„Eine verdammt harte Zeit“

„Als meine auf der Wasserkuppe in der Rhön stationierte RAD-Einheit am 23. März 1945 von der Wehrmacht übernommen werden sollte, beschloss ich gemeinsam mit zwei auch aus Essen-West stammenden Freunden die Einheit heimlich zu verlassen. Wir schlugen uns – „Kettenhunde“ (Feldjäger, d.Red.) und Tieffliegerangriffe ausweichend – bis Essen durch. Da die Amerikaner sich mit dem Einmarsch nach Essen Zeit ließen – sie zogen nördlich des Ruhrgebiets zunächst nach Osten weiter – , mussten wir uns zu Hause im Keller verstecken, um nicht doch noch im letzten Moment als Fahnenflüchtige aufgehängt zu werden.

Ich hatte gehofft, meinen Vater zu Hause anzutreffen, denn er war bei Krupp UK gestellt („unabkömmlich“, d. Red.). Stattdessen fand ich auf dem Küchentisch einen Zettel mit der Nachricht, man habe ihn, Jahrgang 1898, zum Volkssturm abgeholt. Meine Mutter und meine beiden Geschwister waren evakuiert. Einige Tage später hörte ich nachts ein Rumoren an der Haustür. Ich fand meinen Vater, ziemlich betrunken in einer Uniform aus Beutegut, belgisch und dänisch gemischt, und einer Armbinde mit der Aufschrift „Deutscher Volkssturm“.

Am anderen Morgen, wieder nüchtern, erzählte er, dass ihr zusammengewürfelter Haufen von älteren Männern am Bahndamm Bergeborbeck-Altenessen einen Vormarsch der amerikanischen Truppen Richtung Innenstadt aufhalten sollte. Als dann ihr Truppführer, ein fanatischer Nazi, den Plan hatte, mit einem nächtlichen Stoßtrupp über den Bahndamm hinweg „bei den Amerikanern aufzuräumen“, hätte er nicht mehr mitmachen können und sei in der Dunkelheit abgehauen. Unterwegs nach Hause sei er an einer verlassenen, halb zerstörten Brennerei vorbeigekommen.

Mein Vater zog trotz allem wieder die komische Uniform an und sagte, er wollte zu der Einheit zurück, er könne nicht das Risiko eingehen, als Deserteur aufgehängt zu werden, er müsse ja nach dem hoffentlich bald beendeten Sch. . . krieg für seine Frau und seine drei Kinder sorgen.

Am 13. April zogen dann die US-Truppen von der Stadtmitte kommend über die Kruppstraße durch Essen-West Richtung Mülheim. Auch in Frohnhausen war der Krieg zu Ende. Als dann einige Tage später die deutschen Truppen im Ruhrkessel kapitulierten, kam auch mein Vater wieder nach Hause. Als Schlosser in der 9. Mechanischen Werkstatt bei Krupp wurde er nicht mehr gebraucht, wohl aber bei den Stadtwerken, wo er mithalf, das völlig zerstörte Netz der Essener Straßenbeleuchtung wieder herzustellen.

Das Erste, das mir erleichternd durch den Kopf ging, als mir bewusst wurde, der Krieg ist zu Ende, war: Kein nächtlicher Fliegeralarm mehr, jetzt kannst du endlich wieder durchschlafen. Nach dem Einmarsch der Amerikaner gab es keine Möglichkeit, die 1944 begonnene Lehre als Werkstoffprüfer bei Krupp fortzusetzen. Stattdessen wurden wir zum Stadteinsatz dienstverpflichtet. Mit Schüppe und Hacke mussten wir die Frohnhauser Straße vom Krämerplatz bis zum Limbecker Platz von Trümmern freiräumen, zunächst einen schmalen Weg für Fußgänger, anschließend auf die Breite zweier Fahrzeuge. bis die Strecke für die Straßenbahn befahrbar war, verbingen noch zwei Jahre. Mein Verdienst für die schwere Schufterei betrug 0,56 Reichsmark je Stunde. Eine amerikanische „Lucky Strike“ kostete auf dem Schwarzmarkt 2,50 RM. Die Wochen vor und nach dem Ende des Krieges waren verdammt hart, aber sie waren auch eine Zeit der intensiven Lebenserfahrung.
Heinz-Josef Kramer