Das aktuelle Wetter Essen 27°C
Bürgerwehr

Essener Bürgerwehr tritt erstmals am Rosenmontag in Aktion

01.02.2016 | 06:00 Uhr
Essener Bürgerwehr tritt erstmals am Rosenmontag in Aktion
Am Rosenmontag tritt erstmals auch die Bürgerwehr in Essen in Aktion.Foto: Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services

Essen.   Unter dem neuen Namen „Wir für Essen“ wollen die 40 Mitglieder beim Karnevalsumzug in Essen das erste Mal für Ordnung und Sicherheit sorgen.

Bei der heftig umstrittenen Gründung vor einer Woche nannten sie sich noch „Bürger(Wehr) Essen“. Inzwischen hat sich die Initiative einen moderat klingenden Namen verpasst: „Wir für Essen“ mit einem Smiley dahinter. Nichts geändert hat sich an den ursprünglichen Zielen, nämlich in der Stadt für mehr Sicherheit und Ordnung zu sorgen und insbesondere Straftaten zu verhindern. Jetzt steht auch fest, wann der umstrittene Freiwilligenverband zum ersten Mal öffentlich in Aktion treten wird: an Rosenmontag. „Wir werden am Karnevalsumzug auf der Martinstraße im Einsatz sein“, sagt „Wir für Essen“-Sprecher Heiko Scheidereiter unserer Redaktion.

Details würden aber erst am Tag selbst mitgeteilt, heißt es abwehrend. Fest stehe bisher, dass etwa 40 Mitglieder der Gruppe – Männer und Frauen – zum Einsatz kämen. Auf ein einheitliches Erscheinungsbild werde Wert gelegt. „Wir tragen orangefarbene Pullover, um uns abzuheben“, teilt der Sprecher mit.

Polizei ist strikt gegen Bürgerwehren

Das Thema Bürgerwehr kocht seit den skandalösen Übergriffen und Vergewaltigungen in der Silvesternacht von Köln überall im Lande hoch. Mit der Rosenmontags-Aktion will „Wir für Essen“ ein klares Zeichen setzen. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, betont ihr Sprecher.

Den Polizeien im Land – auch der in Essen – sind Bürgerwehren ein Dorn im Auge. Allein schon ihre Existenz verbreitet die ätzende Botschaft, dass Polizei und Justiz angeblich zu lasch, zu nachgiebig und zu ohnmächtig auf die Bedrohung durch kriminelle „Antänzer“ reagiere. „Die Polizei in Essen ist strikt gegen Bürgerwehren, wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge“, stellt Sprecher Marco Ueberbach unmissverständlich klar. Von vornherein untersagen kann die Polizei die Aktion der Essener Bürgerwehr allerdings nicht. Einschreiten müsste sie erst dann, wenn sich die Gruppe hoheitliche Aufgaben anmaßen und das Gewaltmonopol des Staates infragestellen würde. „Wir werden ganz bestimmt ein Auge draufhaben“, heißt es.

Auffällige Verbindungen der Bürgerwehren

Um Missverständnissen vorzubeugen, betont das Präsidium: Gegen den aufmerksamen, sicherheitsbewussten und besonnenen Bürger, der verdächtige Vorkommnisse umgehend der Polizei melde, sei überhaupt nichts einzuwenden. „Wir brauchen den Bürger und seine Beobachtungen“, bekräftigt Sprecher Ueberbach. Doch zugleich warnt er in gefährlichen Situationen vor Übermut und erst recht vor Selbstjustiz durch selbsternannte Freiwilligenverbände. „Diese Leute sind nicht entsprechend ausgebildet und ausgerüstet, daher gefährden sie andere und sich selbst.“ Sein dringender Appell: „Im Notfall immer den Polizeiruf 110 alarmieren.“

Die Etikettierung als Bürgerwehr lehnt der „Wir für Essen“-Sprecher ab, der Begriff sei falsch gewählt gewesen. „Wir wollen nicht Angst und Schrecken verbreiten, sondern nur für Sicherheit sorgen.“

Karneval
Das sind die Essener Karnevalsumzüge 2016

In Heisingen und Freisenbruch fällt der Karneval in diesem Jahr aus. Dennoch: In sechs Essener Stadtteilen finden Umzüge statt. Eine Übersicht.

Was das Unbehagen gegen Bürgerwehren befördert, sind ihre auffälligen Verbindungen zum Rechtsextremismus, zu Neonazis und zur Hooligan-Szene. Die in Essen gegründete Initiative hat sich aber demonstrativ von „Fremdenfeindlichkeit und jeglichem Extremismus“ distanziert. Sie verteidigt auch das Asylrecht für politisch Verfolgte und Menschen aus Kriegsgebieten. „Wir sind kein Haufen von Schlägern oder Neonazis, sondern lediglich besorgte Bürger“, sagen sie.

200 Mitglieder zählende Facebook-Gruppe

Unperfekthaus-Inhaber Reinhard Wiesemann, inspiriert von US-amerikanischen „Nachbarschafts-Beobachtern“ und „Schutzengel“-Initiativen, hatte der frisch gegründeten „Bürger(Wehr) Essen“ vor einer Woche in seinen Räumlichkeiten noch ein Forum geben wollen. Allerdings entfachte er mit dieser unerwarteten Form der Solidarisierung einen Sturm der Entrüstung nicht nur in der linken, grün-alternativen Szene. Das Treffen fiel aus, das Unperfekthaus musste sogar einen Tag schließen.

Max Adelmann, Sprecher von „Essen stellt sich quer“, weist darauf hin, dass einer der maßgeblichen Köpfe der Essener Bürgerwehr einst der berüchtigten Dortmunder Skinhead-Rockband „Oidoxie“ („Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht“) angehört habe.

Details über das Innenleben oder gar die tatsächliche politische Ausrichtung von „Wir für Essen“ zu erfahren, gestaltet sich schwierig. Es handelt sich um eine geschlossene, über 200 Mitglieder zählende Facebook-Gruppe. Ein Insider berichtet lediglich von „Verwerfungen und Austritten“ und sagt: „Da ist im Moment viel in Bewegung.“

Gerd Niewerth

Mehr zum Thema
In Essen will jetzt eine Bürgerwehr auf die Straße gehen
Bürgerwehr
Besorgte Bürger wollen sich Freitag an einem ungewöhnlichen Ort treffen: im Unperfekthaus. Dessen Gründer unterstützt die Initiative.
„Bürgerwehr“-Gründung – Unperfekthaus schließt am Freitag
Unperfekthaus
Inhaber Reinhard Wiesemann sieht wegen der geplanten Demo die Sicherheit gefährdet. „Bürgerwehr“-Gründer sagen Treffen offenbar ab.
Reinhard Wiesemann entschuldigt sich für Wortwahl
Unperfekthaus
In einer E-Mail hat der Unperfekthaus-Gründer nochmals Stellung zur Kritik der vergangenen Tage bezogen. Zwei Begriffe bezeichnete er als Fehler.
Wiesemann: „Gegen Nazis und selbsternannte Gutmenschen“
Bürgerwehren
Reinhard Wiesemann sah sich gezwungen, das Unperfekthaus am Freitag zu schließen. Polizei und Ordnungsamt gegen sind gegen Bürgerwehren.
NRW-Innenminister Jäger: Bürgerwehren behindern die Polizei
Bürgerwehren
NRW-Innenminister Ralf Jäger sieht sich bildende Bürgerwehren skeptisch. Demnach organisieren sich dort Rechtsextremisten, Hooligans und Rocker.
So gefährlich sind Bürgerwehren für die Gesellschaft
Kriminalität
Derzeit bilden sich verstärkt Bürgerwehren. Was treibt die Menschen an? Welche Gefahr geht von ihnen aus? Ein Gespräch mit Kriminologe Thomas Feltes.
Aussteiger berichtet von chaotischen Zuständen in Bürgerwehr
Bürgerwehr
Aussteiger der Düsseldorfer Bürgerwehr sieht unkalkulierbares Risikopotential bei der Organisation: Auch rechte Mitglieder hätten sich angeschlossen.
Funktionen
Fotos und Videos
Besuch im Frischeparadies
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
Brand über dem Café Ruhrblick
Bildgalerie
Feuerwehr
Gast im Müllheizkraftwerk
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
Besuch im Essener Dom
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
article
11513458
Essener Bürgerwehr tritt erstmals am Rosenmontag in Aktion
Essener Bürgerwehr tritt erstmals am Rosenmontag in Aktion
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/essen/essener-buergerwehr-tritt-erstmals-am-rosenmontag-in-aktion-id11513458.html
2016-02-01 06:00
Bürgerwehr, Essen, Sicherheit, Polizei, Karneval
Essen