Essens Innenstadt ist „mehr als Kettwiger und Limbecker“

Auf dem Dach des Rathauses hat man beste Sicht auf die Essener Innenstadt. Das Gebiet des Stadtkerns reicht in Richtung Süden bis zum Hauptbahnhof. Die Hochhäuser dahinter gehören zum Südviertel.
Auf dem Dach des Rathauses hat man beste Sicht auf die Essener Innenstadt. Das Gebiet des Stadtkerns reicht in Richtung Süden bis zum Hauptbahnhof. Die Hochhäuser dahinter gehören zum Südviertel.
Foto: Ulrich von Born/FUNKE Foto Services
Achim Feldhordt arbeitet seit 20 Jahren in der Essener Innenstadt, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Auf seinen Wegen von und zum Job findet er Unbekanntes. Folge 44 unserer Stadtteil-Serie "60 Minuten in...".

Essen.. Eigentlich kommt er aus Kray und wohnt heute in Karnap, doch wohl kaum jemand läuft so viel und häufig durch die Essener Innenstadt (zur Bildergalerie) wie Achim Feldhordt (47). Er arbeitet als Rezeptionist im Hotel „Ambassador“ an der Viehofer Straße, seine Schicht geht von 15 bis 23 Uhr oder von 7 bis 15 Uhr. Davor und danach geht Feldhordt durch die City, also früh morgens oder nachmittags oder spät am Abend, er filmt und macht Fotos, vor allem für das Internet und findet: „Die City ist eine Welt für sich, und in der City gibt es ganz viele verschiedene Welten.“ Angst hat er nie.

Feldhordt hat seit Jahrzehnten die Viehofer Straße im Blick; vom Frühstückssaal seines Hotels konnte er jeden Morgen die Dealer aus nächster Nähe beobachten, „doch jetzt ist die Lage besser geworden.“ Das habe viel zu tun mit den Ansiedlungen des Unperfekthaus-Gründers Reinhard Wiesemann, zuletzt habe das „Generationenkult-Haus“ mit seinem Gastro-Betrieb im Erdgeschoss für neue Solidität in der nördlichen City gesorgt.

„Viel mehr als Kettwiger und Limbecker“

Doch auf seinen Gängen mit der Handykamera hat Feldhordt gelernt, verborgene Ecken der Innenstadt aufzuspüren – und konsequent ihre guten Stellen zu genießen. „Essen ist viel mehr als Kettwiger und Limbecker“, sagt Feldhordt, und jetzt gerade gehen wir mal die Viehofer rauf und dann links und wieder rechts und stehen plötzlich an der Straße „Am Porscheplatz“.

Diesen Platz, früher Busbahnhof, gibt es ja eigentlich nicht mehr, seit er Ende der Siebziger überbaut wurde mit dem Einkaufszentrum, das heute „Rathaus Galerie“ heißt, doch die meisten Leute noch als „City Center“ bezeichnen. Darunter ist das entstanden, was man heute „Angst-Raum“ nennt: Dunkle Parkbuchten, tragende Säulen mitten im Stadtraum; ein zugiger, unwirtlicher Un-Ort, „und jetzt gucken Sie sich mal das hier an“, sagt Feldhordt, „ist doch Wahnsinn“.

Kreuzgang des Doms: Sakrale Stille und gepflegtes Grün

Wir stehen an der „Stadtwunde“, eine vor 14 Jahren errichtete Gedenkstätte, denn hier war mal tatsächlich ein Außenlager des KZ Buchenwald. Ein alter Treppenaufgang ist grün beleuchtet, gestaltet mit Baumstämmen und hinter verzinktes Gitter gesetzt, als Schutz. Ein Schild klärt auf: „Ort der Erinnerung“. Davor sitzen schweigend Obdachlose und starren ihre Bierflaschen an, es ist kurz nach zehn am Morgen. Wir gehen weiter, Feldhordt stolpert über abgestellten Hausmüll, Waschmittelkartons, dahinter liegt eine tote Ratte, fast so groß wie eine Katze. Feldhordt zückt die Kamera mit einer Mischung aus Ekel und Neugier; „aber das“, sagt er, „würde ich nie veröffentlichen.“ Trotzdem macht es Klick. Nur ein paar Schritte weiter, und wir stehen im Kreuzgang vom Dom. Sakrale Stille, gepflegtes Grün zwischen Bögen aus Ruhrsandstein, ein Brunnen plätschert. Eine andere Welt. Wieder nur ein paar Schritte weiter, und wir stehen am Brunnen vor dem Dom. „Ich hab’ mal eine Fotoserie über Brunnen der Innenstadt gemacht“, sagt Feldhordt, „das kam sehr gut an.“

Man muss einen Moment innehalten, bis man feststellt: Schatten spendet hier eine riesengroße Kastanie, man nimmt das bloß nie wahr, wenn man die Kettwiger runterhetzt. „Davon“, sagt Feldhordt, „gibt es sehr viele in der Innenstadt, auch wenn man das gar nicht meint.“

„Ich hab’ nie Angst in der Innenstadt“

Tatsächlich führt seine Route zuverlässig dort entlang, wo es viel Grün gibt: an den Salzmarkt, der im Schatten von Platanen liegt, abseits des Kennedyplatzes. Weiter zum Hirschlandplatz, wo es sich tatsächlich auch gut aushalten lässt im Rücken der Theater-Passage („Vapiano“), und zwischendurch machen wir Halt an Orten wie der Trentelgasse. Trentelgasse? Straßennamen in der Innenstadt kennt kein Mensch, aber dort, wo das Grillo eine grün bewachsene Seite hat und das Café „Seitenblick“ liegt: Das kennen dann vielleicht doch einige.

Es ist womöglich unpopulär in diesen Tagen, da libanesisch-stämmige Familienclans sich blutige Gefechte andernorts in der City liefern, doch Feldhordt sagt: „Ich hab’ nie Angst in der Innenstadt, und mir ist auch noch nie was passiert.“ Selbst nachts oder am frühen Morgen nicht. „Wen man trifft, das sind Dealer oder Obdachlose, aber die tun ja eigentlich nichts.“ Allerdings: Um nicht angesprochen zu werden, hat Feldhordt regelmäßig Ohrstöpsel drin, „ich hör’ dann Musik.“ Doch Angst, da ist er sich sicher, „muss hier niemand haben, man muss halt wissen, wo man hingeht.“

Am Ende stehen wir noch am Kopstadtplatz. Auch hier, am späten Vormittag, haben sich Trinker versammelt. „Mir gefällt auch irgendwie nicht, dass so viele von ihnen die Plätze belagern, vor allem den Willy-Brandt-Platz“, sagt Feldhordt. „Für den ersten Eindruck der Gäste, die nach Essen kommen, ist der Anblick alkoholkranker Menschen wenig einladend.“ Andererseits: „Der andere Standort, dort, wo sich die Szene treffen soll, an der Hollestraße, das ist ja keine Alternative, selbst für die Alkoholiker nicht.“

Der Hotel-Mann von der Viehofer, präsent im Internet

Achim Feldhordt ist vielen Essener Internet-Nutzern bekannt. Im sozialen Netzwerk „Facebook“ veröffentlicht Feldhordt in dichter Folge Fotos und Videos aus der Essener Innenstadt. Auch seinen Heimatstadtteil Karnap rückt er häufig ins rechte Licht. Sehr rege ist Feldhordt zum Beispiel in der Gruppe „Du weiss, dat Du aus Essen komms, wenn . . .“. Selbst ins Leben gerufen hat Feldhordt unter anderem eine Gruppe, in der Nutzer über ihre Haustiere schreiben: „Me and my Shadow“. So heißt nämlich Feldhordts Hund.


Seit fast 20 Jahren arbeitet Feldhordt im Hotel Ambassador an der Viehofer Straße. Diese Zeitung schrieb mal einen Artikel über ihn, als Feldhordt auf eigene Faust angefangen hatte, die Blumenrabatte vor dem Hotel regelmäßig zu bepflanzen. Das war im Frühjahr 2014. Mittlerweile hat Feldhordt die Bepflanzungen aufgegeben: „Es hat keinen Sinn mehr.“ Montagsmorgens sei zu viel ‘rausgerupft.

Schöne Plätze – leider ohne Leben

Abseits der großen Fußgängerzonen gibt es viele, gute Fachgeschäfte und Gastronomiebetriebe, findet Achim Feldhordt. Man müsse sie nur entdecken. Warum aber selbst baulich ansprechende Plätze wie der Kopstadtplatz mit seinem historischen „Schossau-Haus“ so wenig belebt seien, könne er sich auch nicht erklären. Doch die alten Wasserspiele auf dem Kennedyplatz, zum Beispiel, wünscht sich Feldhordt auch nicht unbedingt zurück: „Dann könnte dort ja nichts mehr stattfinden.“

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