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"Dilldorf-Mord": Neun Jahre Haft

16.02.2009 | 16:08 Uhr
"Dilldorf-Mord": Neun Jahre Haft

Neun Jahre muss der 21 Jahre alte Kevin M. ins Gefängnis. Laut Urteil des Essener Schwurgerichtes hatte der gelernte Koch in der Nacht zum 17. Juli 2008 auf der Dilldorfer Höhe in Essen-Kupferdreh die 19 Jahre alte Abiturientin Sarah L. im Affekt erstochen. Das Gericht erkannte auf Totschlag.

Ganz ruhig war es, als Richter Andreas Labentz am Montagnachmittag die Entscheidung seiner Kammer verkündete. Hoch emotional hatte der Prozess zuvor nach den Plädoyers geendet. In seinem "letzten Wort" bat Kevin M. weinend um Entschuldigung. "Kannst Du nicht", stieß der Vater der Getöteten hervor, "nimm das Wort nie wieder in den Mund". Doch Kevin M. blieb dabei, weinte und sagte, es tue ihm leid, er könne es nicht begreifen. Hinten begann seine Freundin zu schluchzen. Dass die 20-Jährige, die ihn jetzt wieder regelmäßig im Gefängnis trifft, mit ihm im Sommer Schluss gemacht hatte, war der Ausgangspunkt der Tat.

Die Eltern der Getöteten mit ihrem Anwalt Frank Lee (l.). Foto: Arnold Rennemeyer

In eindrucksvollen Worten stellte Richter Labentz zu Beginn der Urteilsverkündung klar, wen die Schuld am Tod von Sarah L. trifft. Den Angeklagten, niemanden sonst. Zuerst sprach er die Eltern an, die sich vielleicht Vorwürfe" machten. Die Mutter, weil sie Sarah den Wagen gegeben hatte, als die junge Frau nachts zur Dilldorfer Höhe fahren wollte. Der Vater, weil er gerade Urlaub machte und nicht da war. Kevins Freundin, weil sie die Beziehung damals beendet hatte. "Diese Vorwürfe sind unberechtigt, sie haben sich nichts vorzuwerfen", betonte Labentz. Und zum Angeklagten, der sich und seine Befindlichkeit zu wichtig genommen hatte: "Es ist eben so, dass man leidet, wenn eine Beziehung endet. Trennungsschmerz ist normal."

Sarah als Ersatzopfer

Vor vollbesetzten Zuschauerreihen hatten am Morgen Psychiater Norbert Leygraf und Psychologe Boris Schiffer dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit zugestanden, weil er die 19-Jährige im Affekt erstochen habe. Die Wut habe sich eigentlich gegen die Freundin gerichtet, die Schluss gemacht hatte. Sarah L., so Schiffer, sei als Ersatzopfer getötet worden. Den Anlass habe ihr Satz "Gott sei Dank, dass die Dicke weg ist" geliefert, hatte Kevin M. kurz nach der Tat bei der Polizei gesagt. Psychologe Schiffer sprach von einem "Missverhältnis zwischen Anlass und Reaktion", es sei kein Motiv erkennbar. Psychiater Leygraf bescheinigte dem Angeklagten eine "sehr unreife Persönlichkeit". Dass er vier Messer mit auf die Dilldorfer Höhe genommen habe, erklärte der Psychiater mit den ursprünglichen Selbstmordabsichten des Angeklagten. Beide Gutachter stellten klar, dass man allein von seinen Aussagen ausgehen müsse, weil es keine anderen Erkenntnisse gäbe. Leygraf: "Wie es war, wissen wir nicht."

Viele Zuschauer verfolgen die Verhandlung gegen Kevin M. Foto: Arnold Rennemeyer

Staatsanwältin Elke Hinterberg warf dem Angeklagten in ihrem Plädoyer vor, er halte Informationen zurück. So, wie er die Tat schildere, könne es nicht gewesen sein. Hinterberg: "Es bleibt offen. Irgendetwas muss es gegeben haben, was ihn gereizt hat." Eine Affekttat gestand sie ihm zu, plädierte trotzdem auf Mord. Heimtückisch habe er Sarahs Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt. 13 Jahre Haft forderte sie. Rechtsanwalt Frank Lee, der die Eltern der Getöteten vertrat, beantragte lebenslange Haft für Mord. Der Angeklagte habe "unermessliches Leid über Sarahs Familie gebracht und über seine eigene". Sarah habe er "nicht den Hauch einer Chance gelassen".

Totschlag beantragt

Verteidiger Siegmund Benecken schließlich warf der Staatsanwältin ein rein emotionales Plädoyer vor. In angesichts der Eltern Sarahs manchmal zu saloppen Worten wies er den Mordantrag zurück. Wer affektiv aufgeladen töte, wisse nichts von Heimtücke, sagte er. Gerade die 40 Stiche zeigten, dass der Angeklagte bei der Tat "nicht ganz da war". Auf Totschlag plädierte er, forderte zwischen sechseinhalb und siebeneinhalb Jahren Haft.

Informationen fehlen

Auf Totschlag erkannte auch das Gericht, folgte dem Verteidiger bei der rechtlichen Bewertung. Dem Angeklagten warf aber auch das Gericht vor, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. So, wie Kevin M. die Tat schildere, sei sie in Teilen schwer nachzuvollziehen: "Was das Gespräch mit Sarah angeht, halten Sie ein gewisses Maß an Informationen zurück." Aber fehlende Erkenntnisse dürfe das Gericht nicht durch Mutmaßungen ersetzen. Der Satz mit "der Dicken", so betonte Labentz, sei keineswegs eine Provokation, sondern salopp gesagt. Sarah L. treffe deshalb auch keine Mitschuld.

Schauplatz des Verbrechens: Die Dilldorfer Höhe in Essen-Kupferdreh, in der Nähe des Baldeneysees. Foto: Hans Blossey

Wegen des Affektes müsse der Strafrahmen für den Totschlag gemildert werden, erklärte Labentz weiter. Innerhalb dieser Grenze müsse die Strafe im oberen Bereich liegen. Kevin M. habe hohe Schuld auf sich geladen. Es ist still im Saal, als der Richter die Hauptverhandlung gegen den Kupferdreher nach vier Sitzungstagen beendet.

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Stefan Wette

Kommentare
17.02.2009
21:05
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von charles | #13

zu syltstern: ich habe gerade gedacht, ich les nicht richtig. Wie kommst du dazu den Namen der Familie zu nennen!? Was meinst du, wieviel Idioten...
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2009-02-16 16:08
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