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Ferien-Kollateralschaden Zur Person

05.08.2007 | 18:38 Uhr

Wie viel Urlaub verträgt die Liebe? Fragen an einen Experten, der weiß, dass nach den Ferien die meisten Scheidungen eingereicht werden

Heute beginnt die Schule, die Ferien sind zu Ende. Endet damit noch mehr? Ein Drittel aller Scheidungen in Deutschland wird nach den Sommerferien und der Weihnachtspause eingereicht. WAZ-Redakteurin Jasmin Fischer sprach mit dem Diplom-Psychologen und Paar-Therapeuten Rüdiger Wacker über die Frage: Wie viel Urlaub verträgt die Liebe?

Der Strand ist ein Traum, das Hotel ein Idyll - warum sollten sich Paare im Urlaub zoffen und trennen?

Wacker: Anders als im Alltag sind Paare im Urlaub rund um die Uhr zusammen - ohne Rückzugsorte. Außerdem sprechen Partner vorher zu wenig über ihre Erwartungen an den Urlaub. Da geht die Frau zum Beispiel stillschweigend davon aus, dass der Mann sich nur um sie kümmert, denn sie ist ja den Rest des Jahres für ihn da.

Klingt doch fair!

Wacker: Schon. Aber wenn der Mann sich das ganze Jahr darauf freut, im Urlaub endlich ausgiebig klettern zu gehen, passiert schon das erste Drama. So banal es klingt, aber viele unterhalten sich vorher nicht über ihre Wünsche. Sie konzentrieren sich überhaupt zu wenig auf den anderen. Ziehen Sie die Versorgung der Kinder, den Haushalt, das Organisieren des Alltags und Gespräche rund um den Job ab, und es bleibt bei vielen kaum gemeinsame Zeit übrig.

Welche anderen Ursachen gibt es für Streit im Paradies?

Wacker: Viele sehen ihren Urlaub als Erlösung vom Alltag. Jede Unannehmlichkeit lässt diese Illusion dann zerbrechen. Die Schuld schiebt man gern auf den, der uns am nächsten steht. Wir müssen das Genießen erst wieder lernen - Körper und Geist sind keine Computer-Laufwerke, die störungsfrei zwischen Job und Urlaub hin- und herschalten.

Welchen Unterschied macht die Beziehungsdauer für das Streit-Risiko im Urlaub?

Wacker: Bei langjährigen Paaren kann ein Urlaub schwelende Konflikte verschärfen. Da liegt das Brennmaterial schon in der Ecke und ein bisschen Zunder reicht. Oder einer der beiden merkt auf einmal, dass gemeinsame Themen fehlen, die Liebe abhanden gekommen ist.

Wie vermeiden Paare Streit?

Wacker: Streit soll man nicht vermeiden, sondern einkalkulieren! Er ist ein Teil von Beziehungen und Ausdruck einer großen Nähe.

Wie schaffen es Paare dann, trotz Zank nicht als Singles zurückzukehren?

Wacker: Indem sie vor dem Urlaub ihre Wünsche verhandeln und jeder die Art Erholung bekommt, die er braucht - entweder indem jeder abwechselnd einen Tag gestaltet oder gar getrennt Urlaub gemacht wird. Kommt es trotzdem zum Streit, sollten sich beide erst mal aus dem Weg gehen. Man muss nicht alles sofort ausdiskutieren. Unter Kampfbedingungen können wir beißen, schlagen und schreien, aber keine Probleme lösen.

Die Entscheidung steht: Einer will sich trennen. Was empfehlen Sie: bleiben, abreisen, getrennte Zimmer?

Wacker: Wer sich ganz sicher ist, tut dem Ex-Partner mit Höflichkeits-Arrangements keinen Gefallen. Senden Sie klare Signale! Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, gleichzeitig Krankheit und Arzt sein zu können. Man fügt dem anderen mit der Trennung etwas Schlimmes zu, will aber noch einen Verband auflegen, ihn trösten. Das ist nett, aber funktioniert nicht.

Wer sitzt demnächst auf Ihrer Couch mit einem "Ferien-Kollateralschaden"?

Wacker: Zweifler, die nicht wissen, ob die Trennung richtig ist; Verzweifelte, die den anderen vom Bleiben überzeugen wollen, und jene, für die nach der Trennung die Welt zusammen bricht. Ihr Gefühl, fast verrückt zu werden, ist das Normalste in dieser Situation, denn sie schlittern in eine massive Lebenskrise.

Urlaub bringt zum Glück nicht nur Trennungen mit sich. Manche Singles finden in den Ferien ihre große Liebe . . .

Wacker: Stimmt, aber es braucht immer zwei, damit Liebe entsteht, für das Ende nur einen, der sagt: Ich gehe.Vor dem Urlaub Wünsche verhandelnRüdiger Wacker ist Diplom-Psychologe und Paar-Therapeut, der mit beiden Partnern oder in Einzelsitzungen arbeitet. Der 45-Jährige verfolgt einen systemischen Ansatz, das heißt, er betrachtet die Beziehungen zwischen einzelnen Personen als Grundlage für Diagnose und Therapie bei Konflikten.

Foto: WAZ, Kerstin Kokoska

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