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Ein starkes, zartes Stück übers Zweifeln

13.10.2012 | 00:08 Uhr
Ein starkes, zartes Stück übers Zweifeln
philip gehmacher solo with jackFoto: n.n.

Dieser Raum hat nichts zu sagen. Obwohl man natürlich versucht, die Dinge zu entziffern. Skulpturen aus Balken, eine riesige silbrige Bettdecke, über Holzböcke drapiert, ein gespensterhaftes Gemälde an der gefliesten Hinterwand des Saals in Pact Zollverein. So wie Philipp Gehmacher und Jack Hauser sich dort umschauen, ein paar Schritte gehen, stehen, wenden, sich hinlegen, aufstehen, ist es ein unhäuslicher Ort, gestaltet von Vladimir Miller. Nicht total fremd, aber auch nicht vertraut.

Ein Dialog ohne Thema

Der österreichische Tänzer und Choreograph Gehmacher, häufiger Gast in Pact Zollverein, ist ein Meister solcher feiner Zwischenlinien. Er setzt auch das Unhäusliche eines Menschen in seinem eigenen Körper in Tanz um: eine spärliche Bewegung, die leicht ruckelt oder stottert.

Sein „Solo with Jack“, jetzt als deutsche Erstaufführung auf Zollverein zu erleben, ist ein starkes, zartes, melancholisches Stück übers Zweifeln. Und eine einzige uferlose Frage: Was ist mit mir? Ob der grauhaarige Mann „Jack“ eine Vaterfigur oder der Jüngere in imaginierter Zukunft ist, bleibt offen. Erst herrscht große Distanz, dann stehen die beiden einander gegenüber, strecken die Arme wie Pinguinflügel oder Leute, die einander an den Händen halten, formen Winkel mit den Unterarmen. Wer hier wen spiegelt, verschwimmt. Sie horchen, beobachten, folgen, führen, später berühren sie einander, holzig, nie herzlich. Es ist ein Dialog ohne Thema, denn es geht um das Muster der Verständigung selbst. Sprache.

Manchmal streichen Takte aus Schubert-Symphonien durch den Raum, in ewiger, mechanischer Wiederholung, als hielte jemand die Zeit an für die Suche dieses in sich gekehrten Solo-Menschen.

Brief an den Vater

Er fällt auf die Knie, wird klein neben „Jack“ oder liegt, zu schwer geworden, am Boden. Schließlich führt ihn der Ältere an eine Stelle, verlässt ihn, geht von der Bühne. Da beginnt Gehmacher zu sprechen, Sätze, Zitate, über das Leben nach dem Muster anderer, über eine eigene Sprache, übers Nichtwissen, Nichtentscheiden, übers Fallen.

Man ahnt eine Hommage an Franz Kafka. Der schickte seinen Brief an den Vater nie ab. Darin versuchte er sich zu erklären, sein Stocken und Stottern und Schweigen.

Von Melanie Suchy


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