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Essener Karnevalisten: „Wir brauchen keine Bürgerwehr“

02.02.2016 | 08:00 Uhr
Essener Karnevalisten: „Wir brauchen keine Bürgerwehr“
An der Martinstraße will die umstrittene Initiative „Wir für Essen“ Rosenmontag in Aktion treten. Doch die Karnevalisten lehnen ihren Einsatz ab und verlassen sich lieber auf die Essener Polizei.Foto: Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services

Essen.   Die Essener Jecken lehnen den geplanten Einsatz der Bürgerwehr „Wir für Essen“ am Rosenmontag kategorisch ab. Vize-Polizeipräsidentin Martina Thon das sieht Risiko der rechtsextremen Unterwanderung.

Die Ankündigung der selbsternannten Bürgerwehr „Wir für Essen“ , erstmals am Rosenmontagszug in Aktion zu treten, ist auf breite Ablehnung gestoßen – nicht nur bei der Polizei, sondern insbesondere auch bei den Essener Karnevalisten. „Eine Bürgerwehr im Karneval ist nicht nötig“, sagt stellvertretend Thomas Spilker, Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft „Fidelio“ Essen 1902, und fügt hinzu: „Fanatiker von Rechts und Links sollten sich andere Tummelwiesen für ihr Gedankengut suchen.“

Nicht wegschauen, sondern die Polizei zu Hilfe holen

Martina Thon, stellvertretende Behördenleiterin der Essener Polizei, sieht durchaus das Risiko der Unterwanderung einer Bürgerwehr durch rechte Gruppen. Denn eine solche Gruppierung komme nach den Vorfällen der Silvesternacht nun einmal mit einem „extremen Geschmäckle“ daher: „Die klare Intention ist doch, nicht für mehr Sicherheit zu sorgen, sondern bestimmte Personengruppen ins Visier zu nehmen“, ist die Leitende Kriminaldirektorin überzeugt.

Karneval
Das sind die Essener Karnevalsumzüge 2016
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Die Freisenbrucher und die Heisinger Karnevalisten haben in diesem Jahr wegen der erhöhten Sicherheitsauflagen ihre Umzüge abgesagt. Zu hoch sind die Kosten für Ordner, Absperrungen und Evag-Umleitungen. Sechs Umzüge bleiben den Essener Jecken aber in der Session 2015/2016 erhalten.

Hahneschlacht in Frohnhausen

Die KG Hahnekopp startet traditionell eine Woche vor dem großen Karnevalstreiben mit ihrem Umzug samt Hahneschlacht. Dieser beginnt am Sonntag, 31. Januar, um 14 Uhr vor der Gastronomie St. Elisabeth in der Dollendorfstraße und zieht über Kerckhoffstraße, Berliner Straße, Kuglerstraße, Gervinusstraße, Frohnhauser Straße und Raumerstraße zurück zur Gastronomie St. Elisabeth. Dort beginnt um 15 Uhr die Hahneschlacht. Dabei sitzen Vereinsmitglieder und Königsanwärter auf einem Wagenrad und müssen mit Holzschwertern einen Kunst-Hahn köpfen. Wer das schafft, wird König der KG Hahnekopp. Krönung: 20.11 Uhr.

Bollerwagenumzug in Werden

„Wir feiern einen gemütlichen Straßenkarneval“, sagt Peter Gabka, Ehrenpräsident der Werdener KG Lindenbeck. Am Sonntag, 7. Februar, ziehen die Narren ab 11.11 Uhr ihre Bollerwagen von der Dückerstraße, Ecke Heckstraße durch die Werdener Altstadt bis zum Rathaus. Dort begrüßt Peter Gabka das Essener Prinzenpaar und das Kinderprinzenpaar auf dem Balkon. Beim Bollerwagenumzug kann jeder mitlaufen. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

„Kikabo“ in Borbeck

Die kleinsten Jecken treffen sich am 7. Februar um 13 Uhr auf dem Höltingplatz in Borbeck zum Kinderkarnevalsumzug. Ab 13.25 Uhr geht es über die Gerichtstraße, Germaniastraße, Vinckestraße, Marktstraße, Borbecker Straße und Schloßstraße zur Dubois-Arena. Hier warten Clown BoBoRi und die Jugendtanzgarde BBB auf die Kinder.

Karnevalsumzug in Kettwig

Nach vierjähriger Auszeit rollte 2014 wieder der Karnevalszug in Kettwig. Zwei Jahre mussten sich die Kettwiger Jecken nun gedulden, aber dieses Jahr ziehen wieder neun Wagen und die Fußgruppen mit rund 700 Jecken durch die Straßen. Sie treffen sich am 7. Februar am Parkplatz von Kaisers und werfen ab 14.11 Uhr Kamelle in der Kettwiger Innenstadt. Der Zug endet am Rewe-Parkplatz. Anschließend feiern die Kettwiger Karnevalisten mit einer Party auf dem Marktplatz in den Abend hinein.

Rosenmontag in Rüttenscheid

52 Zugnummern setzen sich Rosenmontag (8. Februar) beim größten Essener Karnevalsumzug um 13.11 Uhr am Gruga-Parkplatz P2 in Bewegung. 20 Wagen, vier Musikzüge und Fußgruppen ziehen drei Kilometer bis zur Rolandstraße (Streckenverlauf siehe Grafik). Wie im vergangenen Jahr löst sich hier der Zug auf, damit der Busverkehr am Bahnhof nicht umgeleitet werden muss. Acht Züge und die Prinzenpaare fahren weiter zum Kupferdreher Rosenmontagsumzug. Zugleiterin Sabine Sander erwartet 60 000 bis 80 000 Besucher. Angst vor Zwischenfällen hat sie nicht: „Wir gehen mit einem guten Gefühl in den Umzug.“

Rosenmontag in Kupferdreh

Mit fünf Kilogramm gelb-blauem Konfetti startet der 144. Kupferdreher Rosenmontagsumzug um 16.11 Uhr am Hinsbecker Berg. Nachdem das Seidenpapier in die Luft geschossen wurde, ziehen 48 Fußgruppen und Wagen über die Kupferdreher Straße bis zum Möllneyer Ufer. Der Festausschuss Kupferdreher Karneval (FKK) erwartet rund 50 000 Besucher. „Bei gutem Wetter können es auch 10 000 mehr sein“, sagt Gisela Tüffers, Vorstandsmitglied des FKK und Organisatorin des Rosenmontagumzugs. Die Wetterkerze hat sie bereits angezündet, nun hofft sie, dass „die nett hergemachten Kinder nicht nass werden“. Zum ersten Mal seit Jahren sind beim Umzug wieder Pferde angemeldet. Ob die Sicherheitsauflage mit vierzehn Ordnern für fünf Pferde erfüllt werden kann und die Tiere, wie geplant, wirklich mitlaufen, ist noch unklar.

Wer meine, auf eigene Faust für mehr Ordnung sorgen zu wollen, laufe Gefahr, am Ende selbst als Beschuldigter dazustehen, wenn nach Körperverletzungen oder Freiheitsberaubung konsequent Strafverfahren eingeleitet werden. Dazu könne eine falsche Beurteilung einer Situation nur allzu schnell führen. Hilfreicher für alle Beteiligten sei es, so Thon, im Rahmen der Zivilcourage nicht wegzuschauen, sondern zum Handy zu greifen und die Polizei zu Hilfe zu rufen: „Und das kann ich ohne Bürgerwehr jederzeit tun.“

Auch das Festkomitee Essener Karneval, Veranstalter des Essener Rosenmontagszuges in Rüttenscheid, lehnt das Engagement von Bürgerwehren kategorisch ab. Sein Sprecher Oliver Weiß verweist auf das mit der Polizei und der Stadt Essen detailliert abgestimmte Sicherheitskonzept. „Für Sicherheit an diesem Tag sorgt allein die Polizei, ihr gehört unser ganzes Vertrauen.“

Pro Rad ein Ordner

Schätzungsweise 70.000 Menschen strömen an Rosenmontag nach Rüttenscheid, wo der Essener Straßenkarneval traditionell seinen Höhepunkt erlebt. Festkomitee-Sprecher Oliver Weiß will sich durch die Sicherheits- und Bürgerwehr-Debatte die Freude am Karneval keinesfalls verderben lassen. „Die Menschen sollen nach Essen kommen und unbeschwert feiern, die Sicherheit ist gewährleistet.“

Die Karnevalisten werden selbst ein Heer an Ordnern aufbieten, um den närrischen Lindwurm sicher durch die Rüttenscheider Straßen zu führen. Denn für die Absicherung der Zugmaschinen, Schlepper und Anhänger gelte die Faustformel „Pro Rad ein Ordner“.

„Wir Karnevalisten werden alles dazu tun, dass die Bürger in Rüttenscheid und Kupferdreh schöne und sichere Züge erleben können“, betont auch Fidelio-Chef Thomas Spilker. „Wir wollen einen unbeschwerten Rosenmontag mit vielen lachenden und bunt kostümierten Besuchern am Rande des Karnevalsumzuges.“

Gerd Niewerth

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Kommentare
03.02.2016
14:10
Essener Karnevalisten: „Wir brauchen keine Bürgerwehr“
von unendlicheweiten | #9

Ich möchte nicht, dass irgendeine selbsternannte Bürgerwehr darüber wacht und entscheidet, was im öffentlichen Raum erlaubt ist und was nicht. Wir...
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2016-02-02 08:00
Essen,Karneval,Sicherheit,Bürgerwehr,„Wir für Essen“,Rosenmontag,Rüttenscheid,Rosenmontagszug
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