Fürs Essener Stadion ein Kunstgriff in die Museumskasse

GVE-Chef Andreas Hillebrand zeigte, wo’s langging beim Stadion – womöglich in die falsche Richtung.
GVE-Chef Andreas Hillebrand zeigte, wo’s langging beim Stadion – womöglich in die falsche Richtung.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Weil er offenbar Finanzlücken beim Stadion mit Geld aus der Sanierungsrücklage des Folkwang-Neubaus stopfte, droht dem Chef der städtischen Grundstücksfirma GVE Ärger.

Essen.. Er war gefragt, wenn es ein Problem gab, ein Mann für heikle Großprojekte – vom Stadion-Neubau bis zur Messe-Erweiterung, vom Museum Folkwang bis zum Groß-Asyl am Kutel. Einer, der „Ich mach das schon“ sagt, und bei dem die Stadtspitze die Sache in guten Händen wusste, wenn man danach erstmal nichts mehr davon hörte.

Und als es bei den Entsorgungsbetrieben lichterloh brannte, da war auch hier zunächst Andreas Hillebrand gefragt – indem er seinen Chefposten bei der städtischen Grundstücksverwaltung (GVE) tageweise räumte, um in der EBE-Affäre übergangsweise als „Feuerwehrmann“ einzuspringen.

Fehlende Millionen aus dem Instandhaltungskonto

Jetzt aber ist in Hillebrands eigenem Laden Feuer unterm Dach. Und weit und breit niemand zu sehen, der dem kreativen Macher zur Seite springen könnte. Weil er wohl am Ende womöglich eine allzu kreative Buchhaltung an den Tag legte, um eines seiner Großvorhaben, den Stadion-Neubau an der Hafenstraße, abzuwickeln.

Denn auf der Suche nach Geldquellen für das Sportler-Rund soll der Chef der städtischen Grundstücksverwaltungs-Firma sich eines Kunstgriffs bedient haben, der rechtlich fragwürdig, mindestens aber hochnotpeinlich ist, nun, da die ganze Chose aufflog: Hillebrand, so wollen Prüfer herausgefunden haben, entnahm die fehlenden Millionen kurzerhand jenem Instandhaltungskonto, das 2010 eigens für den Neubau des Museums Folkwang eingerichtet wurde.

Rund 5,6 Millionen Euro in drei Jahren

Durchgesetzt hatte diese Rücklage der mittlerweile verstorbene Kuratoriums-Chef der Krupp-Stiftung, Professor Berthold Beitz, weil er verhindern wollte, dass die 55-Millionen-Euro-Spende für das „schönste Museum der Welt“ am Ende dadurch ad absurdum geführt wird, dass die Stadt sich erst im Glanz eines solchen Baus sonnt – und ihn dann verlottern lässt wie so viele andere Immobilien zuvor.

Also gab es eine vertragliche Absicherung: Der Rat beschloss 2009, allen Finanznöten zum Trotz jährlich 2,1 Millionen Euro fürs Museum an die Seite zu legen: 0,7 Millionen als „kleine Bauunterhaltung“ für Bagatell-Reparaturen und 1,4 Millionen als Instandhaltungs-Rücklage.

Bericht an den Wirtschaftsprüfer

In den ersten beiden Jahren wurde das Geld über die Firma des damaligen Projektsteuerers Klaus Wolff auf dem Notaranderkonto eines Kölner Anwalts „geparkt“, danach kam es unter die Fittiche der städtischen Grundstücksverwaltung GVE.

Dort sammelte sich ein hübsches Sümmchen an, von 2010 bis 2013 rund 5,6 Millionen Euro, doch die sind, so sickert durch, erst einmal futsch. „Zum Glück“, so raunt man im Rathaus, wurden die Gelder für 2014 und 2015 noch nicht abgerufen. Um zu verhindern, dass die Krupp-Stiftung aus der Zeitung von diesem Husarenstück erfährt, wollte sich nach NRZ-Informationen gestern eine Delegation der Stadt zur Krupp-Stiftung aufmachen, um die aktuellen Erkenntnisse der mit einer Sonderprüfung der GVE beauftragten Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young zu beichten.

Stadionkosten von mehr als 48 Millionen Euro

Fest steht für die Stadt: Der Instandhaltungstopf muss zügig wieder aufgefüllt werden. Aus welchen Mitteln – diese Frage wird noch zu klären sein. Die GVE jedenfalls scheint zu ertragsschwach zu sein, nimmt sie doch – wie berichtet – den städtischen Cash-Pool mit gut acht Millionen Euro und damit weit über Gebühr in Anspruch. Insgesamt wird der Finanzierungsbedarf der städtischen GVE auf einen zweistelligen Millionenbedarf geschätzt, wovon sich immerhin ein Teil durch den Erlös eines Grundstücksverkaufs an der Schürmannstraße auffangen lässt.

Offiziell hielt die Stadt mit ihren Erkenntnissen gestern hinter dem Berg, verwies auf die heute anstehende Aufsichtsrats-Sitzung der GVE und eine geplante Information des Stadtrates im März. Nur so viel wollte man klarstellen: Nicht das Stadion, sondern das „Projekt Fußball“ habe 59 Millionen Euro gekostet. Darin seien auch 9,7 Millionen für die Ablösung der Verbindlichkeiten bei der MK-Medien-Gruppe und der Erwerb der Vermarktungsrechte enthalten, mit denen man dem Verein Rot-Weiss Essen einen Neuanfang ermöglichen wollte. Doch selbst nach Abzug dieser Summe stünden Stadionkosten von mehr als 49 Millionen Euro im Raum – 6,6 Millionen mehr als zuletzt eingeräumt.

Die Frage nach der Verantwortung

Für die Politik scheint längst klar: Die finanzielle Schieflage muss Konsequenzen haben, erst recht der Umstand, wie GVE-Geschäftsführer Andreas Hillebrand sie zwischenzeitlich offenbar gelöst hat. CDU-Fraktionschef Thomas Kufen mahnt Klarheit an und sieht einen immer größeren Schaden, je länger spekuliert wird. Er empfehle „dringend, gegenüber Hillebrand arbeitsrechtliche Konsequenzen zu prüfen“.

Kopfschütteln auch bei den Linken: „Wir sind fassungslos. Das wäre dann wohl der nächste Skandal um eine städtische Beteiligungsgesellschaft“, formulierte Fraktionschefin Gabriele Giesecke gestern: „Uns stellt sich da nicht nur die Frage nach der Verantwortung der Geschäftsführung, sondern auch nach der der Stadtspitze.

Der OB will sich womöglich heute äußern. Ob für die GVE ein neuer Geschäftsführer gesucht wird, ist offen, ein anderer Job allerdings wird auf der firmeneigenen Webseite beworben: Zum 1. April sucht man einen Controller.