Experten für das Kleingedruckte

Schlägt sich auf die Seite der Verbraucher: Margret Schulte, Leiterin der Beratungsstelle in der Hollestraße 1, steht den Essenern bei den täglichen Scherereien.
Schlägt sich auf die Seite der Verbraucher: Margret Schulte, Leiterin der Beratungsstelle in der Hollestraße 1, steht den Essenern bei den täglichen Scherereien.
Foto: WAZ
Das Thema Finanzen macht bei der Verbraucherzentrale den Löwenanteil der Beratungen aus – dicht gefolgt von Telefon und Internet.

Essen.. Für die Verbraucherzentrale Essen stand das Jahr 2014 ganz im Zeichen der Finanzen. Muss meine Bank die Bearbeitungsgebühr für einen Darlehensvertrag zurückzahlen, da ein Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) inzwischen verbietet, diese zu erheben? Und welche Verjährungsfristen gelten dabei? Gut 43 Prozent der rund 23.000 Anfragen, die das Team um Leiterin Margret Schulte im vergangenen Jahr zu bearbeiten hatte, kreisten ums liebe Geld. „Die Verbraucherzentrale hat sich zu einer wichtigen und unverzichtbaren Anlaufstelle für die Bürger entwickelt“, lobte Bürgermeister Rudolf Jelinek (SPD) bei der gestrigen Übergabe des Jahresberichts.

Weiterhin sorgten fehlerhafte Widerrufsbelehrungen in einer Vielzahl von Immobilien-Darlehensverträgen für volle Terminkalender der Berater. So seien Hausbesitzer im vergangenen Jahr oft falsch über ihr Widerrufsrecht bei der Aufnahme eines Kredits informiert worden. „In einem solchen Fall können Kunden den Vertrag ohne zeitliche Begrenzung widerrufen und müssen der Bank keine Entschädigung zahlen“, erläutert Schulte. „So zahlt sich die Beratung in barer Münze aus.“

Anbieterwechsel oft schwierig

Zu den Sorgenkindern der Verbraucherschützer gehören aber auch viele Stromanbieter, darunter der Essener Platzhirsch RWE, die immer häufiger Anlass zur Beschwerde geben. Neben dem Mobilfunkanbieter Vodafone und dem Kabelnetzbetreiber Unitymedia ist RWE erstmals unter den Top 3 der Unternehmen, die der Verbraucherzentrale den meisten Beratungsbedarf bescherten. Fehlerhafte Rechnungen und Schwierigkeiten mit dem Anbieterwechsel bereiteten Kunden häufig Ärger.

Auch beziehen über die Hälfte aller Stromkunden in der Stadt ihre Energie aus der Grundversorgung, die in Essen von RWE zur Verfügung gestellt wird – dabei hätten viele die Möglichkeit, zu günstigeren Anbietern zu wechseln. „In Essen gibt es circa 120 Stromanbieter mit bis zu vier verschiedenen Tarifen. Verbraucher sollten sich genau informieren, welcher davon ihren individuellen Bedürfnissen am ehesten entspricht und für sie die preiswerteste Lösung ist“, rät Margret Schulte. Gerade die Öffnung der Märkte bringe Probleme mit sich, die nicht zuletzt einer schlechten Kommunikation zwischen dem Kunden und dem Anbieter geschuldet seien. Neukunden von Billigstromanbietern klagten außerdem häufig über ausbleibende Bonusleistungen, mit denen sie das Unternehmen vor dem Wechsel vollmundig gelockt hatte.

Zunehmende Überschuldung der Bürger

Nach den Finanzen beschäftigten gewohntermaßen die Großthemen Internet und Telekommunikation mit 14 Prozent der Anfragen die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale. Auch hier gestaltete sich entweder die Kündigung von Verträgen schwierig, oder den Kunden flatterten horrend hohe Rechnungen mit nicht nachvollziehbaren Posten ins Haus. Fragwürdige Geschäftspraktiken bescheinigt Sigrun Widmann, Expertin für Telekommunikationsfragen, dabei der Telekom, die ihre Kunden vor die Wahl stellte: Entweder sie willigen in die so genannte VoIP-Technik („Voice over Internet Protocol“), oder sie verlieren ihren Festnetzanschluss. eine Neuerung, die vor allem bei älteren Kunden für Verunsicherung sorgte. „Das System kann etwa bei Hausnotrufen zu Problemen führen und wird auch nicht von allen Telefonen unterstützt“, moniert Widmann.

Die Nachfrage der in finanzielle Not geratenen Essener ist derweil mit 6.234 Beratungsgesprächen ungebrochen hoch. „Das Phänomen der Überschuldung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten“, stellt Insolvenzberater Volker Naujok fest. Doch lasse sich der Beratungsbedarf mit zweieinhalb Stellen kaum abdecken. „Wir versuchen, den Menschen eine Perspektive zu geben und helfen ihnen bei dem schwierigen Schritt, ein Insolvenzverfahren zu beantragen“, so Naujok.