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Stadtteil-Spaziergänge

Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt

30.08.2010 | 10:54 Uhr
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt

Essen.Der westlichste Zipfel der Stadt, Frintrop, ist umgeben von Grünzügen und auf der Einkaufsmeile gibt es kaum Leerstände. Ausgerechnet der Wasserturm, eigentlich das Wahrzeichen von Frintrop, steht in Bedingrade.

Wenn einer ein waschechter Frintroper ist, dann Jürgen Thulke. Seit seiner Geburt ist der frühere Landtagsabgeordnete im Schatten des Frintroper Wasserturms fest verwurzelt - und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Mein Haus steht auf der gleichen Parzelle wie mein Elternhaus“, erklärt der heute 71-jährige Sozialdemokrat. Wobei er zugeben muss, dass sich sein Grundstück genau genommen nicht auf Frintroper, sondern ein paar Meter auf Bedingrader Gebiet befindet. Die Oberhauser Straße ist hier die Grenze. Alteingesessene Bewohner dieses Wohnviertels würden jedoch nie behaupten, sie seien Bedingrader, und es ist ihnen auch nur schwer zu vermitteln, dass das von weitem sichtbare Wahrzeichen ihres Vorortes, der 44 Meter hohe Riese mit seinem Wellen bemalten Kessel, ebenfalls in Bedingrade steht.

Josef Tillmann macht den Grünschnitt am Pfarrheim Herz-Jesu. Foto: Walter Buchholz

Unseren Spaziergang beginnen wir allerdings am Frintroper Markt. Früher herrschte hier samstags ein reges Treiben, und auch mittwochs boten Bauern, Bäcker und Metzger frische Ware an. Heute wirkt der Dorfplatz, der vor 20 Jahren neu gestaltet und mit einem Brunnen versehen wurde, wie leer gefegt. „Die Leute stimmen mit den Füßen ab“, sagt Jürgen Thulke und verweist auf die Bevölkerungsstruktur, die gerade hier im Unterdorf keine gesunde Mischung biete. Viele ältere Menschen lebten hier in derselben Wohnung, die sie in den 60er Jahren als Arbeiter oder Handwerker zu günstiger Miete bezogen hätten.

Gegenüber dem Marktplatz klafft momentan eine riesige Baulücke. In dem uralten Geschäftshaus aus dem beginnenden 20. Jahrhundert waren Jahrzehnte lang ein Radio- und Fernsehgeschäft sowie die Kneipe „Zum Sportsfreund Lotz“, im Anbau ein Edeka-Markt beheimatet. „Bis Ende der 1950er Jahre war hier das alte Metropol-Kino“, erinnert sich Jürgen Thulke. Nun entstehen hier in Kürze 37 Altenwohnungen, die von der Arbeiterwohlfahrt bewirtschaftet werden.

Nur wenige hundert Meter vom Markt entfernt versucht man, dem demografischen Trend entgegen zu wirken. Auf dem ehemaligen Kirchengelände am Leoplatz entstehen zurzeit 20 Doppelhaus-Hälften und drei Reihenhäuser für junge Familien. „Zehn Familien sind schon eingezogen“, weiß Josef Tillmann zu berichten. Er wohnt gleich gegenüber und kümmert sich ehrenamtlich um den Grünschnitt am Pfarrheim. Es ist der Ort, an dem sich die KAB, die Ehrengarde, die Frauengemeinschaft und der Handarbeitskreis der ehemaligen Herz-Jesu-Pfarre regelmäßig treffen. Ein Förderverein sorgt dafür, dass der Betrieb aufrecht erhalten werden kann. Zum Gottesdienst müssen die Gemeindemitglieder indes den Berg hinauf zu St. Josef. Ihre Herz-Jesu-Kirche wurde vor zwei Jahren abgerissen - als erste im Bistum.

Das älteste Haus am Frintroper Markt, in dessen Anbau sich einst das Metropol-Kino befand, wurde abgerissen. Hier entstehen nun 37 Altenwohnungen.Foto: Walter Buchholz

Im westlichsten Zipfel von Essen plätschert der Läppkes Mühlenbach friedlich vor sich hin. Und Jürgen Thulke ist noch immer stolz auf „die erste Renaturierung im westlichen Ruhrgebiet“, die er Ende der 80er Jahre als Politiker mit angeschoben hat. „Damals war das hier eine richtige Köttelbecke“, erinnert sich der 71-Jährige und verweist auf ein Teilstück des damaligen Kanalbettes, das am Wegesrand als Erinnerungsstück erhalten wurde. Heute dient der Grüngürtel, der seit der Renaturierung des Baches eine vielfältige Flora hervorgebracht hat, vielen Frintropern als Spazierweg. „Das ist hier das Schöne: Von jedem Punkt aus in Frintrop ist man in wenigen Minuten im Grünen“, führt Thulke als Grund für die Beliebtheit des Stadtteils an.

Zu Fuß ist man von hier aus in einer guten Viertelstunde, mit der Straßenbahn der Linie 105, die an der Stadtgrenze beginnt, indes in nur drei Minuten im Ortszentrum. Bäcker, Supermarkt, Kneipen und Pizzerien, Mode- und Schuhgeschäfte sorgen auf den 300 Metern zwischen Höhenweg und Schloßstraße für einen bunten Mix. „Als in Oberhausen das Centro gebaut wurde, hat die Kaufmannschaft laut aufgeschrien und riesige Einbußen befürchtet“, erinnert sich Jürgen Thulke an hitzige Diskussionen. Der Ärger sei jedoch schnell verraucht. „Die Frintroper gehen hier einkaufen, hier gibt es alles für den täglichen Bedarf.“

Auf die Renaturierung des Läppkes Mühlenbach ist der ehemalige Landtagsabgeordnete Jürgen Thulke noch heute stolz. Foto: Walter Buchholz

Beim Abschreiten der Einkaufsmeile entdecken wir viele alteingesessene Frintroper Institutionen: den Lebensmittelhändler Plassmann, das Modehaus Engels, das Radio- und Fernsehgeschäft Winkler und natürlich auch die Frintroper Grillstation. Seit 1967 gibt’s dort die besten Hähnchen der Stadt - meinen zumindest die Frintroper.

„Gucken Sie sich an, wie viele Leerstände wir im Gegensatz zu anderen Vororten haben – so gut wie keine“, erklärt Wolfgang Neff. Seit Generationen ist sein Laden erster Anlaufpunkt für Eltern mit Kindern. Ob Hefte oder Buntstifte für die Schule, ob Lego oder Playmobil für den Kindergeburtstag – hier wird man garantiert fündig. 1971 übernahm er den kleinen Schreibwarenladen an der Frintroper Straße und hat seitdem mehrmals erweitert. Und als eine Kollegin vor zwei Jahren ihren Wohnsitz wechselte, hat er kurzerhand auch Bücher in sein Sortiment aufgenommen. „Wenn Sie bis 18 Uhr bestellen, können Sie ihr Buch im Regelfall am nächsten Morgen abholen“, verspricht der Kaufmann.

„Das sympathische Dorf in der Stadt“ lautete einst der Slogan der Frintroper Werbegemeinschaft. Wolfgang Neff kann das als Zugereister nur unterstreichen. „Als ich vor 39 Jahren von Rüttenscheid hierhin gezogen bin, war ich skeptisch. Inzwischen will ich hier gar nicht mehr weg.“

Michael Köster

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Kommentare
17.09.2010
12:28
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von BorbeckerBefreiungsFront | #7

Wenn wir das jetzt noch schaffen, die häßlichsten Gebäude abzureißen und die Bevölkerungsdichte zu reduzieren, kann das wieder was werden mit den dörflichen Strukturen.
Was gar nicht böse gemeint ist, wenn wir überlegen, wieviele weggegangen sind, um in solchen dörflichen Strukturen zu leben,

Und die B221 müssen wir auch noch beruhigen. Fangen wir mit einer Tempo 30 Zone an.
Endlich mal eine Aufgabe für die Bezirksvertreter.

16.09.2010
08:27
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von Toni Teufel | #6

Als Frintroper kann ich nur sagen: Ich wohne gerne dort. Zugegeben, alteingesessene Geschäfte werden aufgegeben und Handy-Shops und ähnliches entstehen. Aber in welchem Stadtteil ist das denn nicht der Fall. Das ist doch überall so. Jedenfalls bin ich froh darüber, daß nicht gleich JEDES leerstehende Ladenlokal in ein Handygeschäft oder Internet-Cafe mutiert. Auch in Frintrop gibt es junge Menschen, die zur Zielgruppe dieses Gewerbes gehörten, und die will nun mal vor Ort bedient werden.
Alles in Allem bietet Frintrop wirklich einen guten Mix aus allen möglichen Gewerbezweigen.

01.09.2010
00:43
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von FrintroperJung | #5

Sorry, Fritz Pleitgen war ein medialer Gehirnverwechsler, ich meinte natürlich Walter!

30.08.2010
23:09
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von FrintroperJung | #4

Als Ex-Frintroper kann ich sagen, der Stadtteil hat sich stark verändert, und leider nicht zum Guten. Alte Geschäfte wie Redmann und Co. sind weg, die Fritz Pleitgenschule ist in einem jämmerlichen Zustand, Wiesen und Birnenbäume auf dem Gelände einfach zubetoniert. Der Marktplatz ist und bleibt häufig leer, die Stimmung ist im Keller. Nein, Frintrop, zumindest Unterfrintrop ist seit den 80er Jahren auf dem absteigenden Ast, leider. Meine Kindheit dort war fabelhaft, aber jetzt, meine Kinder sollten dort nicht mehr wohnen müssen. Komischerweise gibt es dort mittlerweile auch Handy-Shops und Call-Center, das werte ich (nicht pauschal) als den absolut beginnenden Niedergang des Stadtteils, wie man ihn anderswo auch schon beobachten konnte.

R.I.P. altes schönes Frintrop!

30.08.2010
13:59
Blockierter Kommentar.
von Peter Lustig | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

30.08.2010
13:59
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von Peter Lustig | #2

Die erste Kirche, die im Bistum Essen abgerissen wurde, war mitnichten Herz-Jesu in Frintrop, sondern St. Bernhard im Bergeborbecker Gewerbegebiet Brauk - und das schon vor rund zehn Jahren.

30.08.2010
13:59
Frintrop - das Dorf am Rande der Stadt
von Peter Lustig | #1

Die erste Kirche, die im Bistum Essen abgerissen wurde, war mitnichten Herz-Jesu in Frintrop, sondern St. Bernhard im Bergeborbecker Gewerbegebiet Brauk - und das schon vor rund zehn Jahren.

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