Geschichtsstunde mit Poststempel

Martina Prinz betreut den Messestand der Österreichischen Post. Hier zeigt sie drei besondere Briefmarken. Das Exemplar ganz rechts ist aus Porzellan. Die Marken im Hintergrund sind gestickt.
Martina Prinz betreut den Messestand der Österreichischen Post. Hier zeigt sie drei besondere Briefmarken. Das Exemplar ganz rechts ist aus Porzellan. Die Marken im Hintergrund sind gestickt.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Am Wochenende trafen sich Briefmarkenfreunde aus aller Welt auf dem Gelände der Messe Essen. Unter den Besuchern waren Frauen rar gesät, dabei ist etwa jeder fünfte Philatelist weiblich.

Essen.. Die Sache mit den weiblichen Besuchern ist ein Missverständnis, davon ist Christine van Ratingen fest überzeugt. „Es sammeln sogar sehr viele Kolleginnen“, betont die Vorsitzende des Vereins „Frauen und Philatelie“, „aber die machen das Zuhause und haben häufig nicht die Zeit, um Ausstellungen zu besuchen.“ Van Ratingen und einige Freundinnen sitzen recht einsam an ihrem Stand auf der 25. Internationalen Briefmarkenmesse. An den Wänden hängen aufwendig gerahmte Briefmarken. Meistens alte Stücke, dazu endlose Texte über die darauf porträtierten Frauen. Auf der Rückwand sind Motivmarken mit Feuerwehrautos aus aller Welt zu sehen – das Spezialgebiet von Helma Janssen.

Rund 20.000 Wertzeichen lagert sie in ihrer Wohnung – praktisch in jedem Zimmer mit Ausnahme der Toilette. Nach Ansicht von Janssen sind 20 Prozent aller im Bundesverband organisierten Mitglieder weiblich. Das wären also rund 7.800 Sammlerinnen. Im Vorstand der Philatelisten sitzt aber lediglich eine Frau: Helma Janssen. Als sie vor vielen Jahren mit ihrem Hobby anfing, gab es hier und da sogar noch männlichen Widerstand in den Ortsvereinen. Doch mittlerweile ist das anders. Überhaupt habe sich in der Szene manches verändert, sagt Verbandskollegin van Ratingen. „Männer haben früher vor allem Länder gesammelt. Motive waren dagegen etwas für Frauen.“

Marken nach Themen

Die resolute Seniorin verweist auf ein weiteres Missverständnis: Philatelie ist für sie wie Geschichtsunterricht und da versteht van Ratingen keinen Spaß. „Sie können nicht einfach losgehen und Marken zusammen sammeln. Das ist wie in der Schule. Wenn sie eine Ausstellung vorbereiten, dann gibt es Einleitung, Hauptteil und den Schluss.“ Die 73-Jährige drängt sich an einen Stand, an dem Marken nach Themen sortiert sind. Auf ein paar Klappstühlen sitzt bereits eine Gruppe ergrauter Herrschaften, die sich durch Karteikästen wühlt. Auf einem steht „Niederländische Kolonien“, ein anderer enthält Marken aus der ehemaligen DDR.

Tipps für die eigene Sammlung

Christine van Ratingen ruft nach dem Händler, der kurz darauf einen Packen bunt verzierter Zeitungslogos über den Tisch reicht. Vielleicht gibt es sogar ein Motiv mit der NRZ. Dazu bräuchte man noch ein Stück Zeitung, einen gestempelten Brief mit dem Schriftzug „Klartext“ und alte Leserbriefe an die Redaktion. „So könnte ihre Ausstellung anfangen“, lobt die Vereinschefin.

Auf die Briefmarkenmesse verirrt sich nur selten ein Neuling. Schon in der U-Bahn in Richtung Gruga erkennt man die Messebesucher. Besonders verräterisch sind die Aktenkoffer, die man im Alltag so gut wie gar nicht mehr sieht. Vor dem Stand der Österreichischen Post haben aber gleich fünf Herren ihre Koffer zwischen die Beine geklemmt, während sie die neuesten Sondermarken unter die Lupe nehmen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Beliebte Motive

Martina Prinz präsentiert in diesem Jahr eine Marke aus Porzellan. Besonders beliebt ist auch eine gestickte Marke und ein religiöses Motiv, das kürzlich zum zweitschönsten Wertzeichen Europas gewählt wurde. Viele Messebesucher fragen direkt nach Sondermarken, etwa aus Leder, Schokolade, Wolle oder Holz. Beliebt sind auch komplette Jahressätze. Wer alle Marken besitzen möchte, die dieses Jahr in Österreich veröffentlicht wurden, müsste dafür etwa 70 Euro ausgeben.

Kaufen kann man die ausgefallenen Stücke normalerweise nur in bestimmten Verkaufsstellen. In Österreich gibt es drei Filialen für Philatelie-Bedarf. Christine van Ratingen wühlt lieber in alten Kisten. Gerade hat sie einen Brief aus Chicago gefunden. „Der Stempel da ist wertvoll“ sagt sie. „Der Brief wurde während des Krieges geöffnet und zensiert.“ Verhandlungsbasis: 45 Euro.