Essener Bürgerstiftung sucht Lokalpatrioten mit Kapital
02.02.2012 | 19:58 Uhr 2012-02-02T19:58:00+0100
Essen. Mit Euphorie und Tatendrang ging vor einem Jahr die Bürgerstiftung „Essen tut gut“ an den Start. Doch die Geldgeber fehlen. „Wir haben es uns nicht so schwierig vorgestellt, Bürger für die Stiftungsidee zu begeistern“, sagt die Chefin der Ehrenamt Agentur.
„Essen hat Kapital – vor allem soziales“ steht in fetten Lettern auf der Internetseite von „Essen tut gut“ . So heißt seit einem Jahr die Stiftung für bürgerschaftliches Engagement. Ideen, wofür die Zinsen ausgegeben werden könnten, hätte Janina Krüger alle Male. Wenn es denn genug Zinsen gäbe. Krüger sitzt als Chefin der Ehrenamt Agentur mit OB Reinhard Paß und weiteren Essenern im Kuratorium von „Essen tut gut“.
Tatendrang hat sie genug – woran es Krüger mangelt, ist das notwendige Geld . Gegründet wurde die Stiftung mit der Mindesteinlage von 25.000 Euro. NRZ-Herausgeber Heinrich Meyer steuerte über die Rheinisch-Westfälische Verlagsgesellschaft mbH weitere 15.000 Euro bei. Dazu kommen einige wenige Kleinspenden. Doch damit enden die Kontoeingänge.
Kaum einer will mitmachen
„Wir haben es uns nicht so schwierig vorgestellt, Bürger für die Stiftungsidee zu begeistern“, sagt Krüger. Den Grund, warum trotz persönlicher Gespräche, einem Internetauftritt und Broschüren kaum einer mitmachen will, sieht sie in der Eitelkeit der Gesellschaft: „Wer Geld an eine Stiftung gibt, will oft, dass sein Name oder der seiner Firma im Namen der Stiftung auftaucht.“ So soll sein Andenken für die Nachwelt bewahrt werden. Das in der Satzung festgeschriebene Stiftungsziel, „bürgerschaftliches Engagement und Partizipation unterstützen und gemeinnützige Maßnahmen fördern“, wirkt da eher als Mittel zum Zweck.
Bei guter Zinslage kann „Essen tut gut“ pro Jahr 1500 bis 2000 Euro ausschütten – „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Janina Krüger. Gerne würde sie Geld für Projekte und Aktionen verteilen, an die Ehrenamt Agentur und andere soziale Träger, Organisationen und Vereine. Aber wie? Krüger: „Wir müssen auf den Prüfstand stellen, wie wir zukünftig Bürger und Firmen ansprechen wollen.“ Vor allem große Unternehmen würden sich mit Zustiftungen eher bedeckt halten. Krüger: „Sie haben meistens eigene Stiftungen, in die ihr Geld fließt und in denen sie entscheiden, was mit Erträgen passiert.“ Bei Essens Stiftung entscheidet das siebenköpfige Kuratorium, dem Paß vorsitzt, wer und was gefördert wird. Verwaltet wird „Essen tut gut“ treuhänderisch von der Stadt.
Vorbilder von nebenan
Um die Stadtgesellschaft mit dem Zustiftungs-Virus zu infizieren, lohnt ein Blick über die Stadtgrenzen – nach Bottrop, Mülheim und Duisburg. Dort gibt’s schon länger Bürgerstiftungen, die anders organisiert sind. „In einer Stiftung will man etwas von sich weiter leben lassen“, sagt Hans Christoph von Rohr. Der Rechtsanwalt gehört dem Stiftungsrat der Mülheimer Bürgerstiftung an, berät und überwacht den Vorstand, wie in einem Verein.
Wer bei den Nachbarn zustiftet, darf mitentscheiden und identifiziert sich so mit der Sache. Dass bei „Essen tut gut“ kein ähnliches Gremium vorgesehen ist, beklagte von Rohr bereits vor der Gründung und sprach sogar von einem „Kardinalsfehler“. Dass „Essen tut gut“ bislang keine Unsummen ausschütten kann, weiß auch Krüger: „Gut Ding will Weile haben.“ OB Paß hat nun angekündigt, bei der lokalen Wirtschaft die Werbetrommel zu rühren. Da bleibt abzuwarten, ob die Kontoeingänge nächstes Jahr üppiger ausfallen.
Zustifter werden
Wer die Stiftung für bürgerschaftliches Engagement „Essen tut gut“ mit kleinen oder großen Beträgen unterstützen will, kann sich per Überweisung unter dem Verwendungszweck „Zustiftung“ beteiligen. Konto 295 030, BLZ 360 501 05 bei der Sparkasse Essen. Infos gibt es bei Janina Krüger unter 839 149 89 und auf: www.stiftung-essen-tut-gut.de
Aufpassen, dass das Vermögen nicht stiften geht
Sicherheit geht vor Ertrag – so lautet die Devise bei den 34 rechtlich unselbstständigen Stiftungen, die die Stadt betreut. Verzinsung des Kapitals liegt bei 4 bis 4,5 Prozent.
Gutes tun, nicht einmal, sondern auf Dauer, nicht nur ein Leben lang, sondern darüber hinaus: Das ist die Grundidee von Stiftern – ob sie nun den weltweit klangvollen Namen Alfred Krupp tragen oder den der Eheleute Beckers, ob sie vor allem Multiple Sklerose-Kranke im Blick haben, „alte Menschen und Tiere“ oder den künstlerischen Nachwuchs unter Folkwangs Fittichen. Insgesamt 34 rechtlich unselbstständige Stiftungen mit einem Kapital von zusammengenommen etwa 75 Millionen Euro betreut die Stadt Essen als so genanntes „Sondervermögen“.
Eine chronisch klamme Stadt
Das mit dem Sondervermögen betont Clemens Stoffers noch einmal ausdrücklich, denn als Chef des Vermögens- und Schulden-Managements in einer chronisch klammen Stadt möchte er jeden Eindruck vermeiden, als könnte sich die Stadt da ungerechtfertigterweise zum Stopfen anderweitiger Haushaltslöcher bedienen.
Das tut sie nicht, im Gegenteil: Keinen Cent Gebühr kassieren Stoffers und Co. für die Vermögens-Verwaltung, die den Stiftungszwecken immerhin einen einträglichen Zins zwischen 4 und 4,5 Prozent beschert.
Wie das möglich ist in Niedrigst-Zinsphasen wie dieser? „Wir suchen Anlagemöglichkeiten zwischen Flensburg und Oberstdorf“, sagt Stoffers, und zwar ausdrücklich nur solche, die der Einlagensicherung unterliegen und dem Motto „Sicherheit geht vor Ertrag“ genügen. Dabei werden die Anlagen oft gebündelt, denn „wenn man statt 500.000 Euro gleich 5 Millionen Euro anlegen kann, gibt das einen besseren Zins“, so Stoffers, dessen Abteilung die Beträge üblicherweise auf zehn Jahre festlegt. Und dies tranchenweise in einem rollierenden System, damit nicht irgendwann das ganze Stiftungskapital in einer Tiefzinsphase neu angelegt werden muss.
Geringe Spielräume
Ein Vermögensverzehr darf dabei nicht eintreten, und weil die Inflationsrate – sei sie noch so gering wie derzeit – an der Kaufkraft des Stiftungskapitals knabbert, sieht man im Rathaus zu, dass aus den Erträgen zunächst diese Inflation ausgeglichen wird, das Stiftungskapital zahlenmäßig also wächst. Erst danach werden die Stiftungszwecke bedient, das übernehmen dann die jeweils fachlich versierten Bereiche der Stadtverwaltung.
Dabei gibt es Spielräume, aber geringe: Mag man einen bestimmten Verwendungszweck auch noch so förderungswürdig finden – Geld gibt’s für die jeweilige Stiftung nach Maßgabe der anfallenden Zinsen, am meisten übrigens für die beiden großen Stiftungen über zehn Millionen Euro Kapital, die „kleine“ Krupp-Stiftung und die Stiftung fürs „Hospital zum Heiligen Geist“. Andere Stiftungen haben nur 25.000 Euro Kapital. Ausschüttung dort im Jahr: 1125 Euro.
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