Das aktuelle Wetter Essen 21°C
Flüchtlinge

Flüchtlinge in Essener Schwimmbad vorm Ertrinken gerettet

19.02.2016 | 07:00 Uhr
Flüchtlinge in Essener Schwimmbad vorm Ertrinken gerettet
Einer der Lebensretter: Schwimmmeister Hamed Hassanabadi hat drei Flüchtlingen im Hauptbad das Leben gerettet.Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Essen.   Das Personal im Hauptbad hat drei syrische Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Die Bäder stellen sich auf mehr Notsituationen ein: Die allermeisten Flüchtlinge sind Nichtschwimmer.

Der Zustrom von Flüchtlingen stellt auch das Personal in den Essener Hallen- und Freibäder vor völlig neuartige Herausforderungen. Grund: Die allermeisten Zuwanderer sind Nichtschwimmer und haben noch nie in ihrem Leben ein Schwimmbad betreten. „Die Sicherheit aller Badegäste zu gewährleisten, ist die größte Herausforderung für uns“, sagt Thurmfeld- und Gruga-Badleiter Georg Schwiderski (50), der mit 34 Dienstjahren zu den langgedienten Schwimmmeistern der Stadt zählt.

Wie berechtigt seine Sorge ist, zeigt ein spektakulärer Vorfall, der sich erst vor kurzem beim „Abschwimmen“ im inzwischen geschlossenen Hauptbad zutrug: Drei syrische Flüchtlinge drohten zu ertrinken, konnten aber durch das beherzte Eingreifen des Personals gerettet werden.

Einführung in das Einmaleins der Baderegeln

Einer dieser Lebensretter ist Schwimmmeister Hamed Hassanabadi, ein gebürtiger Perser und selbst ein Zuwanderer. Die Beinahe-Katastrophe passierte im Mehrzweckbecken, das zwei unterschiedliche Wassertiefen aufweist: 1,20 Meter für Nichtschwimmer und 3,50 Meter für Schwimmer.

Eigentlich waren alle Voraussetzungen für einen ausgelassenen Badespaß geschaffen. So hatte die Flüchtlingsunterkunft der syrischen Gruppe eigens einen Sozialarbeiter als Betreuer zur Seite gestellt, um den jungen Männern in dem für sie völlig neuartigen Ambiente „Badeanstalt“ Orientierung und Hilfestellung zu geben. Auf die Schnelle gab’s eine Einführung in das Einmaleins der Baderegeln: Dass man sich zuerst duschen muss, im Becken keine Unter-, sondern eine Badehose zu tragen hat und nicht von der Seite ins kühle Nass hechten darf.

„Dieser Fall ist eine Warnung für uns alle“

Und trotzdem passierte das Malheur. Denn drei Übermütige ignorierten das Trennseil, das die Ungeübten vom tiefen „Schwimmer“ fernhalten soll. „Zuerst gingen zwei Köpfe unter, dann wollte der Dritte den Ertrinkenden helfen, aber der ging dabei selber unter“, berichtet Georg Schwiderski. In wenigen Sekunden verwandelte sich der lustige Badespaß in einen Todeskampf. „Dass wir zeitgleich drei Nichtschwimmer vor dem Ertrinken retten mussten, ist wirklich nicht unser Berufsalltag“, fügt Schwiderski hinzu. Das Trainingsprogramm der Lebensretter geht vom klassischen Szenario aus, nach dem nur eine Person gerettet werden muss.

Als Schwimmmeister Hamed Hassanabadi kapierte, dass sich die Drei verzweifelt um sich schlagend und tretend in die Tiefe wühlten, sprang er kopfüber ins Becken und zog die drei Syrer – unterstützt vom Sozialarbeiter – mühevoll aber unversehrt an den Beckenrand. „Dieser Fall ist eine Warnung für uns alle“, sagt Schwiderski, „wir müssen uns darauf einstellen, dass solche Notsituationen häufiger auftreten.“ Erst recht, wenn im Frühjahr die Freibäder öffnen und an heißen Tagen noch mehr „Nichtschwimmer-Flüchtlinge“ eine Abkühlung suchen. Im Moment hält sich das Interesse noch in Grenzen. Meistens suchen Flüchtlinge ein Hallenbad auf, wenn es in der Nähe ihrer Unterkunft liegt.

Baderegeln in verschiedenen Sprachen

Dass sich jetzt dennoch kein mulmiges Gefühl unter den Essener Schwimmmeistern breitmacht, hat gute Gründe. Denn jeder und jede von ihnen sind bestens ausgebildete Rettungskräfte. „Wir sind perfekt aufgestellt“, sagt Schwiderski. „Allerdings müssen wir künftig genauer hinschauen, wenn wir Flüchtlinge im Bad haben.“

In allen Hallenbädern werden jetzt Baderegeln ausgehängt: in Arabisch, Persisch, Englisch, Französisch, Türkisch und Deutsch. Michael Ruhl (Sport- und Bäderbetriebe) schätzt, dass 99 Prozent der Flüchtlinge Nichtschwimmer sind. Sicherheit sei das Top-Thema.

Nach dem Schwimmbad-Verbot für männliche Flüchtlinge in Bornheim (wegen Belästigung von Frauen) hat die Verwaltung die Essener Hallenbäder gezielt abgefragt. Erfreuliches Ergebnis: In keinem einzigen Bad seien schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht worden.

Gerd Niewerth

Mehr zum Thema
Das Essener Hauptbad wird vorläufig zur teuren Ruine
Hauptbad
Auch wenn das Essener Hauptbad nun geschlossen wird, werden noch Jahre bis zum Abriss vergehen. Warum das Bad bis dahin eine teure Ruine bleibt.
Historische Fotos vom Hauptbad
Bildgalerie
Stadtgeschichte
Das Hauptbad in Essen wurde bei der Eröffnung 1958 gefeiert. Später ließ man es verkommen. Ende 2015 wurde das Schwimmbad geschlossen. Ein Rückblick.
Das Hauptbad – anfangs gefeiert, später vernachlässigt
Rückblick
Bei der Eröffnung 1958 wurde das Hauptbad gefeiert. Später ließ man es verkommen, baute es so um, dass es keinen Denkmalschutz erhielt. Ein Rückblick.
Funktionen
Fotos und Videos
Brand über dem Café Ruhrblick
Bildgalerie
Feuerwehr
Gast im Müllheizkraftwerk
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
Besuch im Essener Dom
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
1000 Herzen Triathlon
Bildgalerie
Triathlon
article
11576435
Flüchtlinge in Essener Schwimmbad vorm Ertrinken gerettet
Flüchtlinge in Essener Schwimmbad vorm Ertrinken gerettet
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/essen/fluechtlinge-in-essener-schwimmbad-vorm-ertrinken-gerettet-id11576435.html
2016-02-19 07:00
Essen, Flüchtlinge, Asyl, Schwimmbad, Nichtschwimmer, Bademeister
Essen