Essen verspekuliert sich mit Schweizer Franken
31.08.2010 | 03:00 Uhr 2010-08-31T03:00:00+0200
Essen.Kritiker bezeichnen es als „Spekulationsgeschäft auf Kosten der Steuerzahler“: Das Finanzengagement der Stadt Essen mit Schweizer Franken sollte eigentlich Geld sparen, könnte nun aber einen zweistelliger Millionenverlust in der Bilanz bringen.
Auf sein Mobiltelefon hat sich Lars Martin Klieve, seit knapp einem Jahr Kämmerer der Stadt Essen, extra eine Spezialanwendung des Börseninfodienstes Bloomberg hochgeladen: Damit kann er das Auf und Ab des Euro an den internationalen Finanzmärkten minutengenau verfolgen.
Warum sich der 40-Jährige gelernte Bankkaufmann jetzt in Essen überhaupt mit chaotischen Kurs-Kurven herumplagen muss, liegt an einem dicken Finanzengagement der Stadt mit Schweizer Franken, das Kritiker als „reines Spekulationsgeschäft auf Kosten der Steuerzahler“ geißeln.
Billig Geld einkaufen
Als „Herr der Zahlen“, als Kämmerer der Stadt Essen, ist Klieve vor gut einem Jahr einstimmig vom Rat gewählt worden. Der Christdemokrat machte Abitur in Castrop-Rauxel, absolvierte eine Banklehre und ein Jura-Studium. Kämmerer war er bereits in Hürth und in Gelsenkirchen. Er lebt in Essen.
Damit wollte Essen eigentlich Geld sparen; jetzt aber droht der Stadt zwar erst einmal kein realer, aber ein buchhalterischer Bilanzverlust in zweistelliger Millionenhöhe.
Worum geht es? Wer wie die Stadt mit über drei Milliarden Euro verschuldet ist, bei dem müssen öfter alte Kredite durch neue abgelöst werden, die möglichst günstiger sein sollten. Billig Geld einkaufen kann man als Kämmerer, wenn man Kredite im japanischen Yen oder in Schweizer Franken aufnimmt. Hier liegt der Zins seit langem niedriger als bei Euro-Darlehen.
Die Krux: Bei der Aufnahme der Kredite muss man die Fremdwährung in Euro wechseln, bei der Ablösung der Kredite geht’s umgekehrt zu. Je stärker die Kursschwankungen zum Euro, desto größer ist beim Hin- und-Her-Geschäft das Risiko von Kursverlusten. „Die japanische Wirtschaft verharrt seit 20 Jahren in einer Deflationsphase, das ist mir zu unsicher, deshalb machen wir keine Geschäfte mit dem Yen, obwohl der Zins noch billiger ist als mit Franken“, sagt Klieve. Schon vor acht Jahren hatte sich die Stadt daher entschieden, Kredite nur in Franken aufzunehmen - ausdrücklich erlaubt durchs NRW-Innenministerium. Denn der Franken lag stets recht stabil zur D-Mark und zum Euro.
Schritt für Schritt hat die Stadt aber nun schon fast zehn Prozent ihrer Schulden in Franken aufgenommen: Fast 300 Millionen Euro. Durch den um 0,5 Prozentpunkte niedrigeren Zins spart man so 1,5 Millionen Euro im Jahr. Im Schnitt engagierte sich die Stadt, als ein Euro noch 1,50 Franken Wert war. Doch die Finanzwirren der letzten Zeit drückten den Euro tief ins Minus, aktuell erhält man für einen Euro nur 1,30 Franken, ein Abschlag von 15 Prozent.
„Ich werde da nicht panisch“
Würde Klieve also Franken-Kredite durch Euro-Darlehen ablösen, müsste er nun 15 Prozent mehr zahlen als er bekommen hatte. Insgesamt gerechnet käme man so auf mindestens 16 Millionen Euro Verlust - Zinsvorteil ade. „Aber das machen wir natürlich nicht. Wir verlängern die Franken-Kredite einfach in Franken weiter und genießen den Zinsvorteil“, sagt Klieve. „Ich werde da nicht panisch, sondern vertraue darauf, dass sich der Euro stabilisiert, und wir wieder über Wasser auftauchen.“ Sollte sich der Euro aber bis Jahresende nicht erholen, muss die Stadt erst einmal den Verlust bilanzieren und ausgleichen, da der Marktwert am 31. Dezember zählt.
Für Stadtkämmerer ein peinlicher Vorgang, doch diese befinden sich schon länger in der Zwickmühle: Sie müssen Kosten senken auch mit modernen Finanzinstrumenten, gehen dabei aber höhere Risiken ein. Wenn dann etwas schief läuft, steht ein Kämmerer schnell als Hasardeur dar.
So haben sich 2008 mit risikoreichen Spezial-Zinstausch-Derivaten („Spread-Ladder-Swaps“) die Städte Hagen mit 28 Millionen Euro, Remscheid mit 19 Millionen und Mülheim mit 6 Millionen ins Skandal-Minus manövriert. „Mir wurde so etwas schon als Gelsenkirchener Kämmerer angeboten: Wenn es gut geht, kann man viel Geld machen, wenn es schlecht läuft, rauscht es aber unglaublich in die Tiefe. Das ist zu heikel. Es geht schließlich um Steuergelder“, sagt Klieve.
SPD kritisiert spekulativen Derivat-Handel
Wie einfach war das für Kämmerer früher: Sie nahmen wie jeder Häuslebauer Darlehen mit einem sicher festgelegten Zins für zehn Jahre auf - und damit basta. „Doch letztendlich ist das auch eine Spekulation“, meint Klieve. Etwa, dass sich der Zinssatz am Markt nach Abschluss des Zehn-Jahres-Vertrages nicht deutlich verbilligt. Und zudem war es im Rückblick teuer: Die Kämmerer wären nach 1945 billiger gefahren, wenn sie ihre Kredite immer zu täglich variablen Zinsen eingekauft hätten, denn diese lagen im Schnitt sehr viel tiefer.
Deshalb nutzt die Essener Kämmerei Derivate, um längerfristig festgelegte höhere Zinsen in kurzfristige billigere zu tauschen. „Das ist ein gutes Geschäft bei angemessenem Risiko“, schätzt Klieve. Essen benutzt dabei zwar nicht die Abart der Zinstausch-Derivate, also die heiklen Spread-Ladder-Swaps, aber eben doch Swaps, nämlich die weniger risikobehafteten Basis-Swaps.
Was Kritiker wie den Rellinghauser SPD-Mann Peter Lankes auf den Plan ruft, der ein konservativeres Geschäftsgebaren fordert. Solch ein Derivathandel sei zu spekulativ und könne Verluste von bis zu 2,5 Millionen Euro pro Geschäft auslösen. „Da wird mit unserem Geld gespielt. Das darf nicht erlaubt sein.“
21:11
Das könnte aber eine ganz böse Überraschung geben. Der Schweizer Franken wird gegenüber dem Euro in Zukunft sicher nicht sinken, ganz im Gegenteil. Da könnten noch einige Milliönchen Schulden zu den bereits bestehenden dazukommen. Macht nichts, der Bankrott oder die Währungsreform wird den Zähler wieder auf Null stellen.
00:08
Das Ganze stellt sich eher als Probekopfrollen dar. Aber wozu? Wenn beim Bäcker die Brötchen mal zu hell oder dunkel sind, wird er auch nicht gleich erschossen. Ball flach halten!
23:08
Hey Leute, die Finanzdezernenten (Stadtkämmerer) entscheiden nicht selber, sie geben eine Empfehlung und der betreffende Stadtrat (oder Kreistag) mit seinem jeweiligen Finanzausschuss stellen hierfür die Weichen. Sie bestimmen !!!!!! was und wie es gemacht wird und nicht ein einzelner Dezernent.
Also haben die jeweiligen Stadtverordneten gewusst auf was für dünnem Eis sie sich bewegen. Der Kämmerer alleine hat keine alleinige Entscheidungsgewalt.
22:49
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21:55
WIe wärs denn mal mit Hohensyburg: beim einfachen Spiel (alles auf rot oder alles auf schwarz) gibt es doch eine 50% Chance.
Und wenns nicht klappt: der blöde bürger, der das alles nicht mehr vesteht, zahlts ja doch.
20:37
Ich bin zwar kein insider, wie # 22, verstehe auch nicht, daß mein Kommentar, war wohl # 20, durch Zensur gelöscht wurde und frage trotzdem, welche SPD denn gemeint
ist? . Der Gesamtsachverhalt ist doch keine Essener Spezialität. Ich meine es wirklich überparteilich:
gibt es den strittigen Sachverhalt nur in Essen?Handelt auch die CDU in jeder Kommune zu diesem Sachverhalt autonom? Gelten hier Essener Mehrheiten, bei Finanzverschuldung hilft dann, je nach Mehrheit im Landtag, eben das Land, indem dort neue Kredite aufgenommen werden. Hinweise auf Bundesbank usw. tragen doch eher zur Verwirrung bei, weil typischerweise der Föderalismus vorn steht, unter dem Föderalismus kochen dann in eigener Hoheit die Kommunen solche Süppchen....
17:52
Ist eigendlich für derartige Zockerei im Finanz-Casino nicht der vorherige Rat der Stadt Essen und der Finanzausschuss in nichtöffentlicher Sitzung verantwortlich?
Und der jetzige Rat darf hoffen das er nicht hoch verliert.
17:16
Der Kämmerer der Stadt Essen braucht da klar nicht panisch werden, sind ja nur Steuergelder in 2 stelliger Millionen Höhe die da verschwendet werden..........
15:21
Zur Aufklärung:
http://www.derwesten.de/staedte/essen/Stadt-Essen-verzockt-sich-mit-Schweizer-Franken-id3363497.html
Finanzen : Stadt Essen verzockt sich mit Schweizer Franken
Essen, 01.07.2010, Wolfgang Kintscher
Essen. Als Essen vor acht Jahren begann, Kredite in Schweizer Franken aufzunehmen, wollte sie eigentlich die Stadtkasse schonen. Die Euro-Schieflage zum Schweizer Franken bringt nun allerdings allein in 2010 schon 16 Millionen Euro Verlust.
Lars Martin Klieve dürfte dieser Tage ein besonderes Augenmerk auf das Kursverhältnis von Euro und Schweizer Franken haben. Nicht, dass der städtische Finanzchef seinen Urlaub in der Alpenrepublik plant – nein, es geht auch in diesem Fall um die städtischen Finanzen, oder genauer: um das womöglich bittere Ende einer guten Idee, die marode Stadtkasse zu schonen.
Son Schiet aber auch das er der Falsche ist als Verantwortlicher für die Frankennummer.
Aber ruhig mal beim OB an der Tür klopfen.
15:07
Ob der Stadtkämmerer Klieve für das Desaster mit der Franklinummer verantwortlich ist?
Finanzdezernent (Stadtkämmerer) Lars Martin Klieve ist der Nachfolger von Marius Nieland, der im Oktober 2008 nach schwerer Krankheit verstarb.
Er trat das verwaiste Amt des Kämmerers am 24. Juni 2009 an.
Vergessen schon die Lobhudelei der WAZ über Marius Nieland?
Bitte schön - hier nachzulesen unter
http://www.derwesten.de/staedte/essen/Mehr-als-ein-Kassenwart-id965928.html
Mehr als ein Kassenwart
Essen, 20.10.2008, Von Tobias Blasius
Marius Nieland, der am Samstag im Alter von nur 42 Jahren nach schwerer Krankheit verstarb, hat Essens Kämmerei mit dem analytischen Verstand eines Wirtschaftswissenschaftlers geführt.
Woanders bei der Konkurenz sah es auch nicht besser aus
http://www.rp-online.de/niederrheinsued/moenchengladbach/nachrichten/Sparen-in-100-Millionen-Schritten_aid_367579.html