„Für eine Demokratie muss man etwas tun“

Freut sich über 85 Prozent Auslastung trotz eines düsteren Spielplans: Christian Tombeil, Intendant des Schauspiel Essen, im Grillo-Theater.
Freut sich über 85 Prozent Auslastung trotz eines düsteren Spielplans: Christian Tombeil, Intendant des Schauspiel Essen, im Grillo-Theater.
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Was wir bereits wissen
Terror, Krieg, Flüchtlingsströme - im Programm des Schauspiel Essen spiegeln sich die Krisen der Zeit. Intendant Christian Tombeil zieht Halbjahresbilanz.

Essen.. Das Schauspiel Essen zeigt Haltung: „Keine Bühne für Rassismus“ prangt an der Front des Grillo-Theaters als Reaktion auf jüngste politische Ereignisse und Mark Ravenhills Gewaltpanorama „Wir sind die Guten“ wurde gerade noch ins Programm genommen. Dabei hatte die künstlerische Leitung mit dem Thema „Grenzgänger“ bereits in der Vorbereitung des Spielplans 2014/15 vor einem Jahr das richtigen Gespür. Redakteurin Dagmar Schwalm erörterte die Verdichtung der Konfliktstoffe mit Intendant Christian Tombeil.

Herr Tombeil, Sie treffen in dieser Spielzeit den Nagel auf den Kopf. Wie kommt es zu der Punktlandung?

Christian Tombeil: Wir konnten nicht ahnen, dass die Zeit uns einholt. Als wir uns für „Alles ist erleuchtet“ entschieden haben, gab es die Krise in der Ukraine noch nicht. „Verbrennungen“ kriegt mit der Islam-Diskussion eine neue Dimension. Wir sind ein Haus mit Bildungsauftrag, in dem man schon den Finger in die Wunde legen will.

Auf das Sinti- und Roma-Projekt „Die Odyssee“ folgte das nicht gerade einfache Projekt zum Ersten Weltkrieg „Eine Jugend in Deutschland“. Wie sind die Reaktionen darauf?

Tombeil: Der tätliche Angriff bei der „Odyssee“ war ein Einzelfall. Ansonsten gibt es an Reaktionen alles, von Ablehnung bis zur Zustimmung. Es gab keine Einbrüche bei den Abos, keine Vorstellungen, die nach zehn Minuten leer waren. Das Essener Publikum ist ein sehr treues. Das setzt sich mit uns auseinander.

Related content Die Auslastung beider Stücke fällt nicht katastrophal, aber mäßig aus. „Cabaret“ ist dagegen ausverkauft. Resultiert aus all den Problemstücken die Sehnsucht nach Unterhaltung?

Tombeil: Nicht unbedingt. Das liegt an dem Genre Musical. Da trifft man ein anderes Publikum, auch wenn unsere Inszenierung vergleichsweise düster ausfällt.

Soweit das Auge reicht, ist keine Komödie in Sicht. Warum?

Tombeil: Wir haben keine gefunden, die in die Programmatik dieser Spielzeit passt.

Auch beim Kinder- und Jugendtheater haben Sie das Thema Grenzgänger mit „Am Horizont“ und „Ich rufe meine Brüder“ konsequent bedacht. Wird das angenommen?

Tombeil: „Am Horizont“ läuft im freien Verkauf sehr gut. Nur die Schulen rennen uns beim Thema Alzheimer nicht die Bude ein. Da fragen wir uns schon, ob wir die Lehrer erreicht haben. Und bei „Ich rufe meine Brüder“, das ja noch kommt, geht es um viel Freundschaft und Vertrauen. Ich glaube schon, dass das ankommt.

Sehen Sie das, was Sie am Schauspiel machen, als politisches Theater an?

Tombeil: Wir sind nicht die Volksbühne. Aber Sie finden in NRW kein anderes Theater, das sich so mit Krisen auseinandersetzt wie wir. Mich interessiert, was in der Welt passiert. Daraus mache ich keinen Hehl. Es muss klar werden, dass unsere Demokratie nicht auf ewig in Stein gemeißelt ist. Für eine Demokratie muss man etwas tun.

Mehr klassische Stoffe in Sicht

Wie sieht die Auslastung des Schauspiels im Vergleich zur ersten Hälfte der vergangenen Spielzeit aus?

Tombeil: Bis Ende Januar hatten wir 163 Vorstellungen mit 32.500 Zuschauern und damit eine Auslastung von 85 Prozent. Im Vergleichszeitraum der letzten Spielzeit war es eine Vorstellung mehr und die Auslastung lag knapp über 85 Prozent. Das stimmt mich freudig. Der sehr dunkle Spielplan, der ja seine Berechtigung hat, zeigt bisher keine negativen Auswirkungen.

Zeigen denn die Einsparungen der Theater und Philharmonie in Millionenhöhe Auswirkungen?

Tombeil: Es hat nicht zu so dramatischen Einschnitten wie bei den Theatern in Wuppertal, Hagen oder Oberhausen geführt. Aber eines ist klar: Mehr geht nicht, ohne dass es nach außen und nach innen spürbar wird. Wir spielen 350 Vorstellungen mit 17 Schauspielern. Zwei Paare fallen jetzt wegen Schwangerschaften aus, die durch Gäste ersetzt werden müssen. Es wird Preissteigerungen im Ausstattungsbereich geben. Wir sind am Rande unserer Ressourcen angekommen.

Trotzdem ermöglichen Sie noch Veranstaltungen, die auf den von Anfang an gepflegten Netzwerken beruhen. Wie ist es darum bestellt?

Tombeil: Wir wollen unser Kinder- und Jugendwochenende ausbauen. Wir haben den Kontakt zur freien Szene, zu Jazz in Essen und zu Flüchtlingsorganisationen. Aber auch die Netzwerke stoßen an ihre Grenzen.

Können Sie einen Ausblick auf die kommende Spielzeit geben?

Tombeil: Nicht jede Spielzeit wird so sein wie diese. So viel kann ich sagen: Es wird mehr klassische Stoffe geben.