Ein Selfie mit Wagner in der Philharmonie

„Modern Times"  in der Philharmonie mit Matthias Goerne und Dagmar Manzel.
„Modern Times" in der Philharmonie mit Matthias Goerne und Dagmar Manzel.
Foto: Matthias Jung
Was wir bereits wissen
Theater und Philharmonie feiert „Sommernachtstraum“ frei nach Chaplin: „Modern Times“ brachten die Goldenen Zwanziger in Wort und Ton zum Klingen.

Essen.. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, als ewig Reisender mit seinen Koffern unterwegs, rezitierte sich selbst. Richard Wagner, die Tannhäuser-Partitur samt Taktstock in der Hand, schritt stumm (!) durch die Besucherreihen und blickte gar für Selfies geduldig ins Objektiv.

Und die junge, hübsche Krankenschwester, wohl gerade aus ihrem hundertjährigen Dornröschenschlaf erwacht, wunderte sich über das, was sie in und rund um die Philharmonie so sah. Wie der junge Herr in Zylinder und Monokel oder andere historische Statisten entstammte sie einer Zeit, die der diesjährige Sommernachtstraum nach dem berühmten Charlie Chaplin-Klassiker als „Modern Times“ bezeichnete – eine historisch weit gezirkelte Spanne von 1880 bis 1930.

Antipasti und Zwiebelkuchen

Unter der höchst geschickten Regie von Teresa Reiber gestaltete sich der fast fünfstündige, aber kurzweilige Saisonausklang zu einer starken, spartenübergreifenden Leistungsschau, bei der die Videoinstallation (Bibi Abel) ihren gehörigen Anteil hatte.

Dazu zwei Pausen von Bayreuth-Format, die samt Rahmenprogramm zu Antipasti-Etageren oder würzigem Zwiebelkuchen in den RWE-Pavillon und den Stadtgarten einluden.

Musikalisch näherte man sich dem Motto der Modernität in drei Teilen. Matthias Goerne war der hochkarätige Bariton, der Lieder von Gustav Mahler, Alban Berg und Kurt Weill/Bert Brecht (Klavier: Alexander Schmalcz) zum eindringlichen Erlebnis machte: dramatisch, expressiv, stimmgewaltig.

Einsame Trompete zum Abschied

Die goldenen Zwanzigerjahre brachte Dagmar Manzel als hinreißende Chansonnière mit Charme und Berliner Schnauze in Wort und Ton zum Klingen. Die Essener Philharmoniker glänzten dabei unter der Leitung von Marc Piollet als Revue- und Kinoorchester und begleiteten live kurze Schwarzweiß-Streifen wie Disneys witzigen „Alice Helps the Romance“ mit der ebenso witzigen Filmmusik von Paul Dessau.

Zwischen spätromanischer Opulenz und zwölftöniger Avantgarde tarierten die Essener Philharmoniker schließlich den stilistischen Wandel um die Jahrhundertwende aus: hier Wotans Abschied, von Matthias Goerne sicher gestemmt, dort Anton Weberns aphoristisch kurze, filigrane Stücke op. 10, bevor eine einsame Trompete den Zuhörer mit Charles Ives‘ tönendem Fragezeichen verabschiedete.