Ein Wandersteig über die Höhen des Baldeneysees in Essen

Was wir bereits wissen
Wandern ist ein Megatrend, doch Essen schöpft das Potenzial der Ruhrtal-Landschaft kaum aus. Dabei wäre eine durchgehend markierte Route möglich.

Essen.. Wandern ist ein Megatrend, was sich an der Vielzahl neuer touristischer Fern- und Themenwanderwege ablesen lässt, die es in Deutschland mittlerweile gibt. Was vor Jahren mit den überraschenden Erfolgen des Rothaarsteigs und des Rheinsteigs begann, hat seither viele Touristiker inspiriert, die in ihren Regionen vom Wander-Boom profitieren wollen. Könnte etwas Ähnliches, wenn auch kürzeres in Essen ebenfalls funktionieren?

Nach mehreren Tagestouren und intensiver Routen-Suche nördlich und südlich des Baldeneysees trauen wir uns ein Urteil zu: Wenn man die vorhandenen Wege geschickt zusammenbindet, vergessene Wege reaktiviert und einige hundert Meter zugewachsener oder seit Ela versperrter Routen freischneidet, wäre ein durchgehender, landschaftlich sehr reizvoller, rund 20 Kilometer langer „Baldeneysee-Steig“ absolut möglich (zur Bildergalerie). Der Reiz ist: Dieser Steig hat den See zwar oft in Blickweite, verläuft aber über die stillen Höhen des Ruhrtals und nur hin und wieder direkt am rummeligen Ufer mit seinem Asphaltweg.

„Wanderpapst“ Rainer Brämer: Projekt Baldeneysee-Steig ist interessant

Mut zu einem solchen Projekt macht einer, der in den letzten 20 Jahren so etwas wie der deutsche Wanderpapst geworden ist: Rainer Brämer. Mit seinem Konzept der „Premiumwanderwege“ hat der Wissenschaftler und Gründer des Deutschen Wanderinstituts mancher altersmüden Wanderregion auf die Beine geholfen und neue Routen in Regionen kreiert, die gar nicht (mehr) wussten, wie attraktiv sie sind. Vom Ruhrtal in Höhe Essen war Brämer bei einem länger zurückliegenden Besuch „hier und da positiv überrascht“, ein erlebnisreicher Steig sei durchaus möglich. Ein Blick auf die denkbare Route zeigte dem Wanderprofi allerdings auch, wo es haken könnte.

Touristikern und Wandervereinen hat Brämer immer wieder klargemacht, was Wanderer und Spaziergänger wirklich wollen, häufig aber vermissen: Wer wandert, mag beispielsweise keinen Asphalt, sondern freundlichere Bodenbeläge. Er schätzt eine abwechslungsreiche Landschaft und Wegestruktur und will zuverlässig geleitet werden. All das klingt selbstverständlicher, als es ist. Jeder Wanderer hat aber schon geflucht über geteerte und womöglich auch noch verkehrsbelastete Abschnitte, hat sich auf endlosen Forststraßen in plantagenartigen Stangenwäldern gelangweilt oder an Weggabelungen gerätselt, wo es denn wohl langgehen mag.

Kryptische Ausschilderungen, die keinen großen Nutzen für Wanderer haben

Wie sieht es da am Baldeneysee aus? Abwechslung im Landschaftsbild ist auf jeden Fall gesichert. Südlich des Sees zwischen Werden und Kupferdreh dominieren kleine Wälder und weite, aufgelockerte, eher extensiv genutzte Agrarlandschaften. Auf der Nordseite um Bredeney und Heisingen hingegen gibt es als Highlight einige steile, schmale, besonders attraktive Pfade in naturnahen Wäldern, die phantastische Ausblicke auf den See und das Ruhrtal eröffnen. Im Rahmen der Grünen Hauptstadt 2017 sollen viele dieser heute oft verwilderten Aussichtspunkte neu markiert und erschlossen werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Eine rund drei Kilometer lange Asphaltstrecke in Höhe Heisingen ist kaum zu vermeiden, immerhin aber führt diese fast autofrei direkt am See entlang. Auch in Fischlaken kommt man um einige geteerte Abschnitte nicht herum. „Wanderer ärgert sowas, attraktive Landschaften werden aber als Ausgleich akzeptiert“, betont Rainer Brämer.

Eine Katastrophe ist die kryptische, veraltete oder ganz fehlende Beschilderung und Markierung. Wer auf den Ruhrhöhen eine lange Tour machen will ohne sich genau auszukennen, ist ohne Karte nahezu aufgeschmissen. Kartenlesen können und wollen aber nur die wenigsten. Brämer: „Wer heutzutage wandert, will nicht rätseln, welches der richtige Weg ist. Ohne gute Beschilderung braucht man also mit einen Baldeneysee-Steig gar nicht erst anfangen.“ Weil hierfür viele Grundstückseigentümer ihr Okay geben müssten, ist das kein triviales Thema, und ganz billig ist ein gutes Beschilderungssystem auch nicht. Kombiniert werden sollte dies mit einem auffallenden Logo, das auch für das Marketing des Steigs nutzbar ist, regt Brämer an.

Wandererlebnis lässt sich gut mit einer Fahrt mit der Weißen Flotte kombinieren

Wer den Baldeneysee-Steig komplett laufen wollte, muss 20 Kilometer unter die Sohlen nehmen, was mindestens fünf Stunden reine Gehzeit bedeutet. Inklusive der selbstredend empfehlenswerten Pausen kommt da schnell eine Tagestour zusammen. Das ist machbar, doch selbst für gute Wanderer durchaus anstrengend.

Der Gesamtweg lässt sich aber auch nach Lust und Laune in einzelne Abschnitte unterteilen. Rainer Brämer hält es für „besonders reizvoll“, dass sich das Wandererlebnis am Baldeneysee zumindest im Sommerhalbjahr gut mit einer Fahrt mit der Weißen Flotte kombinieren lässt: Man startet an einem der Bahnhöfe (etwa Hügel oder Kupferdreh), an einem Auto-Parkplatz oder einer Bushaltestelle, läuft beliebig lange und kehrt dann mit dem Schiff wieder an den Ausgangspunkt zurück. Es gibt nicht viele Wandergegenden, die das bieten können, der Baldeneysee hat da fast ein Alleinstellungsmerkmal. Abgesehen davon sei die Nähe eines Gewässers für die Qualität einer Wanderung eigentlich immer von Vorteil. „Menschen blicken gerne aufs Wasser“, sagt Brämer.

Experte rät, auch an die Spaziergänger zu denken, die nur kurz laufen wollen

Bei der Stückelung des Steigs und möglichen Abkürzungen denkt der 73-jährige Wissenschaftler an einen Kreis von Menschen, die von den traditionellen Wanderverbänden oft links liegen gelassen werden, obwohl sie sehr zahlreich sind: die Spaziergänger. Sie zieht es für ein, zwei Stunden ins Grüne, ohne dass sie dabei besonderen wandernden Ehrgeiz entwickeln. „Aber das heißt ja nicht, dass man sie mit langweiligen Pfaden oder schlechtem Service abspeisen muss“, sagt Brämer.

Ob Langstrecke oder kurzer Spaziergang - wichtig ist neben dem Laufen das Rasten und Einkehren, und auch in diesem Punkt hätte ein Baldeneysee-Steig einiges zu bieten. An den „Brückenköpfen“ in Werden und Kupferdreh, aber auch zwischendurch gibt es mindestens ein Dutzend Gastronomien. Manche direkt am Wasser, andere in Höhenlage und mit Traumblick. Wanderer, betont Brämer, sind oft keine armen Leute. Sie geben gerne am Weg auch Geld aus, wenn die Qualität stimmt - und sie das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse zählen.

Der Baldeneysee-Steig zum "Nachlaufen" – einige markante Punkte

Wer den noch inoffiziellen Baldeneysee-Steig laufen will, braucht derzeit dreierlei: ein wenig Orientierungssinn, eine Karte aus Papier oder als Smartphone-App und den Mut, hie und da auch mal querfeldein zu laufen, um sich (unnötige) Straßen zu ersparen und schöne Wege zu erschließen.

Startpunkte sind einige denkbar, wir wählen das Stauwehr Werden, und zwar die südliche, die Werdener Seite. Zunächst geht es rund 200 Meter auf der Uferstraße Richtung Kupferdreh, bevor scharf rechts ein schmaler Pfad abzweigt, der steil hochführt zum kleinen Friedhof an der Huffmannstraße, den man durchquert. Man stößt auf ein Wanderzeichen (umgekehrtes „T“), dem man sich zunächst anvertrauen kann. Es geht den Wald hoch in Richtung Zimmermannstraße in Fischlaken.

Umweltschutz Schöner ist es aber, vor Erreichen der Straße und der Häuser links in den Wald abzubiegen, über namenlose Wege und eine winzige Straße mit dem Namen Dodelle zu wandern und erst später auf die Zimmermannstraße zu gelangen. Dort folgt man dem Wanderzeichen „Z“ über die aussichtsreichen Fischlaker Höhen bis zum Haus Scheppen. Dort ist das erste Viertel des Weges geschafft.

Weiter geht’s über Pörtingsiepen und Margrefstraße, und wieder hat der Wanderer viel Gelegenheit, über das ländliche Fischlaken zu staunen. Der Weg mit dem umgedrehten „T“ quert später zweimal die Hammer Straße, heißt dann Augustaweg, bekommt vom Sauerländischen Gebirgsverein noch ein „X“-Zeichen verpasst und mündet schließlich an der Siedlung Seebogen auf dem Uferweg bei Kupferdreh. Kurz zuvor gibt es einen verwunschenen, fast alpinen Pfad mit Seeblick zu entdecken, der derzeit leider gesperrt ist, aber hoffentlich irgendwann ein Teil des Baldeneysee-Steigs wird – wenn der Grün und Gruga-Betrieb für solche Feinheiten mal wieder Zeit hat.

Über die alte Kampmann-Eisenbahnbrücke – die halbe Strecke wäre geschafft – geht’s dann auf die Nordseite des Sees, und hier bleibt erst mal wenig anderes, als dem „X“ nah am Ufer durch das Vogelschutzgebiet zu folgen und sich von den Höhen über der Ruhr für einige Kilometer zu verabschieden. Eine eher theoretische Alternative auf den Höhen wären nämlich die wenig aufregenden Heisinger Wohnstraßen.

Einige hundert Meter hinter dem Zechenturm Carl Funke geht’s dann wieder in die Berge. Teilweise mit „X“ und „A3“ markiert, manchmal auch nicht, führt die Route auf wunderschönen Aussichtswegen durch die steilen Wälder, wobei der Wanderer öfter die Qual der Wahl hat und jedenfalls die schönsten und schmalsten Pfade teilweise noch Ela-geschädigt und gesperrt sind. Hier sind auch Entdeckungen möglich wie der Aussichtspunkt, den das Bild oben rechts zeigt. Vorsicht an der Felskante!

Dieser vielleicht schönste Wegabschnitt endet kurz vor der Lerchenstraße, hier wäre dann entspanntes Absteigen und Auslaufen entlang des Sees bis zum Ausgangspunkt möglich. Falls die Kraft aber noch reicht, geht’s weiter: Die Klusenkapelle lässt man rechts liegen und passiert ein Drehkreuz am linken Rand der Straße „An der Kluse“. Der dann folgende stille Weg durch den Krupp-Wald umgeht erst den Hügelpark, um dann nach vielen Waldkurven mit Markierung „A2“ zur Freiherr-vom-Stein-Straße abzusteigen. Kurz noch durch den Etuf-Golfplatz und übers Stauwehr - das war’s.