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Stadtfinanzen

Essens Millionen-Minus und die kurze Suche nach Schuldigen

22.01.2015 | 19:53 Uhr
Essens Millionen-Minus und die kurze Suche nach Schuldigen
Stadtkämmerer Lars Martin Klieve im ZDF heute journal , Interview Thema "Schuldnerfalle Schweizer Franken", Screenshot/ Repro aus der ZDF Mediathek Donnerstag der 22.01.2015 Foto: Kerstin Kokoska / Funke Foto ServicesFoto: Kerstin Kokoska

Essen.  Kämmerer Lars Martin Klieve gibt dem Franken-Desaster nicht nur in Essen ein Gesicht – und erntet dafür neben viel Häme auch ein Stück Bewunderung.

Er ist blasser als sonst, keine Frage, und wenn es diesen Donnerstagmorgen der vergangenen Woche nicht gegeben hätte – sie würden ihn jetzt wohl alle fragen, ob er sich einen blöden Virus eingefangen hat. Mit Husten, Schnupfen, Gliederschmerzen, so ein Zeugs halt.

Aber nein, „nur ein akuter Kreditschwächeanfall“, das wäre so eine Antwort, die man Lars Martin Klieve ohne weiteres zutraute, flankiert von seinem ironischen Grinsen. Aber er verkneift sich jeden Flachs, die Lage ist jetzt zu ernst.

Denn über Nacht hat diese seine Stadt durch Kredite in Schweizer Franken wohl zig Millionen Euro in den Sand gesetzt. Ob es am Ende 60 Millionen werden, 70, 80, 90 oder sogar eine dreistellige Millionen-Summe, das lässt sich erst an Silvester sagen, dem Stichtag für die anstehende Wertkorrektur. Eine Katastrophe für Essen und ein rabenschwarzer Tag für den Mann, der vor fünfeinhalb Jahren antrat, als neuer Finanzchef die Stadt vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren.

Klieve wollte in Essen gerade noch die Kurve krigen

Klieve hatte ein Konzept: Mit quietschenden Ausgabe-Bremsen und einem kontrollierten Verbrauch des noch verfügbaren städtischen Eigenkapitals wollte der damals 39-Jährige mit Essen gerade so noch die Kurve kriegen. Dazu musste er sich mit jedem anlegen, der verdächtig erschien, mehr Geld als unbedingt nötig auszugeben, und davon gab und gibt es viele.

Klieve tat den „Drecksjob“ mit wachsender Begeisterung, rigoros, mit messerscharfem Verstand und als kühl kalkulierender Rechner im Rotstift-Viertel. Für soziale Wohltaten waren stets andere zuständig, Klieve gefiel (sich) in der Rolle dessen, der bei den Jammerlappen die Ohren auf Durchzug stellte, weil man andernfalls eben nie einen ausgeglichenen Haushalt hinbekommt, und der auch bei den städtischen Töchtern keine Verwandten kannte.

Finanzen
Essen hält vorerst an Krediten in Schweizer Franken fest

Ein sofortiger Ausstieg käme die Stadt derzeit extrem teuer. Der Kämmerer übt Selbstkritik und spricht von der schwärzesten Stunde seiner Amtszeit.

Wer ihm in der Politik blöd kam, über den wusste Klieve stets auf eine unnachahmliche Weise Spott auszugießen, so fein, dass mancher Betroffene mitunter selbst nichts davon spürte. Und wenn es Lob gab – und das gab es von den Befürwortern eines strikten Sparkurses oft – dann nahm Klieve das, wie er gern formulierte, „mit der gebührenden Ergriffenheit an“. Und hatte wieder mal die Lacher auf seiner Seite.

Den ultimativen Ritterschlag bescherte ihm im Dezember 2012 „Spiegel“-Reporter Christoph Scheuermann. Der widmete Klieve eine fünfseitige Geschichte, ohne den Oberbürgermeister auch nur einmal zu erwähnen, und zog vor ihm als dem Mann den Hut, der in Essen „das Geld beisammenhält“ und sich damit arg unbeliebt macht. Titel: „Das Sparschwein“.

Sechs Jahre später ist Scheuermann London-Korrespondent des Hamburger Nachrichtenmagazins, und wenn er für eine ähnliche Klieve-Geschichte diesmal Anleihen aus dem Tierreich nähme, er käme wohl vom Sparschwein zum schwarzen Schwan.

Aufgehobener Mindestkurs hat alle überrascht

Ein solcher prangte am vergangenen Dienstag auf einem Diagramm, das der Kämmerer für die versammelte Politik im Finanzausschuss des Rates an die Wand projizierte – um deutlich zu machen, wie sehr der aufgehobene Mindestkurs des Schweizer Franken zum Euro ihn und alle anderen überrascht hatte.

Denn „Der Schwarze Schwan“, ein Buch des Publizisten und Börsenhändlers Nassim Nicholas Taleb, beschreibt „die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“, die völlig überraschend über einen hereinbrechen – und sich im Nachhinein einfach erklären lassen.

Wechselkurs
Schweiz-Urlaub wird durch Frankenaufwertung teurer

Der Schweizer Franken ist nicht mehr an den Euro gebunden. Das lässt die Preise in dem Alpenland kräftig steigen. Hoteliers bangen um die Urlauber.

Solchen Leuten steht der Stadtkämmerer seit Donnerstag vergangener Woche reihenweise gegenüber: Leute, die ihm wortreich erklären, dass sie immer schon vorher gewusst haben: dass nämlich die Sache mit den Krediten in Schweizer Franken grandios in die Hose geht. Und nicht wenige von denen, die jetzt über Klieve lästern, haben eine diebische Freude daran, die beachtliche Fallhöhe zu genießen, die Klieve mit dem Absturz des Frankenkurses auf den Boden der Tatsachen bringt.

Sie nehmen dem 44-Jährigen übel, dass er über andrerleuts „Lebenslügen“ philosophierte und manchem finanzpolitische Ahnungslosigkeit zuschrieb und nun selber für die Vernichtung eines gigantischen Bergs an Eigenkapital steht. Das muss weh tun.

Doch Klieve denkt gar nicht daran abzutauchen. Wo einige seiner ebenso betroffenen Kämmerer-Kollegen aus dem Revier sich wegducken, gibt der Christdemokrat dem Franken-Desaster ein Gesicht: seines. Lässt sich vom Ex-Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ als „Trottel“ beschimpfen, steht dem „heute-journal“ zur besten abendlichen Sendezeit Rede und Antwort, kassiert Häme und Spott in Foren und Leserbriefen und potenziert damit die Kritik, die in Essen auf ihn einprasselt.

Man wollte nicht als Finanzdeppen dastehen

Eine Steher-Qualität, die in der Politik alles andere als selbstverständlich ist. Nein, er mag sich nicht dahinter verstecken, dass die Politik ja am Ende stets den Daumen hob oder senkte, dass die Landesregierung keine Besorgnis äußerte, dass eine notorisch klamme Stadt sich dem Sog immer neuer Finanztricksereien wie der Kreditaufnahme in Schweizer Franken kaum entziehen konnte, wollte man nicht als Finanzdeppen dastehen.

Und wo andere gerne relativieren und zu bedenken geben, dass das Franken-Desaster ja bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal nur Buchwerte vernichtet und die Chance zur Wertaufholung gewahrt bleibt, spricht Klieve rundheraus von den „schwärzesten Tagen“ seiner Karriere: „Ich hoffe, das reicht für ein Leben...“

Fremdwährungsgeschäfte
Franken-Kredit kommt Bochum teuer zu stehen

Auch wenn das Wechselverhältnis von Euro und Schweizer Währung sich wieder erholen sollte, wird Bochum wohl einen Millionen-Verlust einfahren.

Die gegen ihn gerichtete Energie nicht mühsam abzuwehren, sondern hinzunehmen und dabei die Haltung nicht zu verlieren, mag zu einem Gutteil taktisch motiviert sein. In der Politik aber nötigt diese Standhaftigkeit manchem gehörigen Respekt ab. Ob das reicht, um einen endgültigen Knacks in Klieves Karriere zu verhindern, wird sich zeigen: Wer 2011 noch im Schattenkabinett von Julia Klöckner im rheinland-pfälzischen Wahlkampf 2011 als Finanzminister gehandelt wurde, darf jedenfalls davon ausgehen, dass er vom politischen Radarschirm nicht gänzlich verschwindet.

Seinen Optimismus wird Klieve sich nicht nehmen lassen: „Wer immer nur warnt, hat natürlich irgendwann auch mal Recht“, findet er und vergleicht die Apologeten des Untergangs mit einer Uhr die stehengeblieben ist: „Die zeigt auch zwei mal am Tag die absolut richtige Zeit an.“

Klieve lacht. Er will sich nicht unterkriegen lassen.

Wolfgang Kintscher

Kommentare
25.01.2015
16:49
Essens Millionen-Minus und die kurze Suche nach Schuldigen
von BorbeckerBefreiungsFront | #14

Wer schwarze Schwäne sehen will, soll zum Borbecker Schlosspark fahren.
Dass Fremdwährungsgeschäfte mit Risiken verbunden sind, sollte ein...
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Essens Millionen-Minus und die kurze Suche nach Schuldigen
Essens Millionen-Minus und die kurze Suche nach Schuldigen
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2015-01-22 19:53
Essen