Essener Tafel sperrt unzuverlässige Nutzer für ein Jahr

An jedem Ausgabe-Tag kommen rund 250 Bedürftige zum Wasserturm an der Steeler Straße, um dort Lebensmittel von der Tafel abzuholen.
An jedem Ausgabe-Tag kommen rund 250 Bedürftige zum Wasserturm an der Steeler Straße, um dort Lebensmittel von der Tafel abzuholen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
1800 Einzelpersonen oder Familien erhalten bei der Essener Tafel Woche für Woche Lebensmittel. Wer dreimal bei der Lebensmittel-Ausgabe der Tafel fehlt, verliert seine Karte für ein Jahr. Angesichts des großen Andrangs müsse man streng sein, sagt der Tafel-Verein. Ein Betroffener sagt: „Ein Jahr Sperre ist zu hart.“

Essen.. Die Essener Tafel hat längst das Format eines mittelständischen Unternehmens: 1800 Einzelpersonen oder Familien erhalten hier Woche für Woche an einer der 14 Ausgabestellen Lebensmittel, die von Supermärkten, Großhändlern oder Bäckereien gespendet werden. Regelmäßig müssen neue Bewerber abgewiesen werden, weil kein Platz mehr frei ist. Umso härter traf es Günther Schmittmann (Name geändert), als man ihn von der Ausgabe wieder ausschloss.

Schmittmann ist arbeitlos und hatte sich im Frühjahr bei der Tafel-Zentrale im Wasserturm an der Steeler Straße angemeldet, „weil mein Geld nicht reicht“. Wie alle neuen Nutzer bekam er mit seiner Kundenkarte einen festen Lebensmittel-Abholtermin; in seinem Fall jeweils samstags. So soll der Andrang in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt, die Schlangenbildung übersichtlich gehalten werden.

„Ein Jahr Sperre ist zu hart“

Als Schmittmann im Sommer seine Frau nach Serbien begleitete, habe er zweimal ohne Abmeldung gefehlt. „Von dort konnte ich nicht telefonieren.“ Als er am dritten Samstag wieder am Wasserturm erschien, sei er leer ausgegangen: „Man hatte meine Karte gesperrt.“

Als Schmittmann sich darüber beschwerte, habe man ihn auf den folgenden Mittwoch verwiesen: Da würden jeweils neue Karten ausgegeben, sofern Plätze frei geworden seien. „Also bin ich wieder zum Wasserturm gegangen, hab’ ewig gewartet und am Ende hieß es: , Sie kriegen keine neue Karte, weil Sie für ein Jahr gesperrt sind.’“ Man hätte ihm doch schon vorher sagen können, dass er erstmal keine Chance auf eine neue Karte habe, findet Schmittmann. „Und ein Jahr Sperre ist zu hart.“

Viele Bedürftige warten seit langem auf eine Kundenkarte

Der Vorsitzende der Tafel, Jörg Sartor, kann sich an den Vorfall erinnern – doch seine Schilderung fällt anders aus. Schmittmann habe nicht zweimal, sondern viermal unentschuldigt gefehlt: „.Wenn wir jemanden sperren, muss unser Mitarbeiter dazu im System eine Begründung hinterlegen. Da kann man das nachlesen.“ In diesem Fall sei man sogar kulant gewesen, denn eigentlich werde man schon nach dem dritten unentschuldigten Fehlen von der Lebensmittelausgabe ausgeschlossen. So könne es jeder auf der Homepage der Tafel nachlesen. „Und dabei geht es nicht um dreimal Fehlen in einem Jahr, sondern um dreimal hintereinander.“ Im übrigen gebe es die Möglichkeit, sich vorab für mehrere Wochen abzumelden, wenn man zum Beispiel verreise.

Es komme immer mal wieder vor, dass jemand die Sperren als ungerecht empfinde, sagt Sartor. Andererseits gebe es viele Bedürftige, die seit langem auf eine Kundenkarte der Tafel warten: Jeden Mittwoch könne er nur 50 neue Nutzer aufnehmen, der Andrang sei viel größer. Der erhebliche logistische Aufwand, der mit der Verteilung der Lebensmittel wie mit der Ausgabe neuer Karten verbunden sei, müsse von den 120 ehrenamtlichen Mitarbeitern gestemmt werden. Er finde es deshalb ziemlich unfair, wenn ein Kartennutzer einfach nicht erscheine. „Wenn einer nicht mal absagt, braucht er uns offenbar nicht.“