Essen-Schuir ist eine Tankstelle für die Sinne

Gar nicht so weit draußen und trotzdem wunderbar still: Links und rechts der Wallneyer Straße in Essen-Schuir gibt es viele Plätze zum Durchatmen, Foto: Jörg Schimmel / WAZ Fotopool
Gar nicht so weit draußen und trotzdem wunderbar still: Links und rechts der Wallneyer Straße in Essen-Schuir gibt es viele Plätze zum Durchatmen, Foto: Jörg Schimmel / WAZ Fotopool
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Im ländlichen Schuir kann man lange wandern, ohne viele Menschen zu treffen. Genau das Rchtige bei aufkommender Sauerstoffnot im Essener Häusermeer. Folge 40 unserer Serie „Essen entdecken – 100 besondere Orte“.

Essen.. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, wenn ich das Häusermeer und den Straßenlärm nicht mehr ertrage und bleischwere Gedanken vom Wind wegpusten lassen möchte, dann fahre ich nach Schuir. Und drehe eine große Runde, die am Wetteramt beginnt, vorbei führt an Wiesen und Feldern zur Walter-Hohmann-Sternwarte und entlang eines glucksenden Bachlaufes nach knapp anderthalb Stunden wieder am Ausgangspunkt endet.

Eigentlich ist das hier noch gar nicht so weit draußen, dennoch ist die Stadt kaum irgendwo so wenig sicht- und spürbar wie in diesem landwirtschaftlich geprägten Gebiet zwischen Haarzopf, Bredeney, Werden und Kettwig. Ein weiter Himmel spannt sich über die abgeernteten Felder, die Augen finden kein Ende am Horizont. Schnurgerade bahnt sich die schmale Wallneyer Straße ihren Weg und verliert sich im Nirgendwo.

Teich mit Gänsen und Enten

Wochentags begegnet man nur selten Gleichgesinnten, ab und zu kreuzen Hund und Herrchen oder junge, stolze Reiterinnen den Weg. Links und rechts grasen Pferde auf den Weiden. Sie gehören zum alteingesessene Reitstall Beckmann, der auf einem der ältesten Gehöfte Essens untergebracht ist. Malerisch gruppieren sich die herausgeputzten Fachwerkhäuser um einen kleinen Teich, auf dem Gänse und Enten um die Wette paddeln. Kurz darauf ist das Hinweisschild zu sehen, das zu Essens einzigem Observatorium führt: 1969 wurde die Walter-Hohmann-Sternwarte von astronomisch interessierten Bürgern gegründet. Dafür hätten sie keinen besseren Ort finden können: Ungestört von den Lichtern der Großstadt und umgeben von totaler Ruhe können die Teleskope den Nachthimmel abtasten und das All erforschen. Schon elf Kleinplaneten wurden von den lokalen Sternenguckern entdeckt – und drei verlorene wiedergefunden.

Das ist Essen Knapp hinter dem Observatorium beginnt der Wald. Besser gesagt, ein kleines naturbelassenes Waldstück, mit einem murmelnden Bach, hohen Laubbäumen, undurchdringlichem Dickicht, Riesenpilzen und Riesenfarnen. Urwald in Essen – das vermutet nicht, wer zum ersten Mal hierher läuft. Besonders nach Regentagen sind die engen Hohlwege schlammig und man versinkt knöcheltief im Morast. Unterhalb liegen vom Sturm entwurzelte Bäume wie gefällte Riesen. Einige bilden eine natürliche Brücke über den Wolfsbach. Auch hier ist es, bis auf ein paar Vögel, still. So still, dass selbst Rehe sich früh morgens oder zur Dämmerung aus dem Unterholz trauen und mit großen Augen die Spezies Mensch betrachten.

Nur kurz dauert der Weg zurück in die Zivilisation: Die verbirgt sich in Bredeney hinter hohen Hecken und Zäunen. Ein Hund schlägt heiser an, wieder geht es vorbei an Wiesen und Feldern bis zu einem kleinen Hügel, wo unter einer Kastanie eine Bank einladend wartet: Eine gute Stelle, um kurz vor dem Ziel noch mal aufzutanken und die Sinne zu schärfen.

Alle Folgen der WAZ-Serie "Essen entdecken - 100 besondere Orte" finden Sie auf unserer Spezialseite zur Serie