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Toiletten-Mangel

Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette

22.07.2012 | 18:51 Uhr
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
Wohin, wenn ein Kind zur Toilette muss? Janine Nölke und ihrer Tochter Emelie machten schlechte Erfahrungen.

Essen.  Mehrere Geschäfte in Essen-Borbeck zeigten einer Großmutter und ihrer Enkelin die kalte Schulter, als die Kleine mal dringend musste. Der Toilettengang sei Kunden vorbehalten, heißt es auf Nachfrage. Juristisch ist das okay - aber ist es auch menschlich?

Janine Nölke ist geschockt: Ihre Mutter war mit ihrer Tochter (5) in Borbeck unterwegs. Als das Kind dringend zur Toilette musste, habe sie niemand hereingelassen.

„Meine Mutter hat eine Pizzeria angesteuert“, sagt Janine Nölke. „Nä, wir haben keine Toiletten“, habe die Antwort gelautet. Die Großmutter eilte zum Selbstbedienungs-Bäcker, weil das Kind kaum noch habe einhalten können. Die Reaktion: „Geht jetzt nicht, ich habe gerade geputzt. Da hätten sie zehn Minuten früher kommen müssen“. Auch der dritte Versuch der zunehmend empörten Großmutter in einer Spielhalle endete negativ: „Hier ist alles erst ab 18, auch der Toilettengang.“

Spielhalle: kein Zutritt für Kinder

Bei allem Verständnis, was solle das Kind denn sehen, was es nicht sehen darf, schüttelt die Mutter den Kopf. In jeder Pommes-Bude stehe doch ein Spielautomat. „Das Risiko für die Aufsicht ist zu groß, denn es können Geldbußen drohen“, erklärt eine Mitarbeiterin der Spielhalle auf WAZ-Nachfrage. Es gebe wegen des Jugendschutzgesetzes durchaus Kontrollen des Ordnungsamts. Kunden des Borbecker Wochenmarktes hingegen lasse man in der Spielhalle aufs WC, sie selbst kenne das Problem beim Warten auf die Straßenbahn warte: „Wo sollen die Leute hin?“

Beim Bäcker erklärt der Verkäufer, ihre Toilette sei nur für Kunden und Notfälle. „Wer zahlt sonst die Wasserkosten, wenn zu Marktzeiten unzählige Leute kämen?“ Dass Emelie nicht zur Toilette durfte, habe daran gelegen, dass das WC mit Putzmittel eingeschäumt gewesen sei. Und in der Pizzeria gilt auf Nachfrage: Nur für Kunden.“

Öffentliche Toiletten
Die Not ist groß - zu wenige öffentliche Toiletten in Essen

In Rüttenscheid, Steele und in der Gruga ringen Bürger und Politiker mit der Stadt um die Wiederöffnung von WC-Anlagen. Seitdem die Stadt 1994 alle städtischen Toiletten aus Geldnot geschlossen hat, prangern Bürger und Bezirkspolitiker diesen Missstand an. Die Not ist groß.

„Das habe ich auch schon erlebt, als ich damals hochschwanger eine Toilette suchte“, mischt sich eine Borbeckerin ins Gespräch an der Marktstraße ein, als wir dort Janine Nölke und Tochter treffen. Auch ihr habe niemand geholfen: „Ich musste nach Hause fahren.“

„In jedem Laden hätten wir mit Sicherheit Wasser für einen durstigen Hund bekommen, aber ein Kind Pipi machen zu lassen, ist nicht möglich“, sagt Janine Nölke fassungslos. Das sei ja auch kein Einzelfall. Die Großmutter war letztendlich gezwungen, „die Enkelin in der Öffentlichkeit abzuhalten. Das ist unmenschlich.“

Das findet auch Jürgen Bessel, Inhaber eines Optiker-Geschäfts an der Gemarkenstraße und Vorstands-Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes: „Das ist doch eine Bürgerpflicht.“ Er verwehre niemanden, den Zugang zu seiner Toilette, „dafür gibt es doch keinen Grund.“ Bessel kann sich allerdings vorstellen, dass die Toilette etwa einer Apotheke aus Sicherheitsgründen tabu sein müsse.

Pinkel-Knöllchen droht auch noch

„Rein rechtlich gibt es kein Gesetz, dass einen Ladeninhaber verpflichtet, seine Toilette für Nicht-Kunden zugänglich zu machen“, sagt Christiane Behnke, Wirtin und Mitglied der Essener Gruppe des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Das sei nur ein „hartnäckiges Gerücht“. Aber auch sie sagt: „Ich würde niemanden verwehren, die Toilette zu nutzen.“

Umfrage
Mehrere Geschäfte haben ein fünfjähriges Mädchen nicht auf die Toilette gelassen . Können Sie die Geschäfte-Inhaber verstehen?
 

Zumal es für die Großmutter hätte teuer werden können: Ein Pinkelknöllchen der Stadt kostet 50 Euro, mit etwas Glück kommt man mit einer mündlichen Verwarnung davon: „Es ist eine Einzelfallentscheidung, mit der die Kollegen feinfühlig umgehen müssen“, sagt Stadt-Sprecherin Renate Kusch.

Eine Ordnungswidrigkeit ist es allemal, auch ein Polizist hätte das mit 50 Euro ahnden können. Aber Sprecherin Tanja Hagelüken sagt: „Ich kann es mir nicht vorstellen, denn die Kollegen entscheiden nach Verhältnismäßigkeit und mit Fingerspitzengefühl.“ Hier habe ja niemand wild gepinkelt, weil er zu faul war, eine Toilette aufzusuchen. Im Gegenteil. „Was auf der Strecke geblieben ist, ist die Menschlichkeit“, klagt Janine Nölke.“

Dominika Sagan



Kommentare
09.09.2012
15:49
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Tulpe74 | #67

Also wenn man so etwas schon bringt, dann bitte auch richtig.
Es gibt in der Nähe der Post in Borbeck eine öffentliche Toilette, gegenüber ist eine Wirtschaft die zwar 50cent für nicht Gäste nimmt, aber dem Toilettengang steht nichts im Wege.
Im Kaffee Schneider darf man auch mal zur Toilette wenn man anständig fragt.
So unfreundlich sind die Borbecker nämlich nicht.

26.07.2012
10:35
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von drberger | #66

Erst einmal vorweg,
der WAZ Gruppe muß es ja finanziell sehr gut gehen, eine ganze Seite über dne Versuch eine Toilette aufzusuchen!?
Versuchen Sie mal eine gansseitige Werbung kostenlos zu bekommen!
Wie groß muss das Sommerloch da wohl sein?

Zur Sache: In unserem Autohaus fragte mal ein "ordentliches Paar" ob sie die Kundentoilette benutzen dürften!?
Selbstverständlich- wäre auch ohne Nachfrage nicht verwehrt worden.
Ich beschreibe den Zustand danach nicht, aber eigentlich war die danach nötige Reinigung für jeden unzumutbar!

1 Antwort
zu #66
von juppko | #66-1

so weit war man schon bei #40 ff

25.07.2012
01:50
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Xavinia | #65

Essen-Borbeck ist doch nur genau so stur, wie woanders auch. Als wir in Bremerhaven Urlaub machten, war es auch unmöglich, eine Toilette fürs Kind zu finden. Auskunft: Nur für Kunden. Wie oft wir unfreiwillig Kunden von Eisdielen, Pizzerien und Konditoreien wurden, haben wir nicht mehr gezählt. Fazit: SO kann man natürlich Eltern von "müssenden" Kindern auch unter Druck setzen, Geld auszugeben, wo es, menschlich gesehen, völlig unnötig gewesen wäre.
Feine Gesellschaft in Deutschland...

24.07.2012
10:02
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von ooyooy | #64

Schade nur, dass in dem Kommentar der WAZ- Redakteurin in der Druckausgabe alle
Borbecker Geschäftsleute unter Generalverdacht gestellt werden.
"Die Borbecker Geschäftsleute haben eine Chance vertan " usw.
So kann man einen Standort, der um sein Überleben kämpft auch kaputt machen.
Wenn immer mehr Geschäfte schliessen müssen, gibt es ja dann vielleicht auch wieder weniger Werbung in der WAZ.

24.07.2012
09:47
Sommer-WAZ
von Ente | #63

Heute werden in der WAZ die Online-Kommentare abgelichtet. Ebenso äußert sich eine Redakteurin zu diesem brisanten Pippi-Thema. Fazit: So krisse dat Reklame-Blatt auch voll. WAZ, da lernse wat.

24.07.2012
09:34
50 EUR fürs Wildpinkeln? Gilt das auch für Hunde(-Halter)?
von der_gehetzte | #62

Oder hat man hier als Mensch weniger Rechte als einn Hund?

1 Antwort
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Tulpe74 | #62-1

Wenn man seinen Hundkot nicht entfernt, kostet das ebenfalls 50 Euro.

24.07.2012
09:18
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von mimi012 | #61

Meine Tochter ist mittlerweile 8 und ich kenne das Problem auch sehr gut. Ich verstehe nicht, warum man nicht ein kleines Kind mit zur Toilette mitnehmen kann. Wenn ein Erwachsener muss, dann kann er einhalten, aber Kinder? Da wollen die Geschäfte Kundenorientiert sein und bei solchen Dingen funktioniert das nicht, Beispiel der neue Deichmann in der Stadt, das ist ein riesen Laden, aber keine Kundentoilette. Wir waren auch schon darin, als meine Tochter zur Toilette musste, die Antwort : Wir haben keine Toilette. Also sind wir gegangen und haben keine Schuhe gekauft. Wäre eine Möglichkeit da gewesen, hätten wir mit Sicherheit noch eine Weile da verbracht. Ich glaube es mittlerweile mehr Möglichkeiten für Hunde ihr Geschäft zu verrichten, als für Kinder eine Toilette. Armes Kinderfreundliches Essen.

2 Antworten
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Otto99 | #61-1

Glauben Sie mir: Auch Erwachsene können nicht immer einhalten!

Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Galgofan | #61-2

Hallo mimi012! Ich weiß nicht, was das mit Hunden zu tun hat und kinderfreundlich sind viele Geschäftsinhaber in Essen offensichtlich nicht, sondern kinderfeindlich!

24.07.2012
07:36
@59,dann...
von mspoetnik | #60

tun Sie das.Aber lassen Sie alle anderen selbst entscheiden.

1 Antwort
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Otto99 | #60-1

Genau

23.07.2012
22:21
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von meinungmalanders | #59

HEXHEX41, sehr guter Kommentar und guter Schlusssatz!!!!

Finde wir sollten uns anschließen und diesen Blog hier schließen!
Es war eine anregende und aufregende Diskussion. Man sollte sich nun wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben widmen und vor allem den Sommer genießen!!!

23.07.2012
21:27
Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Frankfurter | #58

Partik | #52, nochmals, Wirte, Cafebesitzer usw. möchten nicht das ihre Lokale als öffentliche WC genutzt werden. Die wollen nicht das da Leute permanent rein und raus gehen. Die 50 Cent nehmen sie nur ab zu schrecken.

Wegen der 50 Cent kommt ja kaum jemand.

2 Antworten
zu # 58
von juppko | #58-1

Kann mal jemand diesen Unsinn von #58 und von mir aus auch diese Antwort löschen. Nicht dass # 52 wieder anfängt. Finde #57 ist ein schöner "SchlussSatz" zu allen Kommentaren.

Danke.

Essener Geschäfte ließen Fünfjährige nicht auf die Toilette
von Galgofan | #58-2

Hallo Frankfurter,
es handelte sich hier um ein fünfjähriges Mädchen und nicht um Leute, die permanent Geschäfte betreten, um die Toilette aufzusuchen. Darum ging es nämlich nicht, dass ständig Toiletten von Nichtkunden aufgesucht werden, sondern um einen Einzelfall. Sicher ist es Sache der Geschäftsbetreiber da großzügig zu verfahren, hat aber auch mit Menschlichkeit zu tun und muss von den Geschäftsbetreibern auch nicht an die große Glocke gehängt werden.

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