Für Essen war 2013 ein Jahr der Defensive

.
.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Der Einwohnerschwund hält an, fast alle Konzerne sind in der Krise, und es mangelt an Bau- und Ansiedlungsprojekten, die die Phantasie beflügeln. Und dann ist da noch die Messe-Entscheidung. Am 19. Januar weiß man, ob sich die Agonie fortsetzt.

Essen.. Essen 1913 - eine Industriestadt macht sich voller Zukunftsoptimismus auf, zur wirklichen Großstadt heranzuwachsen. Die Firma Krupp ist auf dem Zenit ihres wirtschaftlichen Erfolgs, rund 100.000 Essener sind davon direkt oder indirekt abhängig. Wie in den Jahren zuvor verändert sich das Stadtbild in Riesenschritten zum Besseren, 1913 wird etwa das Hotel Handelshof eröffnet und die große neue Synagoge.

In Schonnebeck erhält 1913 ein gewisser Karl Albrecht die Konzession für den „Handel mit Backwaren“, in Borbeck eröffnet Heinrich Deichmann einen Schuhladen - beide werden Gründungsväter von Weltkonzernen. Und in Rüttenscheid findet in den neuen Ausstellungshallen erstmals die „Große Gewerbeschau“ statt, aus der später die Messe Essen hervorgeht.

Beispiele für Zukunft und Fortschritt

Welch ein Kontrast genau 100 Jahre später, und das nicht nur, weil die Messe in der größten Legitimationskrise ihrer Geschichte steckt. Als Oberbürgermeister Reinhard Paß jüngst das Jahr 2013 bilanzierte, nahm das Aufzählen von historischen Jahrestagen fast mehr Platz ein als die aktuellen Beispiele für Zukunft und Fortschritt. Das Univiertel und drei Stadtteil-Wohnprojekte - allesamt begonnen in früheren Jahren - mussten im Wesentlichen genügen, um die schmeichelhafte These zu untermauern, Essen sei 2013 eine „zukunftsorientierte“ Stadt gewesen.

In Wahrheit ist das eine Floskel, die wenig Realitätsgehalt hat. Der Einwohnerschwund hält fast unvermindert an. Die großen Konzerne, von deren Wirtschaftskraft Essen abhängt, stecken in teils existenzbedrohenden Krisen. Neue Bau-oder Ansiedlungsprojekte, die wirklich Phantasien freisetzen, gibt es allenfalls ein einziges: Im Kreuzeskirchviertel startet der Allbau den entscheidenden Versuch, der Nord-City neues Leben einzuhauchen. Man kann das nicht genug loben, aber es ist zu wenig für eine Stadt, die dynamisch sein will.

Anfang vom Ende der Messe

Doch will sie das wirklich? Ich habe Zweifel. Geprägt war das Grußwort des OB von der berechtigten Sorge, die Bürger könnten beim Entscheid am 19. Januar faktisch den Anfang vom Ende der Messe beschließen. Käme es zu dieser Zuspitzung, wäre das nicht nur fatal für die Messe, die erste Amtszeit von Reinhard Paß trüge dann endgültig den Stempel „gescheitert“.

Der OB weiß das und kämpft bravourös, doch ist seine Autorität nicht erst seit dem EBE-Skandal angeschlagen. Seit über vier Jahren will es ihm nicht recht gelingen, der Stadt ein wenig Aufbruchstimmung und Vertrauen in seine Führungskunst einzuflößen, und der Hinweis auf seine gleichfalls oft müde wirkenden politischen Kontrahenten macht es nicht besser.

2013 war für Essen ein Jahr der Defensive. Schon am 19. Januar 2014 wird entschieden, ob man auf Besserung hoffen darf.