Essener Krankenschwester war im Ebola-Gebiet im Einsatz

Elena Prögler hat einen Schutzanzug von ihrem „Ebola-Einsatz“ in Afrika mitgebracht.
Elena Prögler hat einen Schutzanzug von ihrem „Ebola-Einsatz“ in Afrika mitgebracht.
Foto: WAZ FotoPool
Die Essener Krankenschwester Elena Prögler hat für eine Hilfsorganisation im Ebola-Gebiet in Afrika gearbeitet. Nun kämpft sie gegen das Vergessen.

Essen..  Eines Tages stand auch die kleine Mamie in ihrem roten Kleidchen vor der Tür zur Krankenstation. Ihre drei Brüder sollten die Nacht nicht überleben. Auch ihre Schwester wurde positiv getestet, positiv auf Ebola. Als sie sich von ihr trennen musste, weinte die Siebenjährige bittere Tränen. „Wie trösten Sie so ein Kind, wenn sie einen Schutzanzug tragen und dicke Handschuhe“, fragt Elena Prögler.

Sieben lange Monate war die Krankenschwester aus Kettwig für die Hilfsorganisation Cap Anamur im Ebola-Gebiet in Westafrika im Einsatz. Um Trost zu spenden und auch jenen zu helfen, für die es keine Rettung mehr geben sollte. In Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, half Elena Prögler mit, für ein Kinderkrankenhaus eine Isolierstation aufzubauen. Nun ist zurück daheim in Kettwig und erzählt nach 21 Tagen in der selbstverordneten Isolation, wie auch sie selbst einmal „durch die Hölle gehen“ musste.

Elena Prögler ist eine mutige Frau. Ein Jahr lang war sie für Cap Anamur im Sudan, wo Flüchtlinge von der eigenen Regierung bombardiert werden. Aber ein Einsatz in Freetown, wo Ebola die Menschen dahinrafft wie einstmals die Pest die Menschen im mittelalterlichen Europa? Auch Elena Prögler hatte die Bilder im Fernsehen gesehen von Todkranken, die im eigenen Erbrochenen liegen, die um Hilfe betteln. Freunde und Bekannte fragten, ob sie verrückt sei dorthin zu fliegen. Nein, verrückt ist sie nicht. Sondern lebensbejahend, was wie ein Widerspruch klingt bei all dem Elend, das sie gesehen hat.

Ebola mag aus den Nachrichten verschwunden sein. Doch die Infektionskrankheit ist noch da, auch wenn die Zahl der Infizierten zurückgeht. Daran will Elena Prögler erinnern. Mitgebracht hat sie einen knallgelben Schutzanzug wie sie ihn bei der Arbeit tragen musste. Freunde und Kollegen haben Abschiedsgrüße darauf hinterlassen.

„Maximal zwei Stunden, länger hält man es bei dieser Hitze nicht darin aus“, erzählt Elena Prögler. Allein das Anziehen ist eine Prozedur. Ebola wird über Körperflüssigkeiten übertragen. Keine noch so kleine Ritze darf offen bleiben, will man nicht riskieren sich anzustecken. „Bloß keine Eile“, auch das habe sie gelernt.

Wie fühlen sich erst die Kranken, die von Helfern in Empfang genommen werden, die aussehen, als wären es Außerirdische? Elena Prögler kann herzzerreißende wie schreckliche Geschichten erzählen. Es sind Geschichten von Tod und Trennung, ohne dass Gelegenheit für einen würdigen Abschied bliebe. Zu groß ist die Gefahr, zu groß die Angst, selbst zu erkranken. Ganze Familien rafft die Krankheit dahin. Kinder bleiben allein als Waisen zurück.

In den ersten Monaten wird jeder zweite Patient positiv getestet, für viele kommt das Ergebnis einem Todesurteil gleich. „So empfinden es fast alle.“ Jene, bei denen die Krankheit weit fortgeschritten ist, suchen Linderung durch Kühle, in dem sie sich auf den nackten Betonfußboden legen. Die Krankenschwestern müssen Hemmschwellen überwinden, müssen die eigene Angst besiegen. Nicht jeder traut sich hinein in den Isolierbereich. Kleidung oder Behälter mit Wasser werden den Kranken zugeworfen.

„So lange du dich an die Regeln hältst, kann dir nichts passieren“, macht sich Elena Prögler selbst Mut. Als sie eines Tages Fieber bekommt, ist sie sich sicher, dass sie sich nicht angesteckt hat. Sie hat doch nichts falsch gemacht. Oder? Mulmig ist ihr doch. Cap Anamur informiert vorsorglich das Auswärtige Amt in Berlin. Elena Prögler lässt sich testen und wartet auf das Ergebnis. Es ist negativ. „So musste auch ich mal durch die Hölle“, erzählt sie.

Warum tut sie sich so etwas an? Elena Prögler muss nicht lange überlegen: „Einer muss es ja machen.“ Zu helfen ist für die Gläubige Katholikin keine Frage, sondern Ausdruck von der Menschlichkeit. Und schließlich ist die Hilfe nicht vergebens. Auch die kleine „Mamie“ konnte die Isolierstation wieder verlassen. Ihr rotes Kleidchen wurde verbrannt wie alle Kleidungsstücke, die kontaminiert sein könnten. „Mamie“ weinte bitter – und gehört doch zu den Glücklichen, die überlebt haben.

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