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Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte

04.02.2011 | 18:33 Uhr
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
die Alfred Krupp Schule in Frohnhausen. Foto: Oliver Müller

Essen.  Als erstes Essener Gymnasium will die Alfred-Krupp-Schule künftig auch Behinderte aufnehmen. Sie sollen in eine reguläre Klasse integriert werden. Das könnte eine schulpolitsche Zeitenwende einläuten.

Das Alfred-Krupp-Gymnasium in Frohnhausen will vom kommenden Schuljahr an auch behinderte Kinder aufnehmen - nicht nur in Ausnahmefällen, sondern als Teil des Schulkonzepts. Pro Jahrgang sollen fünf Kinder, die lernbehindert oder geistig in irgendeiner Form eingeschränkt sind, fest in eine reguläre Klasse integriert werden.

Info
Vereinte Nationen geben Recht vor

Im März 2009 hat Deutschland die UN-Richtlinie unterzeichnet, dass auch Behinderte das Recht haben, eine Regelschule zu besuchen – und nicht auf eine Förderschule (früher „Sonderschule“) müssen.

„Ein Platz an einer Regelschule für ein behindertes Kind ist aber nicht einklagbar“, betont Schuldezernent Peter Renzel. Den Schritt der Alfred-Krupp-Schule und der Gesamtschule Bockmühle begrüßt Renzel ganz außerordentlich: „Ich bin den Schulen sehr dankbar für diese Entscheidung. Die Integration Behinderter ist mir eine Herzensangelegenheit.“

Das beschloss die Schulkonferenz des Hauses in dieser Woche mit deutlicher Mehrheit. Die Konferenz ist aus Vertretern von Lehrern, Eltern und Schülern zusammengesetzt. Jetzt müssen noch die Behörden zustimmen, was aber als reine Formsache betrachtet wird. Damit könnte eine schulpolitische Zeitenwende eingeläutet werden – hin zu „einer Schule für alle“, wie sie von den Vereinten Nationen seit langem eingefordert wird (siehe Info-Kasten).

Reguläre Plätze für Behinderte bieten bislang 14 Grundschulen, aber nur wenige weiterführende Schulen an: Die Hauptschulen Wächtler- und Bischoffstraße sowie die Gesamtschule Holsterhausen; die Gesamtschule Bockmühle richtet ebenfalls ab Sommer „integrative Lerngruppen“ ein, so die offizielle Bezeichnung. Gymnasien nehmen bislang nur Körperbehinderte an, und auch nur in Ausnahmefällen. Die neuen „integrativen Lerngruppen“ gelten vor allem für „Lernbehinderte“ als Alternative zur Sonder- bzw. Förderschule: „Lernbehinderte“ sind körperlich nicht eingeschränkt, lernen aber erheblich langsamer als gesunde Kinder.

„Dieser Entschluss wird unsere Schule nachhaltig verändern“, glaubt Berthold Urch, der Leiter der Alfred-Krupp-Schule. „Wir haben alle Bedenken von Kollegen, Eltern und Schülern intensiv diskutiert.“ Die Klasse, die fünf Behinderte aufnimmt, soll besonders klein bleiben – nur 15 regulär zu unterrichtende Kinder werden gemeinsam mit fünf „zieldifferent“ zu unterrichtenden Behinderten den Raum teilen. Diese haben ihr eigenes Lehrmaterial. In etwa der Hälfte der Zeit kümmert sich ein Sonderpädagoge um sie, besonders in den „Kernfächern“ Deutsch, Mathe, Englisch. Die übrige Zeit ist kein Extra-Lehrer da.

Pädagogen der Alfred-Krupp-Schule, die besonders interessiert sind, werden bis zum Sommer fortgebildet im Umgang mit Lernbehinderten, kündigt Schulleiter Urch an. Er ist fest davon überzeugt, dass auch die gesunden Kinder der Klasse von der Anwesenheit der Behinderten profitierten – allein wegen des kleinen Klassenverbundes von maximal 20 bis 22 Schülern. Angst vor einem Imageschaden hat Urch nicht: „Wir können zwar nicht einschätzen, was Eltern künftig von uns denken, doch wir werden keinesfalls gymnasiale Standards verlassen.“ Schon lange setzt die Krupp-Schule, die für gymnasiale Verhältnisse einen hohen Ausländeranteil hat, besondere Schwerpunkte in Förderung und Berufsorientierung. Auch die überschaubare Größe der Schule (530 Schüler) habe eine Rolle bei der Entscheidungsfindung gespielt. „Wir sind für diese Aufgabe prädestiniert“, ist Urch überzeugt. Michaela Krupa, Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Eltern an Essener Gymnasien“, mahnt an, dass die Integration Behinderter an Gymnasien nur mit entsprechend personeller und materieller Ausstattung möglich sei.

Martin Spletter

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Kommentare
07.02.2011
18:21
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von Svenskman | #12

Liebe KritischeBuergerin (Beiträge 6 und 9)! In bezug auf die AKS werden wir wohl immer unterschiedlicher Meinung bleiben. Da ich nun lesen konnte, daß Sie selbst im Schuldienst sind, möchte ich Ihnen aber trotzdem sagen, daß ich vor Leuten wie Ihnen, die als Lehrer bzw. Lehrerin arbeiten, meinen Hut ziehe! (Vorausgesetzt, es handelt sich um einen guten Lehrer/eine gute Lehrerin.) Lehrer zu sein ist eine der schwierigsten Tätigkeiten, die es gibt.

07.02.2011
10:39
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von harper20 | #11

Ich finde es gut, das auch mal ein Gymnasium sich für Integration stark macht. Es wurden zu lange schon leichte Fälle auf die Förderschulen abgeschoben. Eine Freundin sollte wegen leichter Legastenie da hin, hat das Fachabi auf der Gesamtschule gemacht, dank der Sturheit der Mutter (aus sogenannten Arbeiterkreisen) Mit Legastenie schaft man in Schweden/bzw. mit Förderung auch das Abi.

Natürlich gibt es Formen der geistigen oder lernbehinderung wo die Förderschule besser ist, obwohl man dann weis das die Chancen auf ein Berufsleben ausserhalb der Behindertenwerkstätten sich selten realisieren läst.

06.02.2011
20:01
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von Kupitz | #10

Ich freue mich als Mutter eines Sohnes mit Asperger-Syndrom (leichte Form von Autismus) sehr darüber, dass sich in Essen endlich etwas in die richtige Richtung bewegt. Es kann nicht sein, dass es an 14 Essener Grundschulen bereits solche Integrativen Lerngruppen gibt, die Kinder aber nach der Regel-Grundschule, in der sie bereits gut gefördert wurden, kaum eine Alternative zur Förderschule erhalten. Ich begrüße ausdrücklich die Fortschritte, die die Stadt Essen nun einleitet, um möglichst vielen Kindern, die Chance zu geben, nicht ausgesondert zu werden, sondern in der Mitte der Gesellschaft aufzuwachsen. Mir ist die Inklusion behinderter Kinder in der normalen Gesellschaft deshalb so wichtig, weil damit ein normales Zusammenleben für alle möglich wird und eben keine Diskriminierung stattfindet. Nicht nur die Behinderten müssen einen normalen Umgang mit Nicht-Behinderten lernen, sondern die normalen Kinder müssen lernen, behinderte Kinder nicht als komisch, anders oder minderwertig zu erleben. Nur so kann unsere Gesellschaft lernen MITEINANDER zu leben und nicht parallel nebeneinander. Mein Sohn besucht eine integrative Klasse an einer weiterführenden Schule und erhält dort von qualifizierten Lehrern und Sonderpädagogen die bestmögliche Förderung. Inkulsion ist möglich und sollte nicht schon im Vorfeld heruntergemacht werden. Im übrigen profitieren die Nicht-Behinderten Kinder in einer integrativen Klasse besonders, da sie von Anfang an Toleranz und Rücksichtnahme lernen. Oft ist das Sozialgefüge dieser Klassen weitaus besser als in den normalen Klassen. Vielen Dank an alle Schulleiter in Essen, die den Mut haben, einen neuen Weg zu gehen und den ersten Schritt zur Inklusion zu tun!

06.02.2011
19:05
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von KritischeBuergerin | #9

@8
Leider lassen Sie mangelnden Einblick in die Schullandschaft durchblicken. Besagter Schüler der 90er (übrigens war ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch an der Schule) ging durch die Presse und wurde anschließend an ein Gymnasium im Essener Norden verschickt. So läuft das zwischen den Schulen einer Stadt.
Seit dem Jahr 2000 bin ich selbst im Schuldienst tätig. Im Referendariat an einem Gymnasium im Essener Süden tätig, bis heute an einem innerstädtischen Gymnasium in Bochum.
Ihre Idealvorstellung eines Gymnasiums stimmt einfach nicht, es passieren am laufenden Band Dinge, die eines Gymnasiums nicht würdig sind.
Fälle wie die von Ihnen beschriebene (vermutlich Bio-)Lehrerin, gibt es ebenfalls in mehr oder weniger stark ausgeprägter Form an so gut wie jeder Schule. Leider muss man sagen, dass jeder Kollege auch ein bisschen für sich selbst verantwortlich ist. Besagte Lehrerin machte für mich aus heutiger Sicht alle nur möglichen Fehler, angefangen bei fachlichen Defiziten und nicht vorhandener Konsequenz.

Bitte tun Sie nicht so, als wären all diese Vorfälle nicht normal und nur an dieser ach so asozialen Schule denkbar.
Machen Sie sich mit Interna anderer Gymnasien vertraut und Sie werden merken, dass diese Sichtweise schlicht und ergreifend völlig falsch ist.

06.02.2011
18:24
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von Svenskman | #8

Liebe KritischeBuergerin (Beitrag Nr.6)! Daß Sie sich an der AKS wohlgefühlt haben, freut mich für Sie. Ihre persönlichen Angriffe auf meine Person möchte ich - was die (mangelnde) Form angeht - nicht kommentieren. Richtigstellen möchte ich allerdings, daß meine Einschätzung dieser Schule nicht aus einer persönlichen Frustration heraus erfolgt ist (meine Schullaufbahn verlief relativ glatt, auch ich habe anschließend studiert), sondern lediglich eine nüchterne Schilderung der Zustände an dieser Schule ist. Und dabei habe ich nicht nur eigenes Erleben zugrunde gelegt, sondern auch objektive Tatsachen, die für jeden nachprüfbar sind. Ich verweise in diesem Zusammenhang insbesondere auf den Fall eines renitenten AKS-Schülers, der Mitte der 90er Jahre durch die Presse ging. (Ein Schüler, der mitten im Unterricht auf die Fensterbank klettert und aus dem Fenster uriniert, wäre an einem anderen Gymnasium undenkbar.) Aus meinem eigenen Erleben möchte ich noch nachtragen, daß es schon Ende der 70er Jahre an dieser Schule Fälle einer Entwicklung gab, wie sie heutzutage leider an vielen Schulen als Massenphänomen zu beobachten sind: ich meine den Terror von Schülern gegen Lehrer. Ich habe an der AKS persönlich erlebt, wie fast eine ganze Klasse eine Lehrerin dermaßen terrorisiert hat, daß sie mehrmals in Tränen aufgelöst vor der Klasse stand. (Sie wurde z.B. mit Getränkedosen beworfen, als sie mit dem Rücken zur Klasse vor der Tafel stand.) Von der Schulleitung erhielt sie keine Hilfe, von Disziplinarmaßnahmen gegen die Schüler keine Spur. Solche Zustände sind eines Gymnasiums unwürdig! Wenn man nun berücksichtigt, daß sich das Benehmen der Schüler (nicht nur an der AKS, sondern im allgemeinen) innerhalb der letzten 30 Jahre rapide verschlechtert hat, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie niveaulos das Klima an der AKS heute ist. Leider ist zu befürchten, daß die AKS das Behinderten-Projekt lediglich dazu benutzt, ihr schlechtes Image aufzupolieren. Die zuständige Schulbehörde sollte besser eine andere Schule für dieses zukunftsweisende und deshalb sehr lobenswerte Experiment auswählen.

06.02.2011
10:48
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von ElisabethL | #7

Mit dem Thema Inklusion müssen sich jetzt alle Schulen auseinandersetzen, da ja bereits die UN-Konvention unterschrieben ist. Ich arbeite seit 21 Jahren an einer Förderschule mit Menschen jeglicher Behinderungsart mit Freude und Erfolg. Wir haben natürlich viel Erfahrung auf diesem Gebiet und sind in der Lage, auf die ganz individuellen Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen. Mich stimmt es nachdenklich, dass diese erfolgreiche Arbeit, die zufriedenen Schüler und deren Eltern nicht zählen, ja die Förderschule in ein recht schlechtes ausgrenzendes Licht gerückt wird.
Wenn nun am Gymnasium lern- und geistigbehinderte Menschen aufgenommen werden sollen, stehen ihnen doch genau die Fördermöglichkeiten zu, die sie an der Förderschule erfahren würden, z.B. Werkräume, Küchen, gemeinsames Kochen, gemeinsames Einkaufen, Arbeiten in Projekten, anschaulicher Unterricht mit begreifbarem Material,therapeutische Versorgung mit Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, Zusammenarbeit mit Psychologen, Sozialarbeitern etc. In den Kernfächern sollen sie in Kleingruppen vom Förderschullehrer unterrichtet werden, in Fächern wie Geschichte, Erdkunde, Musik etc. mit den anderen zusammen vom Regelschullehrer. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein geistigbehinderter Mensch den Lerninhalten folgen soll. Es gibt nicht umsonst Richtlinien speziell für geistig bzw. lernbehinderte Menschen. Unsere behinderten Kinder haben auch das Recht, ihren ganz speziellen Bedürfnissen entsprechend unterrichtet zu werden. Das sehe ich am Gymnasium nicht.Mein Vorschlag, jetzt zunächst in allen Universitäten für alle angehenden Lehrer verpflichtend die Auseinandersetzung mit Behinderungen zu installieren, und Konzeptionen zu entwickeln, wie gemeinsames Lernen stattfinden könnte. Es darf im Sinne aller Kinder kein überstürtztes Experementieren geben.

05.02.2011
22:54
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von KritischeBuergerin | #6

@5
Ich gehe davon aus, dass Ihre Schullaufbahn anscheinend etwas verquer lief und deshalb dieser Frust hier zu Tage kommt.
Inwiefern sollten Arbeiterkinder weder Freinfühligkeit noch Toleranz mitbringen?
Wieso sind Schüler der AKS schon immer bildungsfern gewesen? Irgendwie muss die Empfehlung zum Gymnasium zustande gekommen sein.
All das, was Sie an der AKS kritisieren, muss man leider an Ihnen feststellen.

Ich bin auch ein Arbeiterkind, das an der AKS Abitur gemacht hat. Ich ging gerne dort zur Schule, Arroganz und Versnobtheit wie an anderen Schulen fehlten hier zum Glück. Heute bin ich selbst Akademikerin mit einem exzellenten Hochschulabschluss. Kann also alles nicht so verkehrt gelaufen sein damals...
Meine Kinder würde ich übrigens jeder Zeit ebenfalls auf diese Schule schicken - mit oder ohne behinderten Kindern.

05.02.2011
18:24
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von Svenskman | #5

Ich finde die Idee, behinderte Schüler in ein Gymnasium aufzunehmen, begrüßenswert. Fraglich ist allerdings, ob solch ein Projekt ausgerechnet an der AKS Erfolg hat. Denn diese Schule war schon immer ein Sammelbecken für Schüler aus der bildungsfernsten Schicht und hatte infolgedessen schon immer den schlechtesten Ruf unter den Essener Gymnasien. Seit Jahrzehnten rekrutiert sich die Schülerschaft hauptsächlich aus dem Arbeitermilieu (kaum Kinder aus Akademikerfamilien). Ob man von dieser Klientel die notwendige Feinfühligkeit und Toleranz gegenüber Behinderten erwarten kann, ist mehr als zweifelhaft. Schon während meiner eigenen neunjährigen Leidenszeit an der AKS in den 70er und frühen 80er Jahren habe ich erlebt, wie die Schüler aus diesen Kreisen an dieser Schule ihre Primitivität und Brutälität ausgelebt haben. Dem stand ein Lehrpersonal gegenüber, das - insbesondere was die pädagogischen Fähigkeiten anging - total unterqualifiziert war und infolgedessen dem Schülermob entweder hilflos oder seinerseits aggressiv gegenübertrat. Ich kann nur hoffen, daß in den letzten Jahren zumindest die Qualität der Lehrer zugenommen hat, denn sonst ist das neue Projekt zum Scheitern verurteilt.

05.02.2011
11:39
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von tenzin | #4

Die Versprechen, kleine Klassen zu garantieren sowie die Bildungsstandards nicht zu senken, wurden auch an mehreren Essener Hauptschulen gegeben - und allesamt gebrochen. Bezahlt haben diese Experimente letztlich die nicht behinderten Kinder. An der AKS wird es genauso kommen.

05.02.2011
00:22
Essener Gymnasium öffnet sich für Behinderte
von new_kid92 | #3

Ich als Schüler der AKS finde es prima. Es profitieren beide Seiten: Einmal die Behinderten, aufgrund der normalen Förderun, aber auch die AKS, die ihr Image ein bisschen aufpolieren kann.

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