Eine deutsch-deutsche  Geschichte im Schauspiel Essen

Stephanie Schönfeld (l.) Silvia Weiskopf, Ines Krug, Julia Goldberg, Flora Pulina in „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“.
Stephanie Schönfeld (l.) Silvia Weiskopf, Ines Krug, Julia Goldberg, Flora Pulina in „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“.
Foto: waz
Was wir bereits wissen
Fünf Frauen, viele Erinnerungen: „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“ erzählt eine deutsch-deutsche Geschichte.

Essen.. „Zwei Anoraks, sechs Blusen, zwölf Schlüpfer, eine Puppe, vier Blusen, sieben Wärmflaschen“, das Familienfoto unter Glas nicht zu vergessen. So könnten sie endlos weitermachen, die Mutter und ihre vier Töchter. Fünf Frauenfiguren in Henriette Dushes subtilem, lebensklugem, poetisch wortverknapptem Gewinner-Stück der vergangenen Autorentheater-Tage „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht sehr weiten Strecke“, dessen Uraufführung von Ivna Žic in der Casa des Schauspiel Essen mit langem Applaus gefeiert wurde. Es ist eine Ausreisegeschichte, eine Familiengeschichte, vor allem ist es eine Geschichte, die zeigt, wie sich Vergangenheit im Rückspiegel verzerrt, weil sich die persönlichen Perspektiven irgendwann verschieben.

Bettlaken, Ausweise, Taufscheine

Also alles noch mal penibel aufzählen, wissen, erinnern. Die Zahl der Bettlaken, Kompottschalen, Ausweise, Geburtsurkunden, Taufscheine. Als sie die DDR damals verlassen haben, da konnten sie ihr altes Leben wie eine Zoll-Deklaration aufzählen. Vergangenheit, sorgsam aufgelistet und akribisch abgepackt. Jetzt wissen sie nicht mal mehr die Nummer des Bahngleises, von dem sie damals abgereist sind. Und war die Oma damals am Gleis und hat zum Abschied gewunken oder nicht?

Metallgerüste wie Wachtürme

Martina Mahlknecht gelingt es, diese Unbehaustheit und Heimatlosigkeit zwischen Neuanfang und Rückblick mit einem ebenso sparsamen wie wirkungsvollen Video- und Bühnenarrangement zu illustrieren. Die vier riesigen Metallklettergerüste, die vage an ehemalige DDR-Wachtürme erinnern, sind manchmal Ausguck, Ausflucht oder Rückzugsraum. Hier geht der Blick – umweht von Reinhard Dix’ atmosphärischer Soundbegleitung – weit zurück. Dushe malt das Panorama bis in die Großeltern-Generation des 2. Weltkriegs aus.

Ivna Žic entwickelt daraus eine ungemein dichte, vitale und facettenreiche Choreografie der Stimmen, die mal als Chor, mal im Duett, mal als Einzelstimme auftreten. Die Mutter (Ines Krug) wird immer mehr zur Außenseiterin, die lieber verdrängen, vergessen, verschweigen möchte. Die Töchter (in großartiger Spiellaune: Julia Goldberg, Flora Pulina, Stephanie Schönfeld, Silvia Weiskopf) indes finden zu immer drängenderen Fragen, machen die persönliche Sinn- und Selbstfindungssuche in ihrem dezenten Wende-Look (Kostüme: Sophie Reble) zu einer intensiven, schmerzhaften, aber auch hochkomischen Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Vergangenheit.

War das eine große Ziel, das Weggehen, wirklich das Ziel aller Familienmitglieder? Erinnerungen an die Lehrerin im knisternden orangefarbenen Pulli werden da wieder wach, an die Männer in Grau, an die Farben des Westens, das Blau der Müllsäcke und das Rot der RAF-Plakate, an die Veränderung des Vaters, der im Westen irgendwann ganz still wird, still und sterbensunglücklich. Die fünf Frauen aber reden. Schicksalsgemeinschaft und Solidargemeinschaft gleichermaßen. Reden und listen die Vergangenheit auf. „Drei Obstmesser, ein Bügeleisen, die Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge.“ Die Angst wird zu allerletzt hervorgekramt.