Eine Tasche voll mit Süßigkeiten

Kinderumzug in Borbeck
Kinderumzug in Borbeck
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Sonntag steht im Zeichen der Veranstaltungen in den Stadtteilen. Die sind vor allem familiär, manchmal aber auch politisch.

Essen..  Für manche beginnt der Karnevalssonntag in Essen mit einer Flucht. Die Leute fliehen aber nicht, um tief im Wald ihre Ruhe vor den Narren und Jecken zu finden. Ganz im Gegenteil: Am Werdener Bahnhof steht eine große Meute Verkleideter, überwiegend Jugendliche und schon früh in guter Stimmung. Singend und grölend steigen sie in den Zug – ihr aller Ziel ist klar: Die jecke Hochburg Düsseldorf.

Dabei muss an diesem mit so strahlenden Wetter gesegneten Sonntag eigentlich kein Essener Karnevalsfreund die Reise in die Landeshauptstadt antreten, vor der Haustür gibt es bekanntlich genug Möglichkeiten für närrischen Frohsinn. Am Sonntag dominieren dabei traditionell die Veranstaltungen in den Stadtteilen wie in Heisingen, Borbeck, Altenessen oder Freisenbruch.

Oder eben in Werden. Vom Bahnhof sind es nur ein paar Schritte bis in die Altstadt. Der Bollerwagenumzug ist zwar gemütlich und überschaubar, die Stimmung trotzdem fantastisch. Der Umzug in Werden oder auch der Kinderkarneval in Borbeck zeigen: Essen hätte mit den traditionellen Veranstaltungen am Sonntag keine Schwierigkeiten, sich als Hochburg für Familienkarneval zu verkaufen.

Clown mit Zaubertricks

Mama, Papa, Oma, Opa und der Nachwuchs haben ihren Spaß. „Das ist einfach sehr nett und familiär hier“, sagt Melanie, die mit ihren beiden Kindern Mia und Leon nach Werden gekommen ist. Während in Borbeck ein Clown den Nachwuchs in der Dubois-Arena mit Zaubertricks unterhält, freuen sich die befreundeten Mütter Arletta und Saskia über die Süßigkeitenausbeute ihrer Jungs Collin und Hendrik. „Hier schnappt kein Erwachsener den Kindern etwas weg“, sagt Arletta.

Für die vielen verkleideten Indianer, Piraten, Clown und Prinzessinnen gehört die Hatz nach Süßigkeiten nun Mal zum absoluten Höhepunkt jedes Karnevalsumzuges. Sie kämpfen um jedes geworfene Bonbon, krabbeln unter parkende Autos, kennen Schleichwege, um den Zug noch mal zu sehen – bis die Stoffbeutel endlich überquellen mit Bonbons, Chips- und Popcorntüten.

Der Karneval in den Stadtteilen ist aber nicht nur familiär, sondern kann sogar politisch sein. Wie in Werden. Gleich mehrere der Bollerwagen greifen die Terroranschläge in Paris und ihre Nachbeben auf – und die Motivmacher trauen sich sogar einen Seitenhieb in Richtung der übergroßen Karnevalshochburg Köln zu.

Politischer Karneval

„Charly est Werden“ steht auf einem der Bollerwagen, vorneweg laufen ein Mann und eine Frau, verkleidet als Charly Chaplin. Die Anspielung auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den nach dem Anschlag mit zwölf Toten weltweit bekannt gewordenen Slogan „Je suis Charlie“ ist unverkennbar. Auf der Vorderseite des Wagens wird die Politik mit karnevalistischem Humor gewürzt: „Liberté, Egalité, Tätärätä“ heißt es dort in bunten Buchstaben. Ein anderer Bollerwagen stellt die „Motivfrage“, über die in den Wochen vor dem Kölner Rosenmontagszug diskutiert worden war. Dort stoppte das Festkomitee den Bau eines Charlie Hebdo-Wagens – in Werden fällt dazu der Spruch: „Ohne Karikatur und Persiflage wär’s Närrische auch im A...Eimer.“ Die „Alten Weiber“ des Stadtteils geben zu guter Letzt den Feinden der angeblichen Islamisierung des Abendlandes ihr Fett weg: „Aule Wiewer statt Pegida“ skizziert ihr Bollerwagen.

Dem Essener Prinzenpaar dürfte es gefallen haben, wenngleich ihnen vom Werdener Rathausbalkon wahrscheinlich der Blick für die Details fehlt. Für Wolfgang I. und Nicole II. ist es ein anstrengender Tag, nach dem Besuch in Werden geht es für sie weiter beim „Schweinekarren-Rennen“ im Altenessener Allee-Center, wohl nicht der letzte Einsatz an diesem Tag und schon gar nicht in diesen Tagen: Beim Rosenmontagszug in Rüttenscheid werden sie für zwei Stunden auf einem der Wagen unterwegs sein. Zu Essens zentralem Rosenmontagszug werden rund 100 000 Menschen erwartet. Start ist um 13.11 Uhr auf dem Platz vor der Grugahalle, das Ziel liegt an der Rolandstraße.