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Essener bringt Theaterschauspielern das Fechten bei

03.01.2013 | 19:25 Uhr
Essener bringt Theaterschauspielern das Fechten bei
Steigt auch mit 70 immer noch in den Theaterring: Fechtlehrer Klaus Figge beim „Peter Pan“-Training auf der Grillo-Bühne.Foto: Caroline Seidel

Essen.  Der Essener Kampflehrer Klaus Figge ist auch mit 70 Jahren immer noch gefragt, wenn es um die Fechtkunst auf deutschen Theaterbühnen geht. Der gelernte Sport- und Geschichtslehrer bekam in den siebziger Jahren einen Lehrauftrag an der Folkwang Hochschule. Heute gilt er als Bühnenlegende.

Vom „Fluch der Karibik“ zu Peter Pan ist es an diesem Morgen nur einen Stiefelsprung. Seit Jack Sparrow hat der zehnjährige Niklas nämlich ein präzises Bild von Piraten : „Die können tolle Kunststücke mit Säbeln.“ Und mit Piraten bekommt es „Peter Pan“ ja auch im Grillo-Theater zu tun. Niklas hat hohe Erwartungen. Kampftrainer Klaus Figge wird ihn nicht enttäuschen.

Vor über 40 Jahren begonnen

70 ist er inzwischen, aber von Waffenruhe kann bei Deutschlands immer noch meistbeschäftigtem Kampflehrer keine Rede sein. Im Sommer fordert Volker Lechtenbrink Figges Fechtkunst für die „Drei Musketiere“ heraus. Die Wormser „Nibelungen“ kommen nicht ohne Kampfanleitung aus Essen aus. Und auch das Grillo wird in der nächsten Spielzeit nicht auf den Mann verzichten, der vor über 40 Jahren mal in Borbeck als Sport- und Geschichtslehrer begonnen hat, bevor sein pädagogisches Vermögen im Hauen und Stechen Schule machte.

Generationen das Kämpfen gelehrt

Seither hat der drahtige Herr nicht nur Generationen von Schauspielschülern der Folkwang-Hochschule das Kämpfen gelehrt. Er ist erste Wahl, wenn auf den Bühnen zwischen Berlin und München die Klingen gekreuzt werden werden. Es muss ja nicht immer klassisch mit Degen sein. „Man kann sowas auch als Straßenkampf zeigen, mit Stangen“, schlägt Figge vor, „würde ich eher bei der West Side Story empfehlen.“

Nicht immer hören Regisseure freilich auf den erfahrenen Kampftrainer, weil der Ehrgeiz schon mal die Vernunft schlägt. Für „Next Level Parzifal“ hat sich Regisseur Sebastian Nübling mal vier Meter lange Stangen gewünscht. „Undenkbar“, hat Figge gesagt. „Am Ende haben wir 3.50 Meter geschafft.“ Figge lächelt, wenn er solche Geschichten erzählt. Theater lebt nun mal davon, den alten Geschichten immer wieder neuen Geist einzuhauchen. Klaus Figge bringt den nötigen Sport- und Kampfgeist mit.

So gut wie ausgebucht

Man könnte natürlich denken, dass in diesen postdramatischen Tagen mit Fechtkünsten und Fausthieben nicht mehr viel auszurichten ist. Stimmt aber nicht, Klaus Figge ist bis Herbst so gut wie ausgebucht. Und immer wieder trifft er dabei auf alte Bekannte. „Romeo und Julia“ natürlich, den Klassiker der Kampfkunst, hat er wohl an die 30 Mal choreographiert. Und immer wieder Hamlet. Angela Winkler hat er trainiert. Peter Jordan ist in der Rolle zur Hochform aufgelaufen. „Der Kampf war fast filmreif“, schwärmt Figge.

Anregungen aus Kino und Fernsehen

Anregungen aus Kino und Fernsehen findet Figge immer wieder. Aber im Theater gibt es nun mal keine Zooms und wilden Kamerafahrten. „Ich muss Schnitte und Perspektive durch andere Tricks herstellen“, Wie er die beherrscht, darüber staunt eine Stunde später nicht nur der kleine Niklas.

Sind Kinderstücke einfacher zu inszenieren? „Nein, es muss glaubwürdig bleiben“, sagt Figge und wird ein wenig streng mit Peter Pan: „Erst parieren, dann übertragen!“, mahnt er beim obligaten „Einfechten“, das vor jeder Vorstellung dazugehört. Und, hepp, folgt die Luftentwaffnung. Am Ende werden die Bösen hier aber auch mit Backpfeifen und Kaugummi-Blasen besiegt. Seit „Fluch der Karibik“ wissen wir, dass so ein Pirat auch ein rechter Depp sein kann.

Angefangen hat Klaus Figge als Sport- und Geschichtslehrer. Heute gilt er als Bühnenlegende. Wie es dazu kam? Figge, der Sportfechten in Köln studiert hat, nimmt in den 70ern einen Lehrauftrag für Bühnenkampf an der Folkwang Hochschule an. Rasch gibt es die ersten Aufträge von umliegenden Bühnen: Essen, Oberhausen, Düsseldorf. Mit Bruno Ganz als „Hamlet“ findet auch Figges Kampfkunst bundesweite Beachtung. Die Aufführung geht nach Berlin, „Romeo und Julia“ folgen.

Inszenierungen an der Wiener Burg

„Wenn was gut war, wird man halt weiter empfohlen.“ Und Figges Fights sind gut. Allein an der Wiener Burg hat er in den letzten Jahrzehnten 20, 30 Mal inszeniert. Er arbeitet mit Regiegrößen wie Peymann, Zadek, Neuenfels und Peter Stein. Er weiß, wie man Massen-Schlägereien durch Geräusche und Perspektiven so hinbekommt, dass nur die vordersten Schauspieler echte Backpfeifen kassieren müssen. Verletzungen hat es bei seinem Kampfunterricht, abgesehen von einer Platzwunde, bislang nie gegeben. Das Geheimnis seines Erfolges ist schließlich, Kämpfe so zu inszenieren, dass sie gefährlich aussehen, aber nie gefährlich sind. Und statt ausgeschlagener Zähne spuckt man am besten weiße Bohnen.

Martina Schürmann



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