Eine Pfadfinderin im Pflegedschungel

Von jetzt auf gleich könnenältere Angehörige zum Pflegefall werden. Oftmals muss dann schnell Hilfe organisiert werden.
Von jetzt auf gleich könnenältere Angehörige zum Pflegefall werden. Oftmals muss dann schnell Hilfe organisiert werden.
Foto: imago/Westend61
Was wir bereits wissen
Die Essener Sachverständige Claudia Schröder hilft Angehörigen bei der Beantragung einer Pflegestufe. Besuch des Medizinischen Dienstes muss gut vorbereitet sei

Essen.. Wenn die Pflegegesetzgebung ein Dschungel ist, dann hat Claudia Schröder von der Familien- und Krankenpflege e.V. (FuK) die Machete in der Hand: Die ausgebildete Krankenschwester und Pflegesachverständige befasst sich seit 30 Jahren mit dem Thema und hat sich einen professionellen Durchblick verschafft. Die Fachfrau bietet nicht nur regelmäßige Beratungen an, sondern ist auch als unabhängige Sachverständige und Gutachterin vor dem Sozialgericht tätig.

„Immer mehr pflegende Angehörige brauchen Hilfe“, hat sie beobachtet, „leider kommen manche erst dann zur Beratung, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn zum Beispiel die beantragte Pflegestufe bereits abgelehnt wurde.“ Vielen verzweifelten Menschen, die von jetzt auf gleich Hilfe für Mutter oder Vater, Ehemann oder -frau organisieren mussten, konnte Claudia Schröder schon helfen. „Ein Pflegefall kann ganz plötzlich eintreten und dann sind viele erstmal überfordert“, weiß sie aus Erfahrung. Damit alles in geregelten Bahnen verläuft, sei es enorm wichtig, sich schon vor dem Besuch des Medizinischen Dienstes (MDK) der Pflegekasse, dessen Gutachten letztendlich ausschlaggebend für eine Bewilligung der Pflegestufe ist, gründlich vorzubereiten.

Über Besuchstermin schriftlich informieren lassen

Claudia Schröders erster Tipp: Wer eine Pflegestufe beantragt, sollte im Vorfeld ein detailliertes Tagespflegeprotokoll führen. Dabei liegt die Betonung auf dem täglichen Pflegebedarf, nicht auf der hauswirtschaftlichen Hilfe. Die zählt für die Kassen nicht. „Ich habe dazu ein Protokoll entwickelt, das viel ausführlicher ist als das Pflegetagebuch, das die Kassen schicken“, sagt Schröder. Dieses Protokoll sollte der Gutachter des MDK unbedingt mitnehmen. „Lassen Sie sich nicht abwimmeln.“

Ganz wichtig sei es auch, bei dem Besuch des MDK als Familienmitglied zugegen zu sein. „Damit der Gutachter bei dem Pflegebedürftigen nicht einfach auf der Matte steht, sollte bereits im Antrag stehen, dass man über den Besuchstermin schriftlich informiert werden möchte.“ Sonst folgt schon mal das böse Erwachen. „Ältere Menschen neigen dazu, ihre Situation zu verharmlosen oder geben nicht zu, dass sie Hilfe benötigen.“ Das kann Folgen haben: Denn die Gutachter agieren immer im Sinne der Pflegekasse – was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie eher angehalten werden, Kosten zu vermeiden und Anträge im Zweifel abzulehnen.

Widerspruch präzise begründen

Wird die benötigte Pflegestufe nicht bewilligt oder kommt es zu einer Rückstufung, sollte unbedingt Widerspruch eingelegt werden. Der muss professionell begründet werden. „Darin bin ich Profi“, sagt Schröder selbstbewusst und verweist auf ihre Erfolgsquote von 95 Prozent.

Beim Widerspruch hat der Pflegebedürftige Anspruch auf eine erneute Begutachtung durch einen Experten. „Viele Pflegekassen beurteilen jedoch nur nach Aktenlage.“ So lassen sich die zweiten Gutachter das alte Gutachten, das zur Ablehnung geführt hat, einfach vorlegen – mit vorgezeichnetem Ausgang. „Angehörige können aber auf eine zweite Begutachtung vor Ort bestehen.“

Klagen können Jahre dauern

Eine Klage sei der letzte mögliche Schritt, „doch dafür braucht man einen langen Atem“, weiß Schröder. Zwar ist der Rechtsweg für den Kläger kostenlos, doch die Sozialgerichte sind heillos überfordert. „Als Gutachterin bekomme ich Akten, die teilweise drei Jahre alt sind.“

In Claudia Schröders Beratungssprechstunde geht es auch um andere Themen: Ob Betreuungsgeld, finanzielle Hilfe bei der Umrüstung der Wohnung, Zuschüsse bei Hilfsmitteln oder Anspruch auf Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege, wenn der pflegende Angehörige Urlaub machen möchte – „es gibt viele Unterstützungen, die man für seinen pflegebedürftigen Angehörigen geltend machen kann. Man muss es nur wissen.“