwerken des Internet mit den intimsten und privatesten Themen und Fotos der denkbar größten Öffentlichkeit mitzuteilen. Denn gleichzeitig ziehen sich immer mehr Menschen aus dem öffentlichen und politischen Leben und der politischen Teilhabe und Meinungsbildung zurück.
Andersherum wäre es sicher besser.“
Nahezu alle Straßenzüge der Stadt sind seit Donnerstagmorgen im Internet beim umstrittenen Panoramadienst „Google Street View“ zu sehen. Die Bilder wurden unter anderem im Sommer 2008 gemacht. Im August jenes Jahres fiel vielen Bürger ein schwarzer Opel mit einer Rundum-Kamera auf, die auf dem Dach montiert war – der Wagen fuhr langsam durch die Straßen, um die Bilder zu erstellen, die jetzt im Internet zu sehen sind. Street View Essen – die drei größten Auffälligkeiten auf einen Blick.
1. Zollverein fehlt.
Eins der berühmtesten Bauwerke der Stadt, das Zollverein-Fördergerüst von Schacht 12, ist nicht zu sehen. Die Panorama-Aufnahmen der Gelsenkirchener Straßen enden an der Kreuzung Mühlenbruch. Auf der Straße Kapitelwiese brechen sie plötzlich ab – so ist auch der optische Zugang zur Kokerei versperrt. „Wir wissen selbst nicht, woran es liegt“, erklärte gestern eine Zollverein-Sprecherin. Das Fördergerüst sei zwar eine „angemeldete Bildmarke“ und mit entsprechenden Rechten belegt – aber: „Von der Straße aus darf das Gebäude natürlich jedermann jederzeit fotografieren, darauf haben wir keinen Einfluss.“ Nur bei Bildern, die auf dem Zollverein-Gelände entstehen, könne Zollverein eine Genehmigung verlangen. Die Stiftung habe bereits Kontakt mit „Google Street View“ aufgenommen, hieß es gestern. Die einzigen „Street View“-Bilder, die ein Stück Zollverein zeigen, wurden auf der Köln-Mindener Straße gemacht. Von dort sieht man einige Kokerei-Schornsteine.
2. Viele Baustellen überall. Das Folkwang-Museum? Nur der Rohbau ist fertig. Das Einkaufszentrum Limbecker Platz? Die zweite Hälfte steht noch nicht. Der Hauptbahnhof? Sieht noch so aus wie früher, doch er ist schon Baustelle, davon zeugen die Container und Absperrgitter vor dem Haupteingang. Wer mit „Street View“ einen Spaziergang unternimmt, der stellt fest: Der Sommer 2008 war ein Sommer der Baustellen. Die historische Fassade des Glückaufhauses wird mit einem Gerüst abgestützt, Kräne recken sich empor.
3. Das ist doch . . . ? Bürgern, die zufällig fotografiert wurden, ist das Gesicht unkenntlich gemacht worden – doch dabei war Google nicht sehr gründlich. Bekannte oder Verwandte erkennen sich sicherlich wieder. An der Rüttenscheider-, Höhe Martinstraße, steht übrigens ein Mann, dem das Gesicht nicht unkenntlich gemacht worden ist – oder nur sehr oberflächlich. Besser gelungen ist „Street View“ dagegen das Verdecken von Häusern – bei „Street View“ hängt Essen voller haushoher Milchglasscheiben.
Zahlen nennt Google nicht
Viele Essener Ein- und Mehrfamilienhäuser sind auf Wunsch von Mietern oder Besitzern in der Darstellung bei „Google Street View“ unkenntlich gemacht worden. Zahlen nennt der Konzern nicht.
Dabei musste Google jedem Wunsch nachkommen – die gesamte Fassade wurde unkenntlich gemacht, auch wenn nur ein Mieter oder Eigentümer pro Gebäude Einspruch erhoben hatte. Rückgängig gemacht werden kann das nicht – „Google“ versichert, auch sämtliche so genannte „Rohdaten“ gelöscht zu haben. Besonders im Süden der Stadt ist die Quote der Gebäude, die unkenntlich gemacht worden ist, an vielen Stellen erheblich. In Bredeney oder Rüttenscheid sind in vielen Straßenzügen eine Vielzahl von Objekten nicht mehr zu erkennen. „Street View“ nimmt weiter Beschwerden entgegen – über die Funktion „Ein Problem melden“, ganz links unten in der „Street View“-Ansicht.
03:03
@ #36
Solange Sie Ihren Kunden mit den Bildern nicht auch noch die Adressen der Bewohner frei Haus liefern, ist gegen Panoramafreiheit nix einzuwenden.
Google hat da aber ein größeres Problem mit der nicht nachweisbaren Trennung der Datenbestände (die Verquickung mit GooglePlaces ist schon so ein Problem) und sie wissen deswegen auch, warum sie angeblich freiwillig pixeln.
23:45
@12 von Johannis
Sicher dürfen Sie Fotos von Häusern privat machen. Aber wenn Sie diese an einem standortbezogenen Kartendienst (Google und Panoramio) teilen, können Sie vom Hausinhaber aufgefordert werden, diese zu entfernen. Ob mit oder ohne Klage wird sich bald rausstellen.
Stellen Sie sich vor: Ich mache berfuflich Bilder von fremder Leute Häuser und verkaufe sie. Digital, auf Papier, als Poster, gerahmt, ausgemalt, in vielen vielen Varianten.
Das könnte ich auch privat machen. Da können sich die Hausinhaber auf den Kopf stellen und mit den Po wackeln bis sie schwarz werden und soviel fordern wie sie wollen.
Ein hoch auf die Panoramafreiheit der ich mein Lebensunterhalt verdanke!
22:32
Glauben Sie wirklich, diese Osteuropäer wären auf streetview angewiesen?
Keinem Einbrecher reicht die Ansicht eines Kiosk. Er muß mehrere Male Anfahrt und Abfahrt mit dem Auto abgefahren sein, damit es klappt.
Fragen Sie einmal die Polizei. Die erklärt Ihnen das.
19:59
@21
Gut beschrieben!
19:54
Also, nachdem in meiner Stadt im Pott wieder mal 3 Kiosk an einem Tag überfallen worden sind habe ich eine Verpixelung meines Kiosks beantragt. Ich habe keine Lust darauf das irgendwann sich irgendwelche Osteuropäer o.a alle Läden mal ansehen und der von aussen schon ersichtlich viel Ware drin hat als nächstes dran ist nachdem auch festgestellt wurde ob er günstige Fluchtwege bietet.
Hab ich keinen Bock drauf....
20:30
Sie haben noch was vergessen:
WLAn sperren, cookies regelmäßig prüfen und löschen, SPAM-Filter setzen, onlinebanking ohne Sicherungen, facebook-Seiten füllen mit Privatestem und dort seine gmx oder sonstwas-Adressen freigeben und so fort.
Und das sind genau die Leute, die vor streetview warnen und alles pixeln lassen, nur nicht ihren eigenen ***** im net.
11:31
Ein Bekannter wettert gegen Google wie viele. Beim surfen gibt er jede gewünschte Seite erst mal als Suchbegriff bei Google ein und wählt dann aus. Autovervollständigen sowieso. Ist ja enorm praktisch. Browser-Einstellungen ändern, Cache und Verlauf leeren, keine Passwörter abspeichern? Warum denn? Und da ist der Gute nicht der Einzige.....
10:02
@ #28
geht auch anders : Ins Auto hinfahren schauen und Nachbar ausfragen dazu brauch es kein Streeview und ist effektiver
Ich schätze, Ihr Chef würde Sie bei nächster Gelegenheit mit Tritt auf die Straße setzen, wenn Sie ihm ernsthaft erzählen wollten, dass Rumfahren und Arbeitszeitverschwendung effektiver sei als ein paar Google-Klicks.
03:26
Manchmal frage ich mich, ob alle blöd sind. Da werden Urlaubsbilder ins Netz gestellt, auf denen deutlich erkennbar im Hintergrund Menschen betrunken sind, halb oder komplett nackt sind, es werden Lebensläufe veröffentlicht
Es ist genau anders herum: Es sind wenige blöd und stellen solche Bilder ins Netz. Aber ein großer Teil denkt, dass sei jetzt hipp und modern und schon ok.
Fehlende Medien-Kompetenz nennt sich das.
Und weil ich keine Urlaubsbilder ins Netz stelle, habe ich mein Haus pixeln lassen. Denn ich finde es nicht so dolle, dass man sehen kann, wo auf meiner Hausrückseite die Bewegungsmelder sind. Das geht bei SV nämlich leider auch!
18:59
Zitat aus dem Kommentar
„Ist es denn okay, dass ab sofort Firmen vor dem nächsten Bewerbungsgespräch oder vor dem nächsten Kredit- oder Versicherungsabschluss erst mal einen Blick auf die Wohnsituation und das Umfeld eines Kandidaten werfen? Ich denke nicht“.
geht auch anders : Ins Auto hinfahren schauen und Nachbar ausfragen dazu brauch es kein Streeview und ist effektiver