Fünf Jahre Ruhr Museum - das Ruhrgebiet ist kein alter Hut

Die orangefarbene Wegführung gehört zum Markenzeichen des Hauses: Direktor Theodor Grütter im Ruhr Museum.
Die orangefarbene Wegführung gehört zum Markenzeichen des Hauses: Direktor Theodor Grütter im Ruhr Museum.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Theo Grütter, Direktor des Ruhr Museums, zieht nach fünf Jahren eine positive Bilanz. Mit 250.000 Besuchern liegt der Zuspruch weit über den Erwartungen.

Essen.. Zum Start brachte Tief Daisy damals Schneegestöber, einen wetterfesten Bundespräsidenten und Herbert Grönemeyer mit, der mit seiner Ruhr.2010-Hymne trotz Schnee und Eis die Herzen wärmte. Als am 9. Januar 2010 auf Zollverein der Startschuss zur Kulturhauptstadt fiel, wurde zeitgleich auch das neue Ruhr Museum eröffnet. Ein ehrgeiziges Projekt, das sich anfangs gegen viele Skeptiker und Bedenkenträger durchsetzen musste. Nach fünf Jahren gehört das Haus heute zu den Flaggschiffen der Essener Kulturlandschaft. Theo Grütter, der 2012 die Nachfolge von Gründungs-Direktor Ulrich Borsdorf angetreten hat, sprach mit Martina Schürmann über mutige Weichenstellungen und Zukunftsziele.

Herr Grütter, als das Ruhr Museum vor fünf Jahren eröffnet wurde, waren die Erwartungen durchaus gemischt. Manche fürchteten das Diaspora-Dasein im Norden, andere sorgten sich um die Finanzierung der Betriebskosten.

Theo Grütter: Die Sorgen waren ja nicht ganz unbegründet, die Finanzierung war anfangs nicht ganz geschlossen. Unsere Kalkulation lautete damals: Wir brauchen in jedem Jahr 150.000 Besucher, damit wir mit den Einnahmen die Lücke schließen und kostendeckend arbeiten können. Das waren immerhin dreimal so viel Besucher wie am alten Standort an der Goethestraße.

Die Rechnung ist aufgegangen?

Grütter: Mehr als das. Es kommen pro Jahr nicht 150 000, sondern 250.000 Besucher. Damit gehört das Ruhr Museum im historischen Bereich zu den zehn bestbesuchten Museen in Deutschland, in NRW liegen wir gleich hinter dem Haus der Geschichte in Bonn und dem Archäologischen Park Xanten.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Schatzkammer Grütter: Der touristische Standort Zollverein ist sicher ein Glücksfall. Das erklärt auch die extrem hohe Zahl der Wiederholungs-Besucher. Etwa 50 Prozent der Gäste kommen für Sonderausstellungen, die andere Hälfte kommt für die Dauerausstellung, viele schauen immer mal wieder vorbei. Aber wir wissen, dass wir das Niveau nur halten, wenn wir immer wieder attraktive Ausstellungen anbieten. Das ist unsere Abhängigkeit. Wir brauchen große Ausstellungen wie die „Krupp“-Schau oder die „1914“-Schau zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, um mit den Mehreinnahmen wieder neue Projekte realisieren zu können.

Wie sehen die Pläne für die kommenden Jahre aus?

Grütter: Die Liste reicht bereits bis ins Jahr 2020. Am 26. März werden wir zunächst mit „Werdendes Ruhrgebiet“ eröffnen, eine Schau über die Christianisierung Nordosteuropas, die von Werden aus ihren Ursprung genommen hat. 2016 folgt ein Projekt zum Rock und Pop im Pott. 2017 zeigen wir eine Ausstellung über die vier großen Weltreligionen unter dem Motto „Der geteilte Himmel“. 2018 ist das Ende der deutschen Kohleförderung natürlich unser Thema, aber im großen europäischen Kontext. 2019 widmen wir uns den großen privaten Sammlungen des Ruhrgebiets und 2020 geht es um die Metropole Ruhr, die Entstehung des Begriffs Ruhrgebiet vor 100 Jahren.

Der Begriff „Ruhrstadt“ scheint hingegen schon längst nicht mehr in aller Munde. Versucht das Museum am Ende eine Klammer, die die Politik längst abgehakt hat?

Grütter: Im Gegenteil. Meiner Meinung nach gibt es weniger dezidierte Gegner des Ruhrgebiets als noch vor zehn Jahren. Und mental ist das Ruhrgebiet doch ein Hype! An diesen historisch gewachsenen Orten Zukunft zu gestalten, das ist doch die Stärke dieser Region, das Alleinstellungsmerkmal. Und alle Angebote werden doch angenommen, von der Medienmesse C.A.R. bis zur Ruhrtriennale. Das ist einfach spannender als eine Ausstellung in der VHS. Das hat ja nichts mit Nostalgieversessenheit zu tun.

Trotzdem braucht auch das „Gedächtnis des Ruhrgebiets“ irgendwann eine Auffrischung. Was wird sich in den nächsten Jahren ändern?

Grütter: Die Ausstellungs-Abteilungen, die sich mit Bilanz und Ausblick beschäftigen, müssen wir schneller überarbeiten als erwartet, die Gegenwart holt uns da immer wieder rasend rasch ein. Und natürlich kommen uns auch immer wieder neue Exponate zu, wie beispielsweise der Hut, den Bundespräsident Horst Köhler 2010 auf Zollverein trug, das ist dann eine Erinnerung an das „Wintermärchen“ zur Eröffnung der Kulturhauptstadt. Und natürlich werden wir auch an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit von Stadt, Land und Landschaftsverband Rheinland arbeiten, die das Ruhrmuseum in gemeinsamer Trägerschaft führen. Wichtig war, dass man uns nicht zum Industriemuseum gemacht hat, dann wären wir heute ein Haus der Kohle geworden in direkter Konkurrenz zum Bergbaumuseum. Als Regionalmuseum haben wir sehr viel mehr Möglichkeiten. Das Ruhrgebiet ist eben nicht nur der größte europäische Ballungsraum, sondern auch ein Füllhorn von Geschichten und Geschichte. Uns gehen die Themen so schnell nicht aus.

Warten auf das Schau-Depot – Museum plant zentrale Lagerstätte auf der Kokerei für neue Sammlungen

Die Vergangenheit braucht Platz. Als Gedächtnis einer ganzen Region kommen dem Ruhr Museum immer wieder neue Sammlungen zu, von der großen Foto- bis zur Naturkundesammlung. Um diese Schätze zugänglich zu machen, plant das Ruhr Museum auf dem Gelände der Kokerei Zollverein ein Zentral- und Schau-Depot. „Der Ort wäre grandios“, sagt Theo Grütter, der nicht nur aus kulturhistorischer Sicht Handlungsbedarf sieht.

Teile der Sammlungen sind bis heute an diversen Orten der Stadt verstreut, unter konservatorisch teils bedenklichen Voraussetzungen. Ähnliches gilt auch für die private Schausteller-Sammlung Erich Knockes, die ebenfalls auf Zollverein ein Museum bekommen soll. Die mit jeweils drei Millionen Euro kalkulierten Projekte könnten im Wesentlichen aus dem Welterbestätten-Programm des Bundes getragen werden. Der städtische Eigenanteil beliefe sich auf 300.000 Euro.

In der Politik gab es zuletzt viel Beifall für die Pläne. Bei der Stadt als Eigentümerin der Sammlungen sieht man noch Abstimmungsbedarf, nicht nur, was die Frage der Betriebskosten angeht. Auch die Absprachen mit den Knocke-Erben seien noch nicht abgeschlossen. Der Antrag ans Ministerium liegt nach Angaben von Kulturdezernent Andreas Bomheuer derzeit auf Eis, soll 2015 aber auf den Weg gebracht werden.