Eine Geschichtsstunde mit Tanzlehrer

Normalerweise geht es im Museum Folkwang um die Auseinandersetzung mit der internationalen Kunstgeschichte. Mit der Ausstellung „,Anschläge von ,Drüben“ hat das Haus derzeit ein Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte aufgegriffen. Die Plakatausstellung vermittelt 26 Jahre nach dem Fall der Mauer einen Eindruck von der erstaunlichen Vergangenheit der Plakatkunst in der DDR.

Von „Drüben“ kommen nicht nur die Plakate, sondern auch Peter Keup. In der früheren DDR war er Turniertänzer im Nationalteam. Später wurde er wegen eines Fluchtversuchs inhaftiert und schließlich mittels Freikauf nach Westdeutschland abgeschoben. Heute ist Keup Tanzlehrer und „Zeitzeuge“, der Schulklassen die Möglichkeit gibt, den Lebensalltag und die Politik der Deutschen Demokratischen Republik im Gespräch kennen zu lernen.

An diesem Vormittag ist die 10. Klasse der Realschule am Stoppenberg der Einladung des Museum Folkwang gefolgt, um einen Eindruck vom Leben im SED regierten Staat bekommen. Denn Zensur und Widersprüche werden in den politischen, Werbe- und Kulturplakaten der Ausstellung sichtbar und verdeutlichen, was Keup – unterstützt von Kunstvermittlerin Anja Thomas-Netik – berichtet.

Etwas zögerlich kommen die Schüler mit dem Zeitzeugen ins Gespräch. Er berichtet von seiner frühmilitärischen Ausbildung in einem speziellen Camp, Schlamm- kriechen und Granatenweitwurf inklusive. Die Schüler sind erstaunt, stellen Vergleiche mit heutigen Leichtathletik-Disziplinen an und erfahren vom Zeitzeugen: „Es ging nur mit Gehorsam und hundertprozentiger Loyalität gegenüber dem Staatssystem, sonst hatte man es sehr schwer in der DDR.“

Peter Keup wird in den 1960ern groß, erlebt als Kind den Mauerbau. „Damals waren die Fronten Ost und West sehr stark gegeneinander ausgerichtet. Uns in der DDR wurde eingetrichtert, der Westen halte an alten Werten und am Nationalsozialismus fest, im Osten sei alles besser“, beschreibt er die damalige Situation.

Vor dem Plakat mit dem Titel: „Der Jugend unser Vertrauen“, von Gerhard Schlauch kann Keup seine Emotionen nicht verbergen. Drei offenbar glückliche Jugendliche sind darauf abgebildet. „Es wird suggeriert: Jeder kann etwas werden und seine Fähigkeiten entfalten“, so Keup. „Aus meiner Sicht ist das plumpe Propanda!“, sagt er energisch. Und was ist das überhaupt für eine Erziehung, wenn behauptet wird, dass es eine Instanz gibt, die immer Recht hat?“ Aufmerksam hören die Zehntklässler zu.

Keup sagt, es sei ihm wichtig, mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen: „Der Kontakt zu den Schülern ist wie ein Jungbrunnen für mich, und ich weiß es sehr zu schätzen, wenn Schulen das Angebot annehmen.“

Weitere Termine: Mittwoch, 15. April 10 und 12, 14 und 16 Uhr. Anmeldung unter 884 54 44.