Essener sitzt im Stadrat seiner englischen Wahlheimat York

Von Essen nach York: Der frisch gebackene Stadtverordnete Lars Kramm (rechts) mit grünen Fraktionskollegen an einer Yorker Straße.
Von Essen nach York: Der frisch gebackene Stadtverordnete Lars Kramm (rechts) mit grünen Fraktionskollegen an einer Yorker Straße.
Foto: Privat
Was wir bereits wissen
Schon in Essen war Lars Kramm für die Grünen aktiv, in seiner englischen Wahlheimat York gewann er jetzt einen Sitz im Stadtrat.

Essen.. Eine Maschine, um sein eigenes Brot zu backen, hat Lars Kramm nach England mitgebracht. Soviel Deutschland muss sein, auch wenn der 32-jährige Essener Grüne sonst ein Musterbeispiel für gelungene Integration ist. Nach nur dreieinhalb Jahren in seiner neuen Heimat wurde Kramm vergangenen Donnerstag am britischen Wahltag als erster Deutscher in den Stadtrat von York gewählt, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern, geprägt sowohl vom touristisch bedeutenden mittelalterlichen Kern als auch durch die Industrialisierung. Mit dem Labour-Mann in seinem Wahlkreis lieferte er sich ein spannendes Rennen, mit 308 Stimmen Vorsprung ging Kramm schließlich als Sieger durchs Ziel.

In schwarz-grüner Koalition wichtige Erfahrungen gesammelt

Ein Grüner mit deutschem Pass, der als Kandidat in der britischen Mehrheitswahl die meisten Stimmen erhält: Das ist schon bemerkenswert. Geschafft habe er es durch viele Bürgergespräche beim Klinkenputzen, sagt er. „Gerade im Mehrheitswahlrecht ist die Person entscheidend.“ Die Reaktionen der Yorker im Straßenwahlkampf seien trotz oder gerade wegen des deutschen Migrationshintergrunds ermutigend gewesen. Offenbar schätzen die Bürger überall frischen Wind in der Politik. Sie haben ihm abgenommen, was Kramm auch im WAZ-Gespräch durchaus feierlich unterstreicht: „Ich will mich engagieren zum Wohl meiner neuen Heimat.“

Die Grünen sind seine Partei, und schon in Essen hat sich Lars Kramm im Kreisvorstand, als Stadtteilgruppensprecher in Rellinghausen/Stadtwald und als sachkundiger Bürger in Ratsausschüssen engagiert. „In der damaligen schwarz-grünen Koalition in Essen habe ich wichtige politische Erfahrungen gemacht“, sagt er. Brücken bauen will er nun auch in York, wohin es ihn der Liebe wegen verschlug und wo der Jurist beruflich in leitender Funktion beim landesweit größten Internethändler für Musikinstrumente tätig ist.

„Hauptamtliche Zuarbeiter, Fraktionsbüros - das gibt es hier alles nicht“

Die Briten und die Grünen - geht das zusammen? „Die Luftbelastung und die Grünflächenpolitik sind auch in York wichtige Themen“, sagt Kramm. Bei 47 Ratsleuten können die vier Grünen dem Stadtrat zwar nicht ihren Stempel aufdrücken, aber da in der früheren Industriestadt und Labour-Hochburg mittlerweile alle Parteien weit von der absoluten Mehrheit entfernt sind, werden auch die Grünen immer wieder gefragt sein. Nicht nur die Zersplitterung des Parteienspektrums erinnert an Essen, auch York hat natürlich Finanzprobleme. „Allerdings nicht so große wie Essen“, schränkt Kramm ein.

Die Briten erwarteten aber auch weniger vom Staat: „Kultur gehört hier zum Beispiel nicht zur Daseinsvorsorge, folglich ist der städtische Etat dafür extrem niedrig.“ Dafür gebe es viel ehrenamtliches Engagement. Kramm will sich an dieser Mentalität nicht etwa negativ abarbeiten, sondern sie nehmen wie sie ist. „Das Ehrenamt zu stärken ist mein Ziel.“

Neu gelernt hat er in England auch eine Form der Basis-Parteiarbeit, an die sich bei den deutschen Grünen nur noch die Älteren erinnern können. „Hauptamtliche Zuarbeiter, Fraktionsbüros - das gibt es hier alles nicht.“ Gefragt was ihm sonst noch fehlt, muss Lars Kramm etwas nachdenken. Essen als Stadt sei es nicht unbedingt, aber: „Ich vermisse ein bisschen den Öffentlichen Personennahverkehr.“ Auch wenn in Essen die Zeichen auf Abbau stünden - vom niedrigen Niveau in York sei die alte Heimat noch weit entfernt.