Essen hat die größte Schulden-Schere im Revier

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Was wir bereits wissen
Die Zahl der überschuldeten Menschen in Essen steigt. Und es gibt gewaltige Unterschiede innerhalb der Stadt. Der Stadtkern und Heisingen sind die Pole im Ruhrgebiet.

Essen.. Essen schreibt im aktuellen Schuldenatlas der Auskunftei Creditreform gleich zwei Rekorde: Dass im Stadtkern der Anteil überschuldeter Personen mit fast 30 Prozent besonders hoch ist und damit sogar die Höchstmarke in ganz NRW erreicht, ist bekannt.

Auf der anderen Seite steht Heisingen. 4,6 Prozent der Erwachsenen dort können ihre Schulden nicht bedienen. Es ist die niedrigste Quote im gesamten Ruhrgebiet. Damit hat Essen laut Creditreform die größte Schere im Revier – und wenn man die Verschuldung als Maß nimmt – den größten Unterschied zwischen Arm und Reich.

Warum ausgerechnet die Stadtmitte so negativ heraussticht, dafür hat Creditreform keine rechte Erklärung. „Vielleicht liegt es am günstigen Wohnraum, vielleicht auch an Tendenzen, dass sich Gleiches gern zu Gleichem gesellt“, meint Philipp Böhme, Geschäftsführer bei Creditreform.

Essener Schuldenäquator A40

Wolfgang Huber von der Schuldnerhilfe kennt den Essener Schuldenäquator A40 aus seiner Arbeit. Der hochverschuldete Norden und der solvente Süden sind kein neues Phänomen. Würde man die Karte darüberlegen, wo in Essen die meisten Hartz-IV-Haushalte leben, wäre vieles deckungsgleich.

Die großen Unterschiede zwischen Nord und Süd überraschen Huber dagegen schon. Möglicherweise bildet der Schuldneratlas hier Verdrängungseffekte ab, meint er: Gutverdiener zieht es in den Süden, die Mieten steigen, weniger Betuchte ziehen weg – eine Spirale, die sich langsam in Gang setzt.

Arbeitslosigkeit ist der Hauptgrund für Schulden

Vor allem Arbeitslosigkeit ist der häufigste Grund, warum die Essener ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Allerdings ist eine Beschäftigung per se keine Garantie mehr, sein Schuldenproblem wieder in den Griff zu bekommen, hat Creditreform in der Untersuchung festgestellt. Denn viele Jobs sind prekär, das verdiente Geld reicht nicht aus. Das zeigt sich auch in Essen. Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in der Stadt ein neues Zehn-Jahres-Hoch. Gleichzeitig aber stieg die Zahl und somit der Anteil der überschuldeten Menschen weiter an. Essen rückte 2014 im bundesweiten Vergleich der Großstädte über 400 000 Einwohner auf den wenig ruhmreichen Platz 3 hinter Duisburg und Dortmund vor.

Böhme spricht von einer Folge des „Kaufrauschs“, der durch günstige Kredite und die neuen Möglichkeiten des Onlinehandels getrieben ist. Immer das neueste Handy, den neuesten Fernseher. „Viele scheitern an den Verlockungen der Konsumkultur“, meint Böhme.

Die Schuldnerhilfe kann sich über Nachfrage nicht beklagen. Im vergangenen Jahr suchten 1327 Essener erstmals die Beratungsstelle am Pferdemarkt auf. Das waren erneut mehr Neuzugänge als 2011, 2012 und 2013.

Gewinner in Essen

Postleitzahlenbereich Schuldnerquote
45259 (Heisingen) 4,62
45149 (u.a Haarzopf) 5,03
45134 (u.a. Stadtwald) 5,53

Verlierer in Essen

Postleitzahlenbereich Schuldnerquote
45127 (Stadtkern) 29,95
45143 (Altendorf) 22,71
45326 (Altenessen-Süd) 20,13

Schuldnerquoten im Ruhrgebiet (in Prozent)

Stadt/Kreis 2012 2013 2014
Ennepe-Ruhr-Kreis 10,55 10,66 10,81
Mülheim 10,74 10,61 10,91
Kreis Unna 11,04 11,26 11,43
Bottrop 11,32 11,09 11,48
Bochum 11,40 11,97 12,23
Kreis Recklinghausen 11,97 12,18 12,55
Essen 12,69 12,80 13,15
Oberhausen 13,41 13,53 13,98
Dortmund 13,86 14,01 14,26
Duisburg 15,26 15,36 15,86
Herne 14,92 16,04 16,60
Gelsenkirchen 16,24 16,23 16,78
Ruhrgebiet 12,94 13,14 13,49