Essener Polizei stoppt Massen-Radtour mit 200 Radlern

So sieht eine „Critical Mass“ aus: Hier ein Bild vom Sommer 2015 in Essen. Da war noch alles friedlich.
So sieht eine „Critical Mass“ aus: Hier ein Bild vom Sommer 2015 in Essen. Da war noch alles friedlich.
Foto: WAZ
  • Wem gehört die Straße? Dieser Kampf ist jetzt auch in Essen angekommen
  • Polizei wirft Radlern „unverantwortliches Handeln“ vor. Sie hätten gefährliche Szenen provoziert
  • Seit mehr als fünf Jahren fahren Radler einmal im Monat durch die Stadt, Teilnehmerzahl wächst

Essen.. Eine Radtour mit knapp 200 Teilnehmern ist am Freitagabend von der Polizei aufgelöst worden. Viele der Radler sollen sich nach Angaben der Polizei gefährlich verhalten haben.

Es war die 70. Tour mit dem Titel „Critical Mass“. Dabei handelt es sich um eine Fahrradbewegung, die seit mehr als fünf Jahren auch in Essen an jedem zweiten Freitag im Monat zusammen kommt. Über das Internet verabreden sich Radfahrer, um vom Paragrafen 27 der Straßenverkehrsordnung zu profitieren: Ist die „kritische Masse“ einer Radler-Gruppe erreicht – ab 16 Personen –, dürfen Radler sich wie ein einziges, großes Fahrzeug verhalten. Sie können die Straße benutzen und als geschlossener Verbund über Kreuzungen fahren. Rollt der erste über Grün, darf auch der letzte hinterher, selbst wenn wieder Rot ist. Autofahrer müssen so lange warten. Die Botschaft der „Critical Mass“: Auch uns, den Radlern, gehört die Straße – „we are traffic“. „Wir sind Verkehr.“

„Critical Mass“ in vielen NRW-Städten aktiv

Die „Critical Mass“ gibt es mittlerweile in vielen NRW-Städten. Wie Essen tun sich viele Städte schwer, die „Critical Mass“ als Demo zu behandeln. Stets fehlen Verantwortliche, die die Veranstaltung anmelden. Lediglich in Stuttgart haben sich Radler und Polizei auf eine gemeinsame Gangart geeinigt.

In Essen ist die Bewegung im letzten Jahr erheblich gewachsen. Großen Ärger mit der Polizei hat es dabei bislang nicht gegeben, doch am Freitag soll die Lage „völlig aus dem Ruder gelaufen“ sein, teilt Polizei-Sprecher Peter Elke mit, der selbst Augenzeuge war: „Viele Radler haben Hinweise der Polizei ignoriert, sich und andere massiv gefährdet durch spontane Richtungswechsel.“

Die Tour war, wie immer, am Willy-Brandt-Platz gestartet – dort ist Radeln erlaubt – und verlief zunächst durch Straßen der City. Die Polizei, berichtet jemand, der dabei war, habe den Tross bereits kurz nach Abfahrt begleitet: „Das war ungewöhnlich.“ – „Uns haben viele erboste Anrufe von Autofahrern erreicht“, sagt Polizeisprecher Peter Elke. „Wir sahen es als Pflicht an, die Radler zu schützen und andere Verkehrsteilnehmer auch.“

Polizei behält sich rechtliche Schritte vor

Im späteren Verlauf der Tour – es ging durch Rüttenscheid, von dort nach Westen und schließlich bis in die Nord-City – hätten Radler gefährliche Situationen provoziert, berichtet Elke. Kurz vor Ende der Tour in der Nähe des „Cinemaxx“ löste die Polizei die Aktion auf. „Der Ärger ging eher von der Polizei aus als von den Radlern“, schreibt dagegen ein Teilnehmer im Netzwerk „Facebook“.

Eine „Critical Mass“ bewegt sich in der rechtlichen Grauzone: Ein Verantwortlicher findet sich nicht. Jeder darf vorweg fahren und die Richtung bestimmen. Entsprechend kann sie rechtlich nicht als Demo behandelt werden, die vorher angemeldet werden muss und deren Verlauf fest steht. Das sieht die Polizei anders und behält sich rechtliche Schritte vor.

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