Essener Verein kämpft gegen schwarze Schafe der Call-Center-Branche

Zertifizierte Call-Center verpflichten sich unter anderem zu einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.
Zertifizierte Call-Center verpflichten sich unter anderem zu einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Zwei Essener Unternehmen erhalten am Donnerstag das bundesweit erste Qualitätssiegel für Call-Center-Betriebe. Der Verein „Call Center Essen“ hat sechs Jahre lang daran gearbeitet und hofft, dass nun möglichst viele Firmen mitmachen. Die Branche will mit dem Siegel ihr schlechtes Image aufbessern und umwirbt gleichzeitig potenzielle Mitarbeiter. Die Jobagentur findet lobende Worte.

Essen.. Die Call-Center-Branche hat häufig mit einem schlechten Image zu kämpfen: Schlechte Bezahlung, unzureichende Einarbeitung, Pannen beim Datenschutz und plumpe Anrufe bei ahnungslosen Kunden. Der Verein „Call Center Essen“ hat deshalb sechs Jahre lang an einem Qualitätssiegel gearbeitet, dass heute bundesweit erstmals verliehen wird.

„Das Siegel soll helfen qualitativ hochwertige Unternehmen zu identifizieren. Wir haben eine Vorreiterrolle übernommen und wollen ein klares Zeichen gegen die oft zitierten schwarzen Schafe der Branche setzen“, sagt Gordon Barrey, Vorstandsmitglied des Vereins, im Vorfeld der Verleihung. Mit der „A. Sutter Dialog Services“ und „Telegate“ werden auch zwei Unternehmen aus Essen ausgezeichnet. Barrey und seine Mitstreiter hoffen nun, dass bald weitere Firmen nachziehen. „Die Unternehmen in der Region sind durchaus interessiert. Viele Firmen haben bereits Interesse signalisiert,“ so der 34-Jährige. Man freue sich sehr darüber, dass das Projekt nach einigen zum Teil juristischen Hürden und längerer Anlaufzeit jetzt endlich umgesetzt werden könne.

Handlungsbedarf in der Call-Center-Branche

Zu den verpflichtenden Standards zählen eine umfangreiche Einarbeitung und Schulung, ein Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde und die Einhaltung strenger Auflagen beim Datenschutz. Zusätzlich müssen sich mindestens die Hälfte aller Angestellten in einem sozialversicherungspflichtigem Beschäftigungsverhältnis befinden. Call Center Essen will damit vor allem gegen prekäre Arbeitsverhältnisse angehen.

„Wo eine Herde voller Schafe ist, da wird halt auch geblökt“, antwortet Barrey im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen in so manchem Betrieb. „In der Branche besteht durchaus Handlungsbedarf. Das Call-Center-Geschäft ist recht schnelllebig und manche Firmen wandeln sich mal in die eine und mal in die andere Richtung“, ergänzt er. Die Einhaltung der Richtlinien wird durch einen Rechtsanwalt überprüft und dies muss nach drei Jahren wiederholt werden.

80.000 Kunden abgezockt

„Zehn Millionen Euro am Telefon verzockt“, schrieb die NRZ vor drei Jahren. Die Essener Polizei hatte damals einen bandenmäßigen Betrug in einem Call-Center am Kopstadtplatz aufgedeckt. Es ging um Geldwäsche und groß angelegte Abzocke per Telefon. 80.000 Kunden waren betroffen. Nicht alle Fälle sind derart spektakulär, häufig werden Pausenzeiten eher nicht eingehalten, die Bezahlung läuft größtenteils über Provision und die Telefonarbeitszeit gilt bereits als Einarbeitung. Gordon Barrey sagt, das Personal sei das Produkt eines Dienstleistungsunternehmens, ihr Aushängeschild. Deshalb habe man sich zusätzlich zu einem Ehrenkodex verpflichtet.

Unterstützung erhält die Initiative auch vom Essener Jobcenter. Sprecherin Heike Schupetta sieht in dem Qualitätssiegel sowohl Chancen für Arbeitnehmer, als auch für potenzielle Bewerber. „Die Unternehmen, die sich in diesem Verein engagieren, bieten unseren Kunden überdurchschnittlich gute Arbeitsmöglichkeiten. Wir werden das Siegel deshalb auch hier kenntlich machen und auf die Verbindung zwischen dem Jobcenter und Call Center Essen hinweisen,“ erklärt Schupetta.

Qualitätssiegel poliert das Image

Die Call-Center-Branche sei gerade für ungelernte Kräfte und ältere Menschen eine tatsächliche Chance, künftig ganz ohne staatliche Unterstützung auszukommen, so Schupetta. In diesem Jahr wurden bereits 60 Personen an Call-Center-Firmen in Essen vermittelt. Das Siegel helfe auch den Unternehmen, erklärt die Sprecherin. Schupetta: „Unternehmen haben dadurch die Möglichkeit, für sich zu werben.“

Bundesweit sind mehr als eine halbe Million Menschen in Call-Centern beschäftigt. Die Branche ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Mit rund 4.500 Call-Center-Mitarbeitern ist Essen sogar einer der größten Standorte in ganz Deutschland. Viele Unternehmen schätzen laut Call Center Essen am Ruhrgebiet vor allem den großen Pool an verfügbaren Arbeitskräften, das klare und fast vollständig akzentfreie Deutsch, sowie die verschiedenen Nationalitäten und die entsprechend vorhandenen guten Fremdsprachenkenntnisse.