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Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge

05.02.2013 | 00:23 Uhr
In der Evag-Hauptwerkstatt an der Schweriner Straße haben sie nach einer Reihe von Straßenbahnunfällen reichlich zu tun. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-Betrieb.Foto: Oliver Müller

Essen.  Eine ungewöhnliche Häufung an Unfällen macht der Essener Verkehrs-AG (Evag) zu schaffen. Bei den Straßenbahnen ist die Fahrzeugreserve bereits aufgebraucht - das Nahverkehrsunternehmen fährt buchstäblich auf der letzten Felge. Fahrgäste bekommen das zu spüren.

Puh, noch mal Glück gehabt: Die A-Säule hat nichts abgekriegt, die Frontscheibe haben sie auf Lager und den Blechschaden - den kriegen sie schon wieder hin. Es hätte schlimmer kommen können, meint Martin Dreps. Der Mann ist Kummer gewohnt. Martin Dreps ist bei der Evag verantwortlich für den Bereich Fahrzeugtechnik. Hiobsbotschaften nimmt er inzwischen hin wie andere Leute die Aussicht auf weitere Tiefausläufer im Wetterbericht. Tendenz: stürmisch.

Evag in Zahlen

„Wir bewegen Essen“ – bei der Evag heißt das: Täglich werden 330.000 Fahrgäste auf drei U-Bahn-, sieben Straßenbahn-Linien, 32 Bus- und 16 Nachtexpress-Linien durch die Stadt gefahren, bei rund 68.000 Kilometern täglich. 92 Prozent der Essener können in unmittelbarer Nähe zu ihrem Wohnort Bus und Bahn erreichen, 70 Prozent haben in der Hauptverkehrszeit ein Angebot im 10-Minuten-Takt, ebenfalls 70 Prozent können die Innenstadt ohne Umstieg erreichen. Laut Evag werden 99 Prozent der 144.200 Fahrten im Monat ohne nennenswerte Verspätung abgewickelt. Im NRZ-Bürgerbarometer zeigten sich die Essener „eher zufrieden“ mit der Evag.

Ja, da hat sich einiges zusammengebraut in den vergangenen Wochen und Monaten. Neun Straßenbahnen mussten nach diversen Unfällen in die Werkstatt. Selbst altgediente Hasen im Unternehmen können sich nicht erinnern, dass es eine solche schwarze Serie schon einmal gegeben hätte. Erst am Samstag erwischte es eine Tram bei der Rückfahrt zum Betriebshof, glücklicherweise waren keine Fahrgäste an Bord.

Hauptwerkstatt erinnert an Intensivstation

So erinnert die Hauptwerkstatt an der Schweriner Straße längst an eine Intensivstation. Operiert wird am offenen Herzen; keinen anderen Schluss lässt das Bulletin zu, das Martin Dreps erstellt hat. In Zahlen liest sich das so: 88 Straßenbahnen nennt die Evag ihr eigen, 70 müssen im Liniennetz unterwegs sein, damit der Fahrplan hält, was er verspricht. Bleibt eine Reserve von 18 Schienenfahrzeugen zum Löcherstopfen.

Normalerweise sollte dieses Polster reichen, heißt es. Aber was ist schon normal? Sieben Bahnen musste die Evag nach besagten Unfällen vorübergehend aus dem Verkehr ziehen, ein gutes Dutzend leidet an diversen technischen Krankheiten: Bremsen defekt, Elektrostörung, Motor defekt ... Nichts, was sich nicht beheben ließe, nur nicht immer auf die Schnelle. Bei den U-Stadtbahnen fällt die Diagnose nur unwesentlich freundlicher aus. Von 52 Fahrzeugen sind fünf derzeit nicht zu gebrauchen.

Die Evag fährt buchstäblich auf der letzten Felge . „Die Reserve ist aufgebraucht“, räumt Martin Dreps ein. Der Fuhrpark ist eben nicht mehr der Jüngste, einige Bahnen haben mehr als 30 Jahre auf dem Blechbuckel. Die Witterung tue ihr Übriges, Feuchtigkeit und Salz setzen den luftgekühlten Motoren zu.

Löcher im Netz

Das reißt Löcher ins Netz. Da fährt die „103“ in Richtung Steele schon mal nur bis zu Hollestraße, da endet die „101“ in Richtung Bredeney auch mal am Hauptbahnhof, da müssen E-Wagen, die sonst im Berufsverkehr eingesetzt werden, im Linienbetrieb aushelfen. Improvisationstalent ist gefragt, nicht nur in der Leitstelle. In Krefeld, Bielefeld und Halle habe man angefragt, ob deren Verkehrsbetriebe nicht mit Fahrzeugen aushelfen könnten. Die Antwort: Auf Ersatzteile könne die Evag gerne zurückgreifen.

Werkstatt für Straßenbahnen

Dort hält man sich zugute, dass die Mitarbeiter der Werkstätten ihr Handwerk beherrschen. Und man ist froh darüber, nicht auf Unternehmensberater vertraut zu haben, die empfahlen, auf eine aufwendige Lagerhaltung zu verzichten und defekte Teile lieber gleich beim Hersteller reparieren zu lassen. Ausbauen und austauschen - damit wird es nicht getan sein. Auch nicht, wenn ab 2014 die ersten von 27 modernen Niederflurbahnen anrollen. Auf altgediente M-Wagen mit Treppenstufen kann die Evag nicht verzichten, so lange auf der „Südstrecke“ Bahnsteige mit unterschiedlichem Höhenniveau angefahren werden müssen. Den guten Rat des Fahrgastverbandes Pro Bahn, eine größere Fahrzeugreserve bereitzustellen, den, so Dreps, wird das Unternehmen annehmen.

Marcus Schymiczek


Kommentare
08.02.2013
07:37
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von notabadboy | #7

Ich musste bedingt, durch einen technischen Defekt am Auto, in den letzten 2 Wochen Strassenbahn fahren. Ich habe es bereut und werde es auch nie wieder tun. Bus und Bahnfahrer warten nicht aufeinander, wenn witterungsbedingt Verspätungen auftreten. Man kommt öfter zu spät, obwohl man schon früher los geht. Zwei Stunden früher für 10 Kilometer, meine ich ist doch genug. Die Strassen sind frei von Eis und Schnee und es fährt trotzdem nichts. Die Fahrer sehen einen, man rennt, sie fahren trotzdem los. In Sachen Unfälle: Die Fahrer verschicken SMSen und telefonieren sehr viel!!!! Ausserdem wird bei der EVAG gerasst, ohne Ende. Übrigens, an Arrogans sind diese Mitarbeiter kaum zu überbieten. Ich bin mal Nebenbei Taxi gefahren und ich weiss wie sie denken. Sie erzählen ja alles so offen.

06.02.2013
21:20
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von Wochenend_Essener | #6

Da kann man nun spekulieren: liegt es an unseren vielen vielen schlechten Autofahrern, die sogar quietschbunte Straßenbahnen übersehen (die ja nun auch nich aus dem nichts auftauchen), oder an den Rambos, die diese Straßenbahnen führen?

Ich fahre regelmäßig die Steelerstraße von der Innenstadt bis zur Moltkestraße und andersrum - wenn ich sehe wie diese Rambos ohne Rücksicht auf Verluste mit Vollgas sich in den Verkehr drängen, kann man nur mehr den Kopf schütteln. Ein Wunder dass dort nicht Unfälle im Minutentakt passieren. Unfassbar sowas. Umso mehr, weil diese Fahrzeuge schnell schlimme Unfälle verursachen, ein hoher finanzieller wenn nicht gar Personenschaden is dann vorprogrammiert.

Diese Wagenführer fahren dreister als die braunsten Autofahrer. Da überrascht dann auch die "schwarze Serie" nicht.

06.02.2013
09:25
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von JOJOJONNY | #5

@loelituete
Die Stadt Essen, zu der die EVAG gehört, ist daran interessiert, dass es dem RWE gut geht. Sinken die Dividenden, fehlen der Stadt Einnahmen.

06.02.2013
09:02
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von Faltengesicht | #4

Hier sieht man die Sparpolitik der Verkehrsgesellschaft. Das eine solche häufung von Unfällen ,gerade im Bereich Schienenverkehr auftritt,läßt doch die vermutung aufkommen das die ausbildung der Fahrer(in) nicht gerade die beste ist . Jetzt machen sich die Sparmaßnahmen bemerkbar,aber leider im Negativen .

1 Antwort
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von weissnichts | #4-1

Ja sicher, die Sparmassnahmen.Aber wenn die Preise erhoeht werden,um das zu bezahlen,dat wollt ihr dann doch nicht

06.02.2013
08:39
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von Loelituete | #3

ich kann ehrlich nicht verstehen, warum Essen alseine der wenigen Städte so massiv an ihren Bahnen festhält und die Strecken noch ausbauen will. Zu dem angesprochenen Problem kommen die hohen Stromkosten und die noch höheren Instandhaltungen der Gleise. Busse mit alternativen Antrieben sind die Zukunft, aber dies wird nicht erkannt. Ein Schelm der einen Zusammenhang zum RWE Konzern sucht.

1 Antwort
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von Seraquael | #3-1

Ich bin zwar normalerweise der Erste der solche Zusammenhänge wittert kann hier aber schreiben, dass es an den Fahrgastzahlen und der Linienlänge und -führung liegt. Busse hätten auf manchen Strecken einfach zu wenig Fahrgastkapazität, in Essen tw. sogar auf rechten langen Strecken. Als die 101, die Tramlinie mit den geringsten Fahrgastzahlen zeitweise durch Busse befahren wurde waren Gelenkbusse im 5-Min-Takt nötig, auf der 107 von Mitte bis Katernberg müssten sie alle 2 Min fahren, das funktioniert nicht, ganz zu schweigen von den Stauzeiten und den Umwegen in der Innenstadt. Andere Städte hatten normalerweise kürzere Linien mit weniger Fahrgästen und sind trotzdem manchmal Baden gegangen. Duisburg beispielsweise musste vor ca 10 od. 12 Jahren den Tramverkehr zwischen Mitte-Hochfeld-Wannheim-Hüttenheim nach einem halben Jahr Umstellung auf Busse für viel Geld auch wieder aufnehmen, obwohl der Rückbau schon begonne hatte. Die Busse haben es einfach nicht gepackt.

06.02.2013
07:12
Evag fährt nach diversen Unfällen auf der letzten Felge
von Diesel | #2

Interessante Fotostrecke!

1 Antwort
Ja!
von totti0405 | #2-1

Dem kann ich nur zustimmen! Das nenne ich mal echte Einblicke!

05.02.2013
10:12
Die Evag fährt auf der letzten Felge?
von nixxiss | #1

Felgen besitzten ja eigentlich nur Strassenfahrzeuge, wie Fahrrad, Schubkarre, Auto, Bus, LKW. Schienenfahrzeuge wie Straßenbahnwagen haben da eher Radreifen, deren Verschleissmaße streng einzuhalten sind und von der Aufsichtsbehörde kontrolliert werden. Im Übrigen ist der Betriebsleiter des jeweilgen Verkehrsbetriebes für die Einhaltung der BOStrab (Bau- und Betriebsordnung für Straßenbahnen) verantwortlich.
Da der Hersteller der meisten von der EVAG eingesetzten Straßenbahnwagen (Stadtbahnwagen "M"), die DÜWAG in Düsseldorf, schon vor Jahren von Siemens abgewickelt wurde, sieht es hinsichtlich Ersatzteilbeschaffung für diese Fahrzeuge natürlich düster aus. Daher muss man hier auch die Improvisationsleistung der Hauptwerkstatt anerkennen. Zudem hat die Sicherheit von Schienenfahrzeugen nichts mit der Laufleistung bzw. Nutzungsdauer zu tun, da mindestens alle zehn Jahre eine Hauptuntersuchung vorgeschrieben ist.

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