Enttäuschender Auftakt der Einbürgerungskampagne in Essen
30.11.2011 | 18:47 Uhr 2011-11-30T18:47:00+0100
Essen. Mit einer Einbürgerungskampagne will die Stadt Ausländer überzeugen, Deutsche zu werden. Der Auftakt in Katernberg verläuft enttäuschend. 401 Essener Bürger mit türkischem Pass hat das Einwohneramt angeschrieben - gekommen sind jedoch nur zwei junge Frauen.
Es ist der offizielle Auftakt der Einbürgerungskampagne. 401 Essener Bürger mit türkischem Pass hat das Einwohneramt angeschrieben und für diesen Dienstagabend in die Katernberger Fatih Moschee eingeladen. 401 von 23 042 Ausländern, die alle Voraussetzungen dafür mitbringen, um Deutsche zu werden.
Um 18 Uhr soll Bürgermeister Franz-Josef Britz (CDU) die Kampagne eröffnen. Doch im Souterrain der Moschee, das die Gemeinde sonst als Jugendtreffpunkt nutzt, bleiben die meisten Stühle leer. Nur zwei junge Frauen sind der Einladung gefolgt.
„Motivierend ist das nicht.“
Muhammet Balaban schaut nervös auf die Uhr. Als Vorsitzender des Integrationsrates hat Balaban zuletzt keine gute Figur gemacht. Nun philosophiert er über die türkische Mentalität: „An Kaffee trinken haben wir uns gewöhnt, an Pünktlichkeit nicht.“ Britz macht aus seiner Enttäuschung über den geringen Zuspruch kein Hehl: „Motivierend ist das nicht.“
Oder war die Uhrzeit nur unglücklich gewählt? Pünktlich um 18 Uhr beginnt der Imam oben in der Moschee das Gebet. Hätten die Einladenden nicht darauf Rücksicht nehmen müssen? Erst als das Gebet beendet ist, setzen sich im Souterrain etwa 15 türkische Männer dazu. Es ändert nichts daran, dass die Resonanz auf die Einladung äußerst bescheiden bleibt. Wie ist das geringe Interesse zu erklären? „Vielleicht damit, dass es in Deutschland keine doppelte Staatsbürgerschaft gibt“, mutmaßt Bürgermeister Britz.
Ein klares Bekenntnis zu einem Land
Erst jüngst hatte seine Partei gemeinsam mit der FDP im Bundestag einen Vorstoß von SPD und Grünen, dies zu ändern, abgelehnt. Britz zeigt dafür Verständnis. „Ich persönlich halte es für richtig, sich für das eine oder für das andere zu entscheiden.“ Die Staatsbürgerschaft sei auch ein klares Bekenntnis zu einem Land.
Dass die doppelte Staatsbürgerschaft einem solchen Bekenntnis entgegen steht, bleibt eine These. Britz’ Erklärungsversuch deutet jedoch an, was sich im Verlaufe des Abends nur zu schnell bestätigen soll: In der gewählten Form greift die Einbürgerungskampagne deutlich zu kurz.
Es geht um Identität
Die Mitarbeiter des Einwohneramtes informieren über Formalitäten, die es zu beachten gilt, und über Vorteile, die eine deutsche Staatsbürgerschaft mit sich bringt - die freie Wahl von Arbeitsplatz und Wohnsitz zum Beispiel nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU. Dennoch sind die Herren und Damen vom Amt schon bald mit ihrem Latein am Ende. Denn beim Wechsel der Staatsbürgerschaft geht um mehr als um einen formalen Akt. Es geht um Identität, um Emotionen und Erfahrungen, die Ausländer ganz individuell in diesem Land gemacht haben.
„Meine Kinder sollen es in Deutschland leichter haben als wir es hatten“, sagt Ayse Yigit und deutet an, dass sie selbst nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat. Dennoch will sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Es sei eine zwiespältige Entscheidung. „Ich bin ja Türkin und will es auch bleiben.“ Geht das mit deutschem Pass?
„Man kann ja mehrere Länder lieben“, sagt Muhammet Balaban, der seine türkische Staatsangehörigkeit in den 90er Jahren für die deutsche aufgegeben hat und bei seinen ehemaligen Landsleuten dafür wirbt, es auch zu tun, um politisch mitgestalten zu können.
"Als Schwarzkopf diskriminiert"
„Was aber nützt mir ein deutscher Pass, wenn ich trotzdem als Schwarzkopf diskriminiert werde“, fragt Yilmaz Agisman. Und warum sollten türkische Jugendliche Deutsche werden, wenn sie wegen ihrer Herkunft keine Chance auf einen Ausbildungsplatz hätten, fragt ein Familienvater in die Runde. Die Erfahrung, dass sie mehr leisten müssen, um das gleiche Ziel zu erreichen, machen Migranten fast überall in der Welt. Wird es ihnen in Deutschland besonders schwer gemacht?
Die Einbürgerungskampagne gibt weder auf diese Frage eine Antwort, noch kann sie Versäumnisse der Integration wett machen, wo sie auch liegen mögen. Bestenfalls gibt sie ein Stimmungsbild wieder. „Einbürgerung? Na klar“ lautet der Titel der Kampagne. Die Stimmung an diesem Auftaktabend ist eine andere: Einbürgerung? Na und!
19:10
Ich werde zu den Menschen mit Migrationshintergrund gezählt. Auch wenn ich eine gebürtige Essenerin bin und quasi eine integrierte Person, wie es die Politik nennen würde, bin ich für alle immer noch eine Ausländerin. Ich hab keine dt. Bürgerschaft. Wahrscheinlich würde ich diese auch ohne lange Wartezeit sofort bekommen, aber ich möchte keinen. Daran ist ganz einfach die Politik und die Rechtslage schuld. In meinem Umfeld bin ich je nach Personenkreis türkisch oder deutsch. Ich gehöre zu beidem und beides gehört zu mir. Ich kämpfe mit meinen Anwälten und bekannten für die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich sehe es als mein eindeutiges Recht, auch wenns nach der politischen Meinung nicht so ist.
15:30
Wir Deutschen denken bei Integration immer an die Assimilation, deutsch werden, wenn es die Annahme der Staatsbürgerschaft geht.
Man stelle sich vor, die Afroamerikaner oder Hispanics sollten so werden wie die weißen Amerikaner. unvorstellbar.
Wir haben einfach das Problem, nicht einfach aus der Geschichte der "Gastarbeiter", deren Nachkommen hier in Deutschland dauerhaft leben, sagen zu können, "ihr seid Deutsche und ein Teil von Deutschland seid ihr".
Es wird nicht akzeptiert, dass - ob manche es wahrhaben wollen oder nicht - die Ausländer zu Deutschland gehören. Sie zahlen in D Steuern, sind in den gesetzlichen Sozialversicherungen.
13:09
Einbürgerungskampagne? Warum?
Wer sein Land verläßt um in einem anderen Land Fuß zu fassen, dort zu leben, zu arbeiten... all das, weil er dort auf ein besseres Leben hofft oder weil es ihm dort einfach besser gefällt als in dem Land aus dem er kommt, ist von sich aus bemüht sich zu integrieren. Immerhin: Integration bedeutet nicht Selbstaufgabe oder Aufgabe der eigenen Kultur etc. sondern Anpassung(!) an das Land, in dem man Gast(!) ist und in dem man vielleicht irgendwann mal Staatsbürger werden will.
Was soll also der Quatsch mit einer Einbürgerungskampagne und dem ständigen Bemühen diese Gäste besser zu integrieren? Wie schon der Verfasser eines anderen Kommentars korrekt bemerkte: es gibt genügend Gäste, die sich selbstständig und problemlos integrieren. In welchem Film sind wir denn bitte, daß wir Menschen, die in unser Land kommen um hier zu leben (und manch einer auch um hier zu arbeiten), auch noch darum bitten müssen, sich ein wenig besser an Land, Leute und Kultur des Gastgebers anzupassen?
Als Gastgeber ist man in der Position und hat das Recht ein paar Dinge von seinen Gästen zu verlangen - Dinge, die sehr viele Gäste auch ohne Aufforderung als selbstverständlich akzeptieren.
Ein kleines Beispiel: ich habe einen tollen Fernseher auf dem meine Nachbarn super gerne Fußball gucken. Also laden sie sich immer wieder mal selbst zu mir ein. Als guter Gastgeber lasse ich sie rein, biete ihnen einen Platz auf der Couch an und verteile auch noch ein paar Getränke. Dann wollen sich ein paar der Spezies Zigaretten anzünden - ich bin aber passionierter Nichtraucher und möchte nicht, daß meine Bude tagelang stinkt. Also verlange ich von diesen Gästen, nicht zu rauchen oder aber meine Wohnung zu verlassen. Der entscheidende Punkt ist, daß alle meine Nachbarn wissen, daß ich Nichtraucher bin, und daß die meisten es für selbstverständlich halten in der Zeit, da sie bei mir zu Besuch sind, nicht zu rauchen.
Klar... ich könnte auch zusehen, wie mir die paar Raucher die Bude zustänkern, vielleicht ein paar Broschüren über die schädlichen Folgen des Rauchens auf den Tisch legen (die ungelesen bleiben) und hoffen, daß sie die Kippen irgendwann von alleine ausdrücken... die Chancen stehen aber gut, daß sie das nicht tun werden...
Also schmeiße ich die Gäste, die sich nicht an meine Hausordnung halten, raus. Und wer dann meint, ich sei ein schlechter Gastgeber, der sollte sich erstmal an die eigene Nase packen und überlegen, ob er vielleicht vielmehr ein ganz schlechter, intoleranter Gast war.
Die Gastrolle ist schon seit Jahrzehnten abgelaufen. Sie sollten mal Ihr Wissen updaten, damit Sie vielleicht das Wissen bekommen, dass es Menschen sind mit denen Sie zussammen leben müssen und nicht um Gäste. Hoffentlich verstehen Sie es.
Mein Wissen ist durchaus auf dem Stand der Dinge und ich lebe gerne und ohne Probleme mit Menschen zusammen, die aus einem anderen Land in das unserer gekommen sind. Diese Menschen sind jedoch auch willens mit uns zu leben und haben sich den hiesigen Gepflogenheiten, Gesetzen und Verhaltensweisen soweit angepaßt, daß mit gegenseitigem Verständnis und Entgegenkommen ein Leben miteinander problemlos möglich ist.
Die Bezeichnung "Gast" für Menschen, die in ein anderes Land wandern um dort zu leben aber offenkundig keinerlei Ambitionen haben sich auch (ggf. als Staatsbürger) zu integrieren, ist jedoch durchaus angebracht.
12:36
du bist sicherlich soeiner der noch nie bus und bahn gefahren ist wo man von dem gesindel bespuckt und beleidigt wird und das 24/7 und nicht nur an dem besagten vatertagsfeier
12:34
Weshalb wirbt man um Einbürgerungen bei Ausländern, die sich dezidiert als nicht-deutsch empfinden? Exemplarisch die junge Frau, die eine bessere Zukunft für ihre Kinder will: „Ich bin ja Türkin und will es auch bleiben.“ Trotzdem will sie sich einbürgern lassen. Sie wird offiziell Deutsche sein, ihre Kinder wahrscheinlich auch, aber sie selber will Türkin bleiben, ihre Kinder im Bewusstsein erziehen, dass sie Türken sind. Eben nur mit dem mitunter sehr nützlichen deutschen Pass (für sämtliche Ansprüche in der Türkei gibt es ja die Marvi Kart für ehemalige Türken).
Die gezielte Einbürgerung von Menschen, die sich vor allem einen anderen Staat und einer anderen Gesellschaft verpflichtet fühlen, ist eine Katastrophe. Wahrscheinlich werden wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt erleben, dass staatliche türkische Stellen hier Wahlkampf machen werden bei deutschen Staatsbürgern, die sich selber als Türken empfinden. Es gibt ja bereits Versuche, türkisch dominierte Parteien zu etablieren, z.B. BIG – Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit, die sich offiziell als Partei für alle Migranten geriert, aber als Ableger der türkischen Regierungspartei AKP von Erdogan gilt.
12:30
...Deutsche, z.B. Hooligans, besoffene Vatertagsfeierer und andere scheinen das auch ganz gut zu können, das "Argumentieren" mit der Faust...
12:27
Hier kann man sehr schön sehen, dass Deutsche sich im Gegenzug in der Türkei auch nicht wirklich anpassen, aber einige Kommentatoren brauchen scheinbar ihre zementierten Vorurteile.
http://www.bz-berlin.de/aktuell/deutschland/deutsche-auswanderer-in-der-tuerkei-article982161.html
12:27
das ist richtig aber die meisten argumentieren dir mit ihrer faust ins gesicht
12:18
Wenn ich mir Ihre Rechtschreibung anschaue, bin ich mir sicher, dass viele türkische Menschen sich wesentlich besser artikulieren können, Herr Hans Maulwurf.
12:16
... und noch eine Kampagne und noch eine Veranstaltung und die Ergebnisse sind ernüchternd.
Jetzt kann man die Anforderungen für eine Einbürgerung noch weiter senken, und noch ein Begrüßungsbüro fordern oder einfach sagen: Wenn die nicht wollen, dann lassen wir das eben mit unseren Anstrengungen.
Falls der türkische Premier kommt und sagt: integriert euch nicht, sondern lebt in euren Kolonien, dann wird das schon seine Auswirkungen haben.
Die, die sich integrieren wollen, werden es schon aus eigenem Antrieb tun, und davon gibt es viele.
Was machen wir denn mit denen, die sich nicht integrieren wollen?