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Gewerkschaft Verdi in Essen erhebt schwere Vorwürfe gegen Discounter Netto

01.10.2012 | 06:00 Uhr
Gewerkschaft Verdi in Essen erhebt schwere Vorwürfe gegen Discounter Netto
Viel Arbeit für kleines Geld, psychischer Druck und Azubi-Ausbeutung: Die Essener Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe.Foto: Sebastian Konopka

Essen.   Die Gewerkschaft Verdi übt scharfe Kritik an prekären Arbeitsbedingungen in den Filialen des Discounters Netto: Personal- und Zeitmangel, unbezahlte Überstunden, Ausbeutung von Auszubildenden, psychischer Druck. Der Discounter wehrt sich und verweist auf den Betriebsrat.

Die Schlange an der Discounter-Kasse ist lang, die Kunden kaufen fürs Wochenende ein. Um mehr im Einkaufswagen zu haben, aber weniger zu bezahlen, zieht es viele in die Discounter. Sie schätzen die Preise, über die Arbeitsbedingungen in den Filialen erfahren sie kaum etwas. Hinter Aldi und Lidl hat sich die Edeka-Tochter Netto Marken-Discount, die 2009 Plus übernahm, beim Umsatz als Nummer Drei etabliert – auch auf Kosten ihrer Beschäftigten, wie es die örtliche Gewerkschaft Verdi der Geschäftsleitung vorwirft.

Seit Anfang des Jahres engagiert sich Verdi, um die Situation für die 385 Beschäftigten und 74 Azubis in den 30 Essener Filialen zu verbessern. Auf eine Petition, die 182 Mitarbeiter an 25 Standorten unterschrieben, habe die Geschäftsführung „völlig unzureichend“ reagiert, sagt Gewerkschaftssekretär Kalle Kunkel. Nun sucht die Gewerkschaft die Öffentlichkeit.

Arbeit, die krank macht?

Im Gespräch mit der NRZ äußerten Kunkel und Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, Vorwürfe, wie sie Anfang September bereits in der ZDF-Sendung „Frontal 21“ dargestellt wurden. So nimmt die Zahl der Krankheitsfälle in den Filialen stetig zu, liegt laut Verdi mittlerweile bei überdurchschnittlich hohen 7,5 Prozent, Filialleiter berichten sogar von mehr als zehn Prozent erkrankter Mitarbeiter. Schuld daran sei der enorme Arbeitsdruck bei Netto. So würden beim Kassieren Zeitmessungen durchgeführt. Wer pro Minute nicht eine Mindestzahl an Produkten scannen konnte, sei zum Rapport bestellt worden. Weitere Vorwürfe: unbezahlte Mehrarbeit, Ausbeutung von Azubis sowie respektloser Umgang mit Beschäftigten. Die Selbstorganisation der Mitarbeiter, die ihre Interessen verteidigen wollten, werde erschwert, Mitarbeiter seien vor der Unterschrift der Petition durch Führungskräfte gewarnt worden.

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„Anstatt mir den ,Scheiß’ am Schwarzen Brett anzusehen, solle ich lieber mehr Einsatz zeigen“, gibt ein ehemaliger Auszubildender ein Gespräch mit der Verkaufsleitung wieder, in dem man ihm eine Woche vor Ende der Probezeit die Kündigung nahelegte. Er habe kein Herzblut für das Unternehmen gezeigt, so ein weiterer Vorwurf. Ein Jahr lang war er als Aushilfe auf 400-Euro-Basis tätig gewesen, dann begann er eine Ausbildung bei Netto. „Ich war Lückenfüller, damit andere Mitarbeiter ihre Überstunden abbauen konnten“, sagt er. Azubis hätten von Anfang an alles können müssen, es habe steter Druck geherrscht: „Durch die Gänge wurde gerannt, nicht gelaufen.“ Er kündigte. „Ich hatte das Gefühl, sonst hätte man mich damals nicht aus dem Gesprächsraum gelassen.“

Im Fokus der Gewerkschaftskritik steht aber nicht nur die Situation der Azubis, sondern auch der geringfügig Beschäftigten, der 400-Euro-Kräfte. „Ich bekam von Netto die Anweisung, diese Kräfte und die Azubis mehr Stunden machen zu lassen“, berichtet eine Marktleitung. Die geringfügig Beschäftigten würden gezielt auch in bestimmten Zeiträumen eingesetzt, um keine Zuschläge zahlen zu müssen, so Verdi. Überstunden seien die Regel, ebenso unbezahlte Vor- und Nacharbeit. Pausen könnten nicht genommen werden, wer sich krank meldet, werde unter Druck gesetzt. „Auf einer Sitzung aller Filialleiter drohte der Regionalleiter, dass mehr Stunden zu Filialschließungen führen könnten“, berichtet eine Essener Marktleitung.

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Kommentare
04.10.2012
17:11
Personal zeigt wenig Interesse an Netto
von EasyEsel | #29

Seit der Umwandlung in das Netto - Konzept ist das Image eines ehemals grundsoliden Discounters durch den Drang nach billig und billiger noch stärker...
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Gewerkschaft Verdi in Essen erhebt schwere Vorwürfe gegen Discounter Netto
Gewerkschaft Verdi in Essen erhebt schwere Vorwürfe gegen Discounter Netto
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2012-10-01 06:00
Gewerkschaft, Betriebsrat, Verdi, Discounter, Arbeit
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