Freiheit steht auf dem Spiel

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„Wir sind das Volk.“ „Wir sind Papst.“ „Wir sind Weltmeister.“ Sätze kollektiver Überzeugungen, die mit „Wir sind . . .“ beginnen, hält Hermann Schmidt-Rahmer für suspekt. „Sie führen immer in eine falsche Richtung“, meint der Regisseur, der zuletzt „Manderlay“ in Essen realisierte. Stand vor einem Jahr noch die Moral bei ihm auf dem Spiel, ist es nun die Meinungsfreiheit. Aus politischem Anlass verschob er „Big Data“, sein Projekt zum Thema Überwachung, in die nächste Saison und bringt mit demselben Personal kurzfristig Mark Ravenhills „Wir sind die Guten“ auf die Grillo-Bühne.

Eskalation der Lage

Der Terroranschlag in Paris war ein Auslöser. „Ich war so bedrückt und fühlte mich in der Pflicht, zu reagieren“, erzählt Hermann Schmidt-Rahmer. Und zwar mit einem Stückreigen von 2008, der vor dem Hintergrund der Londoner U-Bahn-Attentate entstanden war und sich um Begriffe wie Freiheit und Demokratie, Terror und Krieg, Gut und Böse, Sicherheit und Verunsicherung dreht. 2012 hatte der an der Berliner Universität der Künste lehrende Theatermacher „Shoot/ Get Treasure/ Repeat” (so der Originaltitel) bereits am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden inszeniert. „Mark Ravenhill schafft es, mit einem hohen Maß an Ironie eine Gesellschaft zu zeigen, die versorgt ist und in Angst lebt. Darin erkenne ich die Zeit wieder, in der wir leben“, betont er die Qualität des Werkes.

„Damals bin ich näher an der Vorlage geblieben, jetzt spitze mehr zu“, erklärt der 54-Jährige den erneuten Zugriff, den er mit der Eskalation der Lage begründet. „Damals gab es keine Pegida-Bewegung, die die Wirksamkeit unserer Demokratie angreift und den öffentlichen Diskurs als Lügengebäude hinstellt. Es gab den Anschlag von Paris nicht, der ein Anschlag gegen die Kultur und nicht gegen die Politik war. Und die Terrororganisation Isis war auch noch nicht so aufgestellt.“

Aus Ravenhills 16 Minidramen, die durch ihre freie Zusammenstellung unterschiedliche Ansichten ermöglichen, greift er acht heraus. Dazu gehören ein Paar, das sich in ein umzäuntes Wohngebiet zurückzieht, um seine Kinder zu schützen, eine Frau, die sich mit ihrem Bewacher arrangiert, und eine westliche Mission, die ihre Werte der Bevölkerung im Nahen Osten beibringen will. Ergänzt werden die Szenen mit dokumentarischen Texten, unter anderem aus islamistischer Propaganda oder von Pegida-Demonstrationen.

Um die Grenzen der Toleranz geht es dem Regisseur heute. „Wie viel darf Meinungsfreiheit, wie viel darf Kunst? Dürfen wir diesen Witz machen? Diese Fragen habe ich mir 30 Jahre nicht gestellt“, kommentiert er seine zweite Inszenierung des Stoffes, die rund um die Selbstzensur kritisch erörtert, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und wie wir uns verhalten, wenn Werte auf dem Spiel stehen.

Die Antworten bleiben dem Zuschauer überlassen. Auch die auf die Frage, ob wir die Guten sind. „Seit dem Irak-Krieg sind wir es nicht mehr. Wir sind eine desperate Gesellschaft, die den Folgen der Globalisierung ausgesetzt ist. Gut zu bleiben, ist da nicht einfach“, meint der Regisseur und beschert am Ende einen bittersüßen Blick in die Zukunft: „Die westliche Welt wird sich auf Kosten anderer durchsetzen. Konsum ist dabei der kleinste gemeinsame Nenner.“