Eine Uhr, die durchs Leben führt

Im Gegensatz zu klar sehenden Menschen stoßen Sehbehinderte oder gar Blinde im Alltag auf viele Hürden. Ob beim Spazierengehen, beim Erkennen von Schildern oder wenn sie einfach nur die Uhrzeit wissen möchten. Natalie Klippert und Janik Münk haben die Herausforderung angenommen, dieser Zielgruppe das Leben deutlich zu erleichtern und eine App für die so genannte Smartwatch entwickelt. Mit dieser Idee haben die beiden sogar den ersten Platz beim Regionalwettbewerb von Jugend forscht und den Sonderpreis „Mobilfunk“ beim Landeswettbewerb gewonnen.

Auch wenn es bereits Smartphones für Sehbehinderte und blinde Menschen gibt, der Ansporn von Natalie Klippert und Janik Münk ist es, es den Menschen noch einfacher zu machen. „Das Handy muss man in den meisten Fällen erst suchen und dann in die Hand nehmen, die Uhr ist immer am Handgelenk“, erklärt Natalie. Hinzuzufügen ist allerdings, dass die Smartwatch, also die intelligente Uhr, nur in Verbindung mit einem Mobiltelefon funktioniert.

Doch wie kommt man auf die Idee, eine App für Blinde zu entwickeln, wenn man selbst keine Sehbehinderung hat? „Das ist in der Schule entstanden. Janik und ich waren immer in der Physik und Technik AG und unser Lehrer hatte irgendwann so eine Uhr“, erinnert sich die 19-Jährige, die derzeit eine Ausbildung zur Industriekauffrau macht. „Etwas wirklich Sinnvolles konnte die Uhr aber nicht und das wollten wir ihr geben.“

Und das haben sie aus Sicht der Sehbehinderten auch getan: Je nach Schwierigkeitsgrad der Erkrankung können die vier derzeit vorhandenen Einstellungen verändert und die Bedienung somit vereinfacht werden.

„Für die Sehbehinderten haben wir mit leuchtenden Farben und Kontrasten gearbeitet“, sagt die Erfinderin und ergänzt: „Derzeit sind drei Layouts wählbar. Die, deren Sichtfeld nur wenig beeinträchtigt ist, haben immer jeweils vier Funktionen auf dem Bildschirm.“ Für die stärker Sehbehinderten werde nur ein Symbol abgebildet, das durch ein Wischen mit dem Finger verändert werden kann. Blinde Menschen hingegen müssen sich an den Eckpunkten der Uhr orientieren können, heißt: „Es gibt vier Anwendungsfelder, die nie die Position verändern. Möchte man jemanden anrufen, so ist das Symbol immer oben rechts“, erklärt die 19-jährige Natalie.

Um wirklich auf die Bedürfnisse der Erkrankten eingehen zu können, haben sich die junge Frau und der angehende Fachinformatiker für Systemintegration Janik mit einer Augenärztin getroffen, die ihnen die Unterschiede der Erkrankungen erklärt hat. „Nur so können wir wissen, wie wir die App gestalten müssen“, erklärt Natalie.

Bis jetzt kann die Uhr per Berührung die Zeit in Vibration anzeigen; etwas vorlesen, wenn man die Kamera des Smartphones an die betreffende Stelle hält; den Standort durch das Smartphone nennen und einen Notruf an eine eingespeicherte Person absetzen – dazu muss nur das Symbol mit dem Hörer gedrückt werden und schon wird gewählt. Der Gesprächspartner am anderen Ende muss dann nur noch das Telefon ans Ohr halten.

Programmieren selbst beigebracht

Die beiden 19-Jährigen haben sich die Programmiersprache selbst beigebracht, eine Herausforderung, wie Natalie sagt. „Ich bin schnell an Grenzen gekommen. Nach einiger Zeit hatten wir aber immer eine Lösung“, ergänzt sie. Derzeit arbeiten die beiden an der Standortabfrage. „Das Problem ist, dass das Mobiltelefon laut antwortet. Das mögen bestimmt nicht alle Menschen, wenn sie in der Öffentlichkeit sind“, vermutet Natalie. Daran werde aber bereits kräftig getüftelt.

Auch wenn es derzeit noch an der einen oder anderen Programmierung der vier Funktionen hapert, die beiden verfolgen klar ihr Ziel, die App eines Tages auf den Markt bringen zu können. Ein bisschen Zeit werden sie laut eigenen Angaben allerdings noch brauchen, schließlich haben sie erst im November vergangenen Jahres mit der Umsetzung der Idee begonnen und entwickeln nebenbei alles selbst.

Damit Natalie und Janik sich nicht umsonst den Kopf über mögliche Wünsche und Bedürfnisse der Patienten zerbrechen, werden sie am Tag der Sehbehinderten, 13. Juni 2015 im Haus der Technik in Essen, Betroffene zu ihrer App befragen und, wie sie hoffen, Zustimmung oder viele Verbesserungsvorschläge für ihr Projekt bekommen.