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Essener halten Nebeneinander von katholischen und städtischen Schulen für zeitgemäß

19.10.2012 | 08:00 Uhr
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Essener halten Nebeneinander von katholischen und städtischen Schulen für zeitgemäß
Foto: Norbert Millauer

Essen.   Am Nebeneinander von städtischen und kirchlichen Schulen wollen die wenigsten Essener rütteln. Essen hat laut Verwaltung die meisten katholischen Grundschulen weit und breit. Aber in welcher Rolle sehen sich heute katholische Grundschulen? Ein Besuch in Katernberg.

Man kann die Sorgenfalten der deutschen Bischöfe förmlich tiefer werden sehen, wenn man den Bericht ihrer jüngsten Herbst-Vollversammlung liest. Von einer „Verunsicherung über Aufgaben und Ziele des Religionsunterrichts“ ist da die Rede, von einem „Rückgang der religiösen Erziehung in den Familien“, von der Frage „nach der Alltagsrelevanz des Glaubens“. Kurzum: Die Kirchenoberen sehen ihre Felle davonschwimmen, was das Durchdringen ihrer Botschaft zum Nachwuchs angeht. Da ist es einigermaßen erstaunlich, was das NRZ-Bürgerbarometer 2012 in Sachen Bekenntnisschulen hervorgebracht hat.

„In Essen gibt es konfessionelle und städtische Schulen. Halten Sie diese Angebotsvielfalt für zeitgemäß?“ So lautete die Frage, die wir den 521 Teilnehmern in Telefon-Interviews gestellt haben. Das Ergebnis lässt von einer allgemeinen Stimmung contra kirchliche Erziehung wenig erahnen. Fast die Hälfte der Befragten hält das Nebeneinander von konfessionellen und städtischen Schulen durchaus für zeitgemäß. Jeder Dritte antwortete gar mit „Ja, auf jeden Fall“ auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des in Teilen kirchlich geprägten Systems. Auf der anderen Seite stehen 24 Prozent, die diese Struktur ablehnen.

Auch Essens Schuldezernent Peter Renzel (CDU) ist von dem Ergebnis überrascht. „Ich hätte aufgrund des Zeitgeistes etwas anderes vermutet.“ Andererseits: „Gerade die weiterführenden Schulen in kirchlicher Trägerschaft sind starke Schulen, haben einen guten Ruf.“ Renzel sieht das Votum insgesamt als Bestätigung der örtlichen Schullandschaft. „Ich freue mich, dass die Bürger das vielfältige Angebot als sinnvoll erachten. Wir wollen diese Vielfalt erhalten.“

Freilich: Erfahrungsgemäß schätzen nicht wenige Eltern die Existenz katholischer Grundschulen vor allem deshalb, weil ihr Kind die städtische, vermeintlich von vielen Mitschülern mit Sprachschwierigkeiten geprägte Einrichtung umgehen können. Andererseits: Kommt es zum Schwur – wie bei der Zusammenlegung von einer städtischen und einer katholischen Grundschule – votieren die Eltern in der Regel gegen die Weiterführung des Siegels Bekenntnisschule.

„Wir wollen nicht missionieren“

Exakt 152 Brezeln hat die Zollvereinschule mit Blick auf das anstehende Martinsfest geordert – für 304 Kinder. Das nennt man wohl eine unmissverständliche Lektion in Sachen Teilen. Eine Lektion, die ankommt, sagen die Lehrer: Hilfsbereit und solidarisch seien die Kinder. An der katholischen Grundschule in Katernberg ist man davon überzeugt, dass dieser Gemeinschaftssinn nicht zuletzt mit der religiösen Ausrichtung zu tun hat, die nach wie vor viele Schulen in der Stadt pflegen. Essen hat laut Verwaltung die meisten katholischen Grundschulen weit und breit. Welches Selbstverständnis haben diese Einrichtungen heute? Welche Rolle spielen sie im Stadtteil? Und was unterscheidet den Alltag etwa an der Zollvereinschule von dem ihrer städtischen Pendants?

Der offensichtlichste Unterschied: Das Kreuz im Klassenzimmer

Auf den ersten Blick natürlich: das Kreuz, das in dem Gebäude an der Heinrich-Lersch-Straße nach wie vor in jedem Klassenzimmer hängt. Jeden Morgen wird gebetet, es gibt einen Schulgottesdienst und Gottesdienste zu allen kirchlichen Festen. So weit die sichtbaren Eigenheiten. Viel wichtiger sind den Verantwortlichen natürlich die Inhalte. „Der Unterricht ist ausgerichtet an christlichen Werten“, sagt Schulleiter Hermann Stelmaszyk. Was das genau heißt? „Ganz einfach“, sagt Claudia Nitsch, eine von vier Religionslehrerinnen der Schule: „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Aber wird denn die Liebe, wie sie sich etwa im Teilen ausdrückt, an anderen Schulen weniger stark vermittelt? „Natürlich lernen Kinder auch an anderen Schulen Rücksicht, natürlich gibt es auch anderswo zum Beispiel Streitschlichterprogramme“, sagt Stephanie Dern, „aber wir füllen sie mit Leben. Lasst die Kinder zu mir kommen, Kinder sind gewünscht – das ist unsere Botschaft.“

Und die sei in Zeiten wie diesen und in einem von sozialer Schieflage geprägten Stadtteil wie Katernberg entscheidend, da sind sich die Mitglieder des Zollverein-Kollegiums einig. „Die Schule ist für die Kinder eine Heimat geworden, die ihnen Profil und Halt gibt“, sagt Schulleiter Stelmaszyk. „Wir haben einen hohen Prozentsatz an Familien in schwierigen Lebensumständen“, so Stephanie Dern, „viele Alleinerziehende, viele Eltern ohne Arbeit“. Fast jedes vierte Kind an der Zollvereinschule stammt aus einer Familie, die von Hartz IV lebt.

Getaufte Kinder haben Priorität

Schulleiter Stelmaszyk wehrt sich denn auch gegen den Eindruck, die meisten Eltern meldeten ihre Kinder vor allem deshalb an katholischen Grundschulen an, weil sie eine möglicherweise von vielen Schülern mit Migrationshintergrund und sprachlichen Defiziten geprägte städtische Einrichtung umgehen wollen. Zumindest für die Zollvereinschule gelte das nicht, sagt Stelmaszyk. „Wir haben hier auch viele Kinder mit Sprachschwierigkeiten.“ Das sei vielmehr eine Frage der sozialen als der nationalen Herkunft.

Doch auch was kulturelle Vielfalt anbelangt, sei die Zollvereinschule keine Insel, sagen der Schulleiter und die Religionslehrerinnen. In den Reihen der Schüler befänden sich Kinder aus Afrika, dem Libanon und vielen anderen Ländern. Rund drei Viertel der Zollverein-schüler sind getauft, sie haben bei der Anmeldung Priorität. Für die Lehrer ist die katholische Religionszugehörigkeit Pflicht. Man müsse von der Sache überzeugt sein, sagt Stephanie Dern. „Das Kollegium lebt den Glauben vor. Die Kinder spüren, ob ihr Lehrer dahinter steht.“

Missionieren wolle man freilich nicht, betonen die Religionslehrerinnen unisono. „Die Kinder lernen ihre und unsere Religion kennen, nur so können sie später einen eigenen Standpunkt entwickeln“, sagt Sabine Paraguya. „Dazu gehört natürlich, sich mit anderen Glaubensrichtungen zu beschäftigen“, ergänzt Henrike Ennemann. Auch muslimische Kinder besuchen die Schule, in den drei neuen Eingangsklassen sind es 15 bis 20. Über den Ramadan, sagen die Lehrerinnen, wissen die Schüler ebenso Bescheid wie über das Martinsfest.

Helen

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