Evangelische Pfarrer dürfen homosexuelle Paare bald trauen

Bereits seit dem Jahr 2000 dürfen evangelische Pfarrer homosexuelle Paare segnen.
Bereits seit dem Jahr 2000 dürfen evangelische Pfarrer homosexuelle Paare segnen.
Foto: imago/UPI Photo
Was wir bereits wissen
  • Seit 2000 dürfen evangelische Pfarrer homosexuelle Paare segnen
  • Ab Mitte März dürfen Pfarrer Homosexuelle trauen und ihre Ehe ins Kirchenbuch eintragen lassen
  • „Das ist genau der Schritt in die richtige Richtung“, sagt Pfarrer Steffen Hunder

Essen.. Als Ulrich B. (Name ist der Redaktion bekannt) und sein Mann sich vor zwei Jahren trauen ließen, war es eine Hochzeit mit zwei Seiten. „Die standesamtliche Trauung war ein Krampf. Umso schöner war das Wohlgefühl, das uns in der Kirche gegeben wurde.“ Erst kurz vor der Hochzeit ließ er sich taufen. Durch seine Arbeit hatte er die evangelische Gemeinde Essen-Altstadt kennen gelernt und wurde offen empfangen. „Ich hatte nie geglaubt, dass eine christliche Kirche so modern, offen und menschenfreundlich sein kann.“ Durch sie sei er zum Glauben gekommen – und zum Segen Gottes für seine Ehe.

Pfarrer dürfen selbst entscheiden

Bereits seit dem Jahr 2000 dürfen evangelische Pfarrer homosexuelle Paare segnen. Sie tun dies in einem Gottesdienst, der mit dem normalen Traugottesdienst fast identisch ist, nur müssen sie ein Element der Trauagende weglassen. Mit der Entscheidung der Landessynode der evangelischen Kirche im Rheinland fällt diese Unterscheidung: Ab Mitte März, nach Veröffentlichung der Änderung der Kirchenordnung im Kirchlichen Amtsblatt, dürfen Pfarrer homosexuelle Paare trauen und ihre Ehe ins Kirchenbuch eintragen lassen.

„Das ist genau der Schritt in die richtige Richtung“, sagt Steffen Hunder, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Altstadt, zu der Entscheidung der Synode. Er hat Ulrich B. und seinen Mann im April 2014 gesegnet und erinnert sich noch gut an die Erwartungen des Esseners. „Er fühlte sich vom Staat diskriminiert, weil der eigene Begriffe für ihn erfand, und fragte: ,Das wird doch beim lieben Gott nicht auch so sein, oder?’“

Die Pfarrer dürfen sich selbst entscheiden, ob sie die Trauung mit ihrem Gewissen vereinbaren können und durchführen möchten. „Die meisten Essener Pfarrer haben den Beschluss der Synode sehr positiv aufgenommen“, sagt Stefan Koppelmann, Pressesprecher der evangelischen Kirche in Essen.

Zu ihnen gehört auch Annette Stolte, Pfarrerin im Schuldienst. „Dieses Zwei-Klassen-Trausystem, das wir vorher hatten, hat mich immer sehr traurig gemacht. Das war nicht seelsorgerisch.“ Die Entscheidung der Synode sei längst überfällig gewesen. Stolte hat bereits drei homosexuelle Paare gesegnet. Zwei Männer entschieden sich für eine Hochzeit in der Dechenhöhle in Iserlohn; der enge Raum sollte symbolisieren, wie sie sich verstecken mussten. „Die Angst, von der Kirche zurückgewiesen zu werden, ist immer noch tief in den Köpfen vieler Homosexueller.“

„Die Gemeinde, auch die älteren Mitglieder, ist viel offener als man denkt“

In ihrem Umfeld hat sie nun eine große Erleichterung wahrgenommen, die meisten begrüßten die Gleichstellung der Ehe. Was sie den Skeptikern erwidert? „Es gibt keine Argumente gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Liebe Gottes ist allen Menschen zugesagt und sein Segen ist nicht teilbar.“

Eine ältere Dame fragte einmal Steffen Hunder, ob sie ihren Enkel nun weniger lieb haben sollte, weil er einen Mann liebt. „Natürlich nein“, erwiderte der Pfarrer und merkte: „Die Gemeinde, auch die älteren Mitglieder, ist viel offener als man denkt.“

Zur Trauung von Ulrich B. und seinem Mann kamen viele Gläubige, weil sie einmal bei einer Trauung zweier Schwuler dabei sein wollten. „Es war einfach nur wunderschön“, erinnert sich der Essener. Und es zeigte ihm, dass die Kirche viel offener sein kann als der Staat, der ihm und anderen homosexuellen Paaren den konstruierten Begriff „Lebenspartnerschaft“ auferlegt hat. Für ihn ist klar: „Das, was in den Schlafzimmern geschieht, sollte den Staat nichts angehen und schon gar nicht sollte jemand danach beurteilt oder klassifiziert werden.“

Was andere Essener Pfarrer zur Segnung homosexueller Paare sagen

Marion Greve, Superintendentin des Kirchenkreises Essen: "Ich bin dankbar über den einmütigen Beschluss der Landessynode, an dem ich persönlich mitgewirkt habe. Eine direkte Ableitung von beschriebenen biblischen Formen des Zusammenlebens ist nicht möglich, denn die Bibel beschreibt nur die in ihrer Zeit gelebten gängigen Lebensformen. Bleibendes biblisches Kriterium für alle Beziehungen ist vielmehr: Wird in der Beziehung das Doppelgebot der Liebe gelebt – tragen Liebe, Treue und Verantwortung.“

Theo Enzner, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Burgaltendorf: "Man darf homosexuell empfindende Menschen nicht diskriminieren. Das heißt aber nicht automatisch, dass da, wo Wünsche sind, wir diese auch segnen. Ich habe als Pfarrer keine Segnung homosexueller Paare durchgeführt. In der Bibel steht, dass die Ehe zwischen Mann und Frau stattfindet. Nun die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen auf den gleichen Rang zu heben und sie zu einer gleichwertigen Variante zu machen, gibt ein falsches Bild ab.“

Anke Augustin, Pfarrerin in Dellwig-Frintrop-Gerschede: "Dieser Schritt war absolut überfällig. Ich habe schon viele homosexuelle Paare gesegnet und mich dabei immer in einer Grauzone bewegt. Es war keine Amtshandlung wie eine Trauung zwischen Mann und Frau, aber die homosexuellen Paare wollten natürlich keine Trauung zweiter Klasse. Gott sei Dank ist das jetzt legalisiert. Wir sind damit den Menschen wieder näher gekommen. Für Gott macht es keinen Unterschied, ob jemand homo- oder heterosexuell ist."

Hanna Mausehund, Pfarrerin der Gemeinde Königsteele: "Ich freue mich sehr über die Entscheidung der Synode. Sie ist ein wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung homosexueller Paare. Viele Regeln zur Homosexualität, die in der Bibel stehen, entsprechen der Lebenswelt ihrer Entstehung. Es wäre heute auch nicht mehr vorstellbar, dass freie Männer Sklavinnen und Sklaven für sich arbeiten lassen. Unsere Kultur und unser Leben haben sich verändert. Entscheidend ist doch, ob Menschen sich lieben.“